Die Entfremdung des afrikanischen Fußballs

Afrikas Fußball hat sich nicht weiterentwickelt. Autokratie, Korruption und gewollter Neokolonialismus sind die Ursachen.

(c) AP (David Azia)

WIEN. Für Afrika ist mit dem Ausscheiden Ghanas im Viertelfinale die Fußballweltmeisterschaft sportlich zu Ende gegangen. Der alte Rekord von Kamerun – es erreichte 1990 in Italien als erste afrikanische Mannschaft das Viertelfinale – wurde nicht gebrochen. Als 1970 zum ersten Mal eine afrikanische Mannschaft – Marokko – an der WM teilnahm, spielte kein einziges Mitglied in Europa. 2010 nahmen sechs afrikanische Mannschaften am WM-Turnier teil. Sie stellten 115 Spieler, aber nur sechzehn davon verdienen ihren Lebensunterhalt in afrikanischen Ligen Trotzdem hebt Afrikas Fußball nicht ab. Warum?

Afrikas Fußball leidet seit Jahrzehnten. Er ist seiner Wurzeln entfremdet, die nur noch zeitweilig zum Vorschein kommen. Man glaubt eher an Wunder statt an langfristige Arbeit und Visionen. In den vergangenen vier Jahren haben die bei der WM teilnehmenden Afrikaner zusammen 24 Trainer verbraucht. Kein Coach hat sein Team mehr als drei Jahre lang trainiert. Es fehlt somit der Zusammenhalt, ein Teamgeist.

 

Autokratische Sportpolitik

Etwa bei Kamerun. Die Mannschaft war schon vor der WM undiszipliniert, ineffektiv und lieferte instabile Leistungen. Seit den 90er-Jahren ist dieser „Dauerzustand“ bekannt, im Verband aber schafft es niemand, Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Warum? Chaos und Unordnung sind das Wesen der autokratischen afrikanischen Fußballpolitik. Die Einmischung korrupter Politiker und Mafia-ähnlicher Netzwerke engt Infrastrukturen für jüngere Generationen ein. In Kamerun spielt der Trainer also nur eine Nebenrolle. Politiker, manchmal sogar der Staatschef selbst, sind diejenigen, die die Mannschaft aufstellen.

Aber auch andere afrikanische Länder fallen laufend durch politische Grätschen auf. Nigeria steht Kamerun um nichts nach. Staatschef Goodluck Jonathan wollte den nigerianischen Fußball reformieren und zog das Nationalteam aufgrund der schlechten Leistungen kurzerhand für zwei Jahre von allen internationalen Wettbewerben zurück. Hätte der Weltverband Fifa nicht interveniert, hätte er seinen Masterplan umgesetzt.

 

Neokolonialismus im Fußball

Die Entfremdung des afrikanischen Fußballs, man kann es auch Neokolonialismus nennen, zeigt sich bei den Trainerbestellungen. Fünf von sechs Trainern afrikanischer Mannschaften – außer Algerien – stammen aus Europa. Diese Tatsache lässt vermuten, dass afrikanische Staaten 50 Jahre nach ihrer „Unabhängigkeit“ unfähig sind, an sich zu glauben. Die Präsenz europäischer Trainer in Afrika hat weitreichende Folgen: Sie transportieren ein koloniales Bild in Fußballschulen, in denen Talente für europäische Klubs „produziert“ werden. Sie dienen als Nachschub für europäische Klubs. Was aus nationalen Ligen wird, ist unerheblich.

Afrikanische Spieler, die in nationalen Ligen spielen, haben folglich kaum Chancen, ins Nationalteam zu gelangen. Diese Inflation der nationalen Ligen drängt Spieler automatisch in die Migration. Bei der WM 2010 war Südafrikas Auswahl die einzige, in der das Gros der Spieler (14 von 23) in der Heimat spielt. Bei Elfenbeinküste oder Kamerun kam nur je ein Spieler aus dem eigenen Land. Algerien vertraute überhaupt nur auf „Legionäre“. Über 400 afrikanische Fußballer spielen in 36 europäischen Ligen, Nigeria ist mit 94 Spielern in dieser Wertung führend, dicht gefolgt von Kamerun mit 87. Beide Länder schieden in Südafrika als Gruppenletzte aus.

 

Geldgierige Agenten

Diese Form der Migration führt, wie die Organisation „Foot Solidaire“ entdeckte, auch zur „Spieler-Wäsche“. Geldgierige Agenten locken Jugendliche zwischen 15 und 16 Jahren unter falschen Versprechen nach Europa und beuten sie aus. Diese Schlepperbanden suchen vorwiegend den Weg nach Osteuropa, wo lockerere Einreisebestimmungen gelten. In ehemaligen Besatzungsmächten ist es mittlerweile weitaus schwerer abzukassieren, wenn die Leistung des Spielers nicht stimmt.

Wie man das große Geld leicht verdient, zeigt Samuel Eto'o vor. Er zog es in Kameruns WM-Vorbereitung vor, einen Werbespot zu drehen statt mit dem Team zu trainieren. Der in Südafrika lebende kamerunische Politologe Achille Mbembé brachte Afrikas Dilemma auf den Punkt: „Jedes Nationalteam ist das Abbild des Landes, die Widerspiegelung der Kultur, der Organisationsmethoden und aller Mängel. Was uns betrifft, so ist die Feststellung einfach: so viele Möglichkeiten, aber auch so viele Schlamassel auf dem Hintergrund einer moralischen Kraftlosigkeit und kollektiven Machtlosigkeit.“

Simon Inou und Clara Akinyosoye, sind Chefredakteur und stv. Chefredakteurin der Plattform afrikanet.info.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2010)

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