Auch die Karibik liebt Europas Fußball

Zahlreiche Premier-League-Vereine laufen über Offshore-Firmen. Dem Staat, der diese Steuerschlupflöcher mitzuverantworten hat, entgehen Milliardeneinnahmen. Die Uefa bleibt untätig.

Manchester United v West Bromwich Albion - Barclays Premier League
Manchester United v West Bromwich Albion - Barclays Premier League
REUTERS

Was haben die Bermudas, Bahamas oder Cayman Islands mit Fußball zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Doch zahlreiche englische Fußballvereine haben ihren Sitz in Steueroasen. Das geht aus einem kürzlich veröffentlichten Bericht des „Guardian“ und Tax Justice Network („The Offshore-Game“) hervor. Demnach sind 28 englische Profiklubs, darunter neun Premier-League-Vereine, über Offshore-Firmen registriert. Das prominenteste Beispiel ist Manchester United. Der Klub wurde nach seinem US-Börsengang auf den Cayman Islands angemeldet.

Aus den Vereinsdokumenten geht hervor, dass ManU von einer Treuhand geführt wird, die mit der Glazer-Familie über ein verzweigtes Firmennetz im US-Bundesstaat Nevada verbunden ist. Neben Manchester United haben auch Birmingham City, Coventry City und Cheltenham Town ihren Sitz auf den Cayman-Inseln. Der FC Fulham steht im Eigentum einer Holding, die unter dem Namen Big Cat Holdings auf den Bahamas firmiert. Der amerikanische Geschäftsmann Stan Kroenke hält seine Anteile an Arsenal London über eine Gesellschaft im US-Bundesstaat Delaware, der als Steuerparadies gilt. Bermuda, Bahamas, Cayman Islands – das sind die Hauptorte des britischen Fußballs.


Um drei Milliarden Pfund. Das Volumen, das über diese Offshore-Häfen transferiert wird, schätzt das Tax Justice Network auf drei Milliarden Pfund. Laut dem Bericht nutzt Manchester United bei seinem Finanzgebaren gleich mehrere dieser Standorte. Die Red Football Holdings Limited, ein Verbund diverser Holdings in Großbritannien, befindet sich im Eigentum der auf den Cayman Islands gemeldeten Manchester United PLC, die wiederum zu 90 Prozent der in Delaware ansässigen Red Football LLC gehört. Letztere wird von den Söhnen des 2014 verstorbenen Eigners Malcolm Glazer kontrolliert. Das 2,2 Milliarden Pfund schwere Erbe an dem Klub ging nahezu steuerfrei auf die Söhne über.

Der Gouverneur der Cayman Islands, ein Repräsentant der Queen und Unterhändler der britischen Regierung schlossen mit Manchester United einen Deal, der dem Klub für die nächsten 20 Jahre Steuerfreiheit in dem Überseegebiet gewährt. Die Regierung in London hat diese Steuerschlupflöcher aktiv mitgestaltet. Laut dem Bericht nutzte die Glazer-Familie den Klub als Finanzvehikel. Die Red Football Limited, die allein zum Zwecke der Übernahme gegründet wurde, überschrieb die Verbindlichkeiten auf Manchester United, um so die Steuerlast zu minimieren.

Das Tax Justice Network argumentiert, dass die komplexe Eigentümerstruktur „großes Potenzial für Steuervermeidung“ beim Kauf bzw. Verkauf eines Klubs eröffne. Der Hintergrund: Aktionäre, die ihre Anteile über eine im Ausland gemeldete Gesellschaft haben, müssen beim Verkauf des Klubs keine Kapitalertragsteuer abführen. Der Steuersatz liegt in Großbritannien bei 28 Prozent. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass englische Klubs häufig den Eigentümer wechseln. Über die Sinnhaftigkeit der Gesetzeslage wurde nach der Publikation des Berichts heftig debattiert. Das Tax Justice Network betont, dass es sich hierbei nicht um Steuerhinterziehung, sondern um Steuervermeidungsmechanismen handelt, in deren Rahmen Gelder ganz legal am Fiskus vorbeigeschleust werden können. Prem Sikka, Professor für Rechnungswesen an der University of Essex, erklärt: „Eine in einer Steueroase registrierte Firma kann steuerfrei Einnahmen aus dem UK abziehen.“ Zum Beispiel berechnen diese Unternehmen Managementgebühren, die in der EU von der Steuer abgesetzt werden können. Die Gelder fließen an eine Briefkastenfirma auf den Bahamas oder Bermudas. Dort gibt es keine Steuern.

Die Frage ist, warum die britische Regierung keine schärfere Regulierung durchsetzt oder Transparenzvorschriften schafft. Bei der Fenway Sports Group, die den FC Liverpool besitzt, ist zum Beispiel gar nicht bekannt, in welchem US-Bundesstaat die Gesellschaft ihren Hauptsitz hat. Unter geltendem Recht muss eine Firma nicht offenlegen, wo sie registriert ist. „Die Regierungen sind sehr zurückhaltend, was die Bekämpfung von Steuervermeidung angeht“, kritisiert Professor Sikka. „Es gibt wenig politischen Handlungswillen.“


Hit für Investment-Gurus. Investoren nutzen die Rechtslage aus. Der Investment-Guru Joe Lewis, der 1992 gegen das Pfund gewettet und damit Milliarden verdient hat, wickelt seine Anteile an Tottenham Hotspurs über eine Holding namens Enic ab, die auf den Bahamas registriert ist. Die Enic-Group hat in den 1990er-Jahren mehrere Fußballklubs aufgekauft, u. a. Slavia Prag, AEK Athen und Vicenza. 1998 kaufte die Gruppe für fünf Millionen Franken 50 Prozent der Anteile des FC Basel. Sein jetziger Klub Tottenham Hotspurs hat bei der Stadt eine Subvention für den Stadionausbau beantragt. Dass ein Steuerflüchtling für seine Offshore-Firma Geld vom Staat verlangt, erfordert schon eine gehörige Portion Chuzpe.

Der Fall beschäftigt indes auch die Justiz. Allein, Tottenham wollte keine Einsicht in die internen Dokumente gewähren. Besonders irritierend ist das wohl für die Fans, die mit ihren Eintrittsgeldern dieses Spiel finanzieren.

Sikka fordert, dass die Fußballvereine ihre gesamte Eigentümerstruktur offenlegen, inklusive aller Offshore-Beteiligungen. „Leider tun sie es nicht und die Uefa zeigt wenig Interesse an dem Thema.“ Auf Anfrage wollte sich Europas Fußballverband nicht zu diesem Thema äußern. Das sei Sache der nationalen Verbände und der Vereine. „Wir müssen das Körperschaftsteuersystem so reformieren, dass alle Unternehmen auch auf der Grundlage dessen besteuert werden, wo ihre wirtschaftliche Aktivität stattfindet“, fordert Sikka.

Allein, solang kein politischer Wille vorhanden ist, diese Situation zu ändern, werden die Einnahmen aus dem Trikots- und Ticketverkauf weiter in die Karibik und auf die Kanalinseln transferiert werden.

CASH und TORE

Zahlreiche Premier-League-Vereine
haben ihren Sitz in Steueroasen wie Bermuda, Bahamas, Cayman Islands. Der Staat verliert dadurch Milliarden. www.theoffshoregame.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2015)

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