Rapidler im Polizeikessel: „Ich hab' ein Kind, ich will nur raus!“

„Fanmarsch“ vor Gericht. Grünweiße Fans, die vor dem Wiener Derby im Dezember mehrere Stunden von der Polizei eingekesselt worden sind, ziehen seit Freitag vor das Verwaltungsgericht Wien. Die betroffenen Rapidler sehen das Vorgehen der Exekutive als rechtswidrige Maßnahme.

Der Rapid-Sketor blieb beim 1:6-Debakel leer.
Der Rapid-Sketor blieb beim 1:6-Debakel leer.
Der Rapid-Sketor blieb beim 1:6-Debakel leer. – APA/HANS PUNZ

Wien. Ein Großaufgebot, 637 Polizisten, hatte die Aktion vom 16. Dezember 2018 durchgeführt. Was seither unter das Schlagwort (Hashtag) „Rapidkessel“ fällt, lässt sich so umreißen: Fast 1400 Personen, die an einem Marsch von Fans des SK Rapid Wien teilgenommen hatten, wurden bis zu sieben Stunden lang auf offener Straße eingekesselt. 28 Betroffene ziehen nun vor das Verwaltungsgericht Wien. Am Freitag begannen die Verhandlungen.

Der Marsch (Corteo) hatte zum Stadion des Stadtrivalen FK Austria Wien geführt. Laut Polizei wurden Schneebälle, Dosen und pyrotechnische Gegenstände auf die in der Nähe der Spielstätte liegenden Süd-Ost-Tangente (A 23) geworfen. Die Strecke wurde daraufhin für einige Minuten gesperrt.

Die Polizei setzte eine rigorose Maßnahme. Der gesamte Fanzug wurde aufgehalten – auf einem schmalen Weg direkt neben der Tangente. Alle mussten zur Identitätskontrolle. Dann erfolgten Wegweisungen. Später brachte die Polizei auch Anzeigen wegen vorsätzlicher Gemeingefährdung ein.

„Gefangen“ mit 13-Jähriger

Die Linie der 28 Beschwerdeführer (Personen, die auch damals eingekesselt worden sind): Die Polizeiaktion sei unverhältnismäßig und daher rechtswidrig gewesen.

Den Anfang machte am Freitag eine junge Mutter, die mit ihrer 13-jährigen Tochter stundenlang festgehalten worden war – übrigens bei eisiger Kälte, im Schneematsch stehend. Richter Wolfgang Helm fragte die Frau, warum sie in Begleitung einer Minderjährigen an einem hitzigen Fanmarsch teilgenommen habe. Die Frau erklärte, sie sei in Begleitung ihres Cousins gewesen. Dieser habe ihr vorher gesagt: „Wenn Euch Austrianer abfangen, kann ich Euch nicht verteidigen.“ Daher habe sie sich mit Tochter und Cousin dem vielköpfigen Pulk der Rapid-Fans angeschlossen.

Der Richter: „So gewalttätig sind die Wiener Klubs?“ Antwort der von Anwalt Christian Podoschek vertretenen Beschwerdeführerin: „Ich kenne mich nicht so aus. Ich bin nicht so in der Szene.“

Jedenfalls sei der Corteo dann gestoppt worden – und dann sei viel Zeit vergangen. „Lautsprecherdurchsagen der Polizei habe ich nicht gehört.“ Weiter: „Es war kalt, wir wollten umdrehen. Meine Tochter hatte schon Schmerzen in den Füßen vom langen Stehen.“

Dann habe die Meldung auf Facebook die Runde gemacht, dass die grünweißen Fans das Match nicht mehr sehen würden (Anmerkung: Die Austria siegte 6:1). Auf den Match-Besuch sei es ihr sowieso nicht mehr angekommen, fügte die Beschwerdeführerin an: „Wir wollten nur raus, nicht mehr ins Stadion. Aber wir konnten weder vor noch zurück.“

Folgen Schadenersatzklagen?

Schließlich habe sie sich zu Polizisten durchgezwängt und gesagt: „Ich hab' hier ein Kind. Das hat morgen Schule. Ich will nur nach Hause. Ich lege auch einen Ausweis vor.“ Dann: „Die Polizei hat gesagt: ,Nein, das geht nicht, Sie müssen wieder auf die andere Seite‘.“ Schlussendlich sei sie (nach der Anhaltung um 15 Uhr) um 19 Uhr heraus gekommen.

Im Anschluss an diese Beschwerdeführerin vernahm der Richter eine weitere Betroffene. Deren Schilderung hörte sich ähnlich an. Kommenden Dienstag und kommenden Mittwoch finden weitere Verhandlungen statt. Den Höhepunkt der breit angelegten gerichtlichen Aufarbeitung des „Rapidkessels“ gibt es am 1. Juli. Für diesen Tag ist ein Zusammenlegen aller Einzelbeschwerden geplant. Außerdem sollen Polizeivideos vorgeführt und Zeugen gehört werden. Danach will der Richter noch etwa zwei Wochen lang weiterverhandeln, ehe die Sache beschlussreif ist. Ob die Beschlüsse gleich mündlich oder nach den Verhandlungen schriftlich ergehen, ist noch offen.

Wer als Beschwerdeführer Recht bekommt, wer also einen Beschluss in Händen hält, wonach die Polizeiaktion rechtswidrig war, könnte – darauf aufbauend – eine Schadenersatzklage gegen die Republik einbringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2019)

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