Fußball-EM 2016: Der steile Weg zum großen Glück

Der Schweizer Marcel Koller hat als Teamchef der österreichischen Fußballnationalmannschaft Historisches vollbracht. Er lehrte seine Spieler Taktik und Disziplin.

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Marcel Koller – Die Presse

Am Anfang war ein Anforderungsprofil. Eine Persönlichkeit mit internationaler Erfahrung sollte er sein, der neue Teamchef der österreichischen Fußballnationalmannschaft. Mit hoher Sozialkompetenz und den Eigenschaften eines Teamplayers. „Außerdem wollen wir einen Mann, der die Kontaktpflege mit Spielern und Trainern für wichtig erachtet“, erklärte Leo Windtner im Herbst 2011. Nachdem die Trennung von Dietmar Constantini vollzogen war, begann Fußball-Österreich also mit dem großen Rätselraten. Etliche Namen wurden kolportiert, unter ihnen Franco Foda, Otto Rehhagel, Paul Gludovatz und Andreas Herzog. Das Anforderungsprofil am besten erfüllte aber ein anderer: Marcel Koller.

In Österreich war Koller bei dessen Präsentation im Messezentrum Oberwart am 4. Oktober 2011 längst nicht jedem ein Begriff. Der Schweizer hatte Stationen in seiner Heimat (Wil, St. Gallen, Grasshoppers Zürich) und Deutschland (Köln, Bochum) vorzuweisen, doch seit nunmehr zwei Jahren war er ohne Job gewesen. Heimische Legenden des Spiels reagierten überrascht bis entrüstet auf die Bestellung Kollers, so mancher fühlte sich und die österreichischen Fußballtrainer im Allgemeinen hintergangen. Sie alle – mit Hans Krankl als Ausnahme („Koller hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein“) – sollten ihre Meinung später noch revidieren.

Die Idee einer Mannschaft. Heute, im Rückspiegel, haben die von Koller bei seiner ersten Pressekonferenz gewählten Worte mehr Gewicht als damals. „Die Spieler sollen nicht zögerlich agieren, wenn wir im Ballbesitz sind“ oder „Die Spieler sollen gern zum Nationalteam kommen.“ Nichts davon stellte sich als frommer Wunsch heraus. Viereinhalb Jahre später begeistert Österreichs Fußballnationalteam, es fasziniert Jung und Alt, Groß und Klein.

Unter Koller fand ein Entwicklungsprozess statt, der in dieser Form jahrelang hoffnungslos herbeigesehnt wurde. Es herrscht das Prinzip klarer Ideen, auf und abseits des Rasens. Einer der gewinnbringenden Grundsätze des Koller'schen Systems ist das Miteinander. Über allem steht der sportliche Erfolg, der aber nur dann möglich ist, wenn „alle am selben Strang ziehen“. Kollers 23-Mann-Kader ist kein wild zusammengewürfelter Haufen Egozentriker. Die Auswahl ist mit Bedacht gewählt, Koller achtet auf fußballerische genauso wie auf zwischenmenschliche Qualitäten. „Wir haben die homogene Truppe, die wir gern beisammen haben“, erklärte er bei der Kader-Bekanntgabe für die nächstwöchigen Testspiele gegen Albanien (26. 3.) und die Türkei (29.) in Wien.

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Wenn sich die Teamspieler am kommenden Montag versammeln, um am Trainingslehrgang im burgenländischen Stegersbach teilzunehmen, dann tun sie das mit großer Freude und Wertschätzung. Das ist längst keine Selbstverständlichkeit, hat naturgemäß mit dem derzeitigen Erfolg zu tun, ist aber auch dem Umstand geschuldet, dass das mannschaftsinterne Klima gut wie nie in der jüngeren Vergangenheit ist. Jeder Einzelne, egal ob Stammspieler oder Reservist, kommt gern zum Nationalteam. ÖFB-Termine gleichen einer Verabredung mit Freunden, die man viel zu selten trifft. Daraus ergibt sich eine Symbiose, eine Win-win-Situation. Wer seiner Arbeit gern nachgeht, sich mit Kollegen bestens versteht, der ist auch bereit, Grenzen zu überschreiten, auf dem Feld Extrameter zu laufen.

Abgesehen vom Aspekt der Menschenführung, dem Forcieren der direkten Kommunikation (beim gemeinsamen Essen ist das Handy tabu), hat Marcel Koller seinen Spielern auch fußballerisch vieles mitgegeben. Sein unmittelbarer Vorgänger, Dietmar Constantini, hielt Taktik für „überbewertet“. Emanuel Pogatetz formulierte die Vorgänge vor einigen Jahren so: „Im Nationalteam gehen wir ohne taktische Vorgaben ins Spiel. Wie ein Schüler, der für eine Schularbeit nichts gelernt hat.“ Von Koller bekam die Mannschaft ein taktisches Grundgerüst verpasst, in dessen Rahmen sie sich bewegen darf. Jeder Spieler kennt seine Aufgaben, die Laufwege seines Vorder- und/oder Hintermannes.

In der Vorbereitung auf ein Spiel bedient Koller das Klischee des exakt und akribisch arbeitenden Schweizers. Er sichtet Stunden an Videomaterial, will möglichst wenig dem Zufall überlassen. Und egal, wie viele gute Dinge er beim nächsten Gegner auch gesehen haben mag: Das Besinnen auf die eigenen Stärken eröffnet immer Chancen, diesen Glauben haben die Spieler längst verinnerlicht.

Mit dem Erreichen der EM-Endrunde in Frankreich (10. Juni bis 10. Juli) hat sich Koller in Österreich selbst ein Denkmal gesetzt. Noch nie zuvor ist es einer österreichischen Nationalmannschaft gelungen, sich aus eigener Kraft für eine Europameisterschaft zu qualifizieren. Der Name des 55-Jährigen wird also für immer mit dieser Errungenschaft in Verbindung gebracht werden. Koller führte seine Elf mit erstaunlicher Souveränität (neun Siege, ein Unentschieden) durch die Qualifikation und bis auf Platz zehn der Fifa-Weltrangliste.


Der Liebling der Massen. Die Fußballnation liegt ihm nicht zuletzt deshalb zu Füßen, Selfies mit dem Teamchef sind hierzulande genauso gefragt wie Schnappschüsse mit Hollywood-Stars in Los Angeles. Koller genießt sein Standing, er verkörpert Everbody's Darling, das sehen Fans und Spieler gleich. Doch mit dem Erfolg steigt die Erwartungshaltung. So mancher scheint alles nur noch durch die rot-weiß-rote Brille zu sehen und will erkannt haben, dass in der Weltrangliste nur noch fünf europäische Teams vor Österreich zu finden sind.

Die Hoffnung auf glorreiche Stunden im französischen Sommer sind demnach also groß. Ist selbst der ganz große Coup nicht ausgeschlossen? Marcel Koller ist nicht nur Optimist, er schafft auch den nicht immer leichten Spagat hin zum Realisten. „Wenn manche glauben, wir werden Europameister oder kommen ins Halbfinale, dann ist das ein bisschen übertrieben“, sagt Koller, der zunächst lieber davon spricht, die Gruppenphase mit Ungarn, Portugal und Island zu überstehen und ins Achtelfinale aufzusteigen. „Dann hängt es auch davon ab, welchen Gegner man bekommt. Mit ein bisschen Glück kann man weiterkommen, mit ein bisschen Pech ausscheiden.“

Bevor die Tagesverfassung einzelner Spieler, taktische Finessen, Glück, Pech oder Zentimeter in Frankreich über Sieg, Unentschieden oder Niederlage entscheiden, arbeiten Kollers Mannen Ende Mai im Schweizer Laax noch am EM-Feinschliff. Die letzten Gegner vor dem ersehnten Anpfiff zur Endrunde gegen Ungarn (14. Juni, 18 Uhr in Bordeaux) heißen Malta (31. 5.) und Niederlande (4. 6.). Resultate sind für Koller dabei keineswegs nebensächlich, schließlich ginge es im Fußball nach 90 Minuten einzig darum.


Die Sehnsucht nach Siegen. Dass Koller vergangenen Dienstag seinen Vertrag bis Ende 2017, also für die im Herbst beginnende WM-Qualifikation, verlängert hat, garantiert zwar noch lang keine Teilnahme an der WM 2018 in Russland, darf aber zumindest als positives Signal gewertet werden. Bei Erfüllung seines Vertrags könnte der Schweizer gar zum längstdienenden ÖFB-Teamchef der Nachkriegszeit aufsteigen. Für Koller nur Nebensache: „Mein einziger Antrieb ist, erfolgreich zu sein und Spiele zu gewinnen.

Zur Person

Marcel Koller wurde am 11. November 1960 in Zürich geboren.

Als Spieler verschrieb sich Koller voll und ganz Grasshoppers Zürich. Für den Klub bestritt er 428 Spiele, wurde siebenmal Meister und fünfmal Pokalsieger. Das Trikot der Schweizer Nationalmannschaft trug er in 55 Spielen, das letzte Mal bei der EM 1996 in England.

Seine Karriere als Trainer begann Koller in der Schweiz (Wil, St. Gallen, Grasshoppers), später coachte er Köln und Bochum.

Am 1. November 2011 wurde Koller als Constantini-Nachfolger und ÖFB-Teamchef präsentiert, erst vergangene Woche verlängerte er seinen Vertrag bis Ende 2017.

Ian Ehm/Verlagsgruppe News / picturedesk.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2016)

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