Provinzklub Carpi lebt seinen Traum

Amateurliga, Konkurs, Neustart: Auf den erstmaligen Aufstieg ins Oberhaus mussten die Fans in Carpi lang warten. Ein Klub mit kleinem Budget und großer Vision.

ITALY SOCCER SERIE B
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Carpi FC – APA/EPA/ELISABETTA BARACCHI

Am Ende war es ein schmuckloses 0:0 gegen Bari, das die gut 4000 Fans im Stadio Sandro Cabassi in schiere Ekstase versetzte und der Kleinstadt Carpi internationale Schlagzeilen bescherte. Dieser eine Punkt sicherte dem Klub aus der Region Emilia Romagna vier Runden vor Schluss den erstmaligen Aufstieg in die Serie A in der 106-jährigen Vereinsgeschichte. „Unser Aufstieg ist nicht einfach nur Glück. Es ist die Realisierung eines Projekts, das Stück für Stück gewachsen ist“, betonte Sportdirektor Cristiano Giuntoli.

1909 vom Studenten Adolfo Fanconi als Jucunditas gegründet, fristete der zum Ende des Ersten Weltkrieges in AC Carpi umbenannte Klub lang ein Dasein in den unteren Ligen. 1996/97 folgte der vorläufige Höhepunkt, im Aufstiegs-Play-off für die Serie B scheiterte man erst im Endspiel. Aus diesen Zeiten datieren auch die wenigen bekannten Namen, so gab der spätere Weltmeister Marco Materazzi ebenso wie Simone Inzaghi ein Leihgastspiel. Statt Aufbruchstimmung folgte 1999 der tiefe Fall: Abstieg, kurz darauf Konkurs. Doch in Carpi ist Wiederaufbau kein Fremdwort. Ebenso wie sich die 67.000 Einwohner zählende Stadt von den beiden schweren Erdbeben im Mai 2012 erholte, tat es auch der Fußballklub.

2000 wurde er unter dem heutigen Namen Carpi FC neu gegründet und trat in der sechsten Liga an. Zehn Jahre lang bestand der Alltag aus Amateurfußball auf Dorfplätzen, ehe 2010 der Grundstein für den Aufschwung gelegt wurde. Im Zuge der Fusion mit einem anderen Stadtklub stießen die heutigen Mehrheitsaktionäre Stefano Bonacini und Roberto Marani zum Klub. Sie sind wie Präsident Claudio Caliumi, einst Carpi-Spieler, in der Textilbranche tätig.


Einfache Struktur. Gemeinsam stellten sie den Verein auf eine stabile Basis und verpassten ihm eine klare Vision und Struktur. „Wir handeln nicht ohne die nötige Weitsicht. Unsere Befehlskette ist sehr kurz, sinnbildlich für die Entscheidungspolitik des Vereins“, erklärte Giuntoli. Er ist die Konstante im sportlichen Bereich, denn die Trainer kamen und gingen – trotz rasch einsetzenden Erfolgs. Innerhalb von drei Jahren schaffte der Klub den Sprung in die Serie B, von vielen Fans damals schon als „Ankunft im Paradies“ gefeiert. Nach Platz zwölf im ersten Zweitligajahr musste sich Carpi heuer rasch neu orientieren. Ende Oktober lachte der Klub erstmals von der Tabellenspitze, als dann mit neun Punkten Vorsprung die Winterkrone geholt wurde, hatten längst Titelhoffnungen die Abstiegssorgen ersetzt.

Ein Vater des Erfolges ist Trainer Fabrizio Castori. Selbst nie ein Profi, wechselte er bereits als 26-Jähriger an die Linie und ist ein Wandervogel in Italien. Die Serie A aber ist ihm bislang verwehrt geblieben. Zu Saisonbeginn stand der 60-Jährige kurz vor der Unterschrift bei Metalurg Donezk, doch wegen der politischen Lage verlegte er sein 21. Trainerengagement nach Carpi, wo er nicht einmal 50.000 Euro verdient. Das Budget für die Spielergehälter beträgt drei Millionen, schon deshalb will sich Carpi mit Sassuolo, dem anderen Provinzklub aus Modena, nicht vergleichen. Der Regionalrivale erfreut sich dank Besitzer Giorgio Squinzi, Chef des Bauchemieunternehmens Mapei, deutlich größerer Finanzmittel und stieg 2014 dennoch erst nach fünf Jahren Serie B auf.


Klare Philosophie. Carpi setzt auf die Jugend, das Durchschnittsalter der Mannschaft liegt bei 23 Jahren. Shootingstar Kevin Lasagna spielte etwa im Vorjahr noch in der Serie D. „Wir werden unsere Philosophie nicht verändern“, kündigte Giuntoli an. „Wir werden in die Serie A aufsteigen mit Spielern, die noch niemand zuvor gesehen hat.“ Starallüren gibt es in Carpi keine, hier nehmen Spieler, Trainer und Funktionäre am öffentlichen Leben teil. Die meisten wohnen in Stadionnähe und kommen zu den Heimspielen zu Fuß – auf dem Weg zählen Autogramme oder Fotos zur Selbstverständlichkeit. Diese Bodenständigkeit will man sich auch in der höchsten Spielklasse bewahren. „Wir werden uns jedenfalls nicht verbiegen“, versprach Giuntoli.

Im Oberhaus sind nicht alle über den Neuzugang erfreut. So wurde ein Telefonmitschnitt von Lazio-Präsident Claudio Lotito öffentlich, der klagte, dass der Aufstieg von Teams wie Carpi der Liga schaden würden, weil diese den Wert der TV-Rechte drückten. Carpis Fans antworteten mit hämischen Spruchbändern und Fangesängen. Wirkliche Sorgenfalten bereitet Klub und Fans nur die Stadionfrage. 4164 Zuschauer fasst das Cabassi, für die Serie A wird allerdings eine Mindestkapazität von 10.000 für das erste Jahr verlangt. Ein Ausbau ist geplant, doch die Fertigstellung zu Saisonbeginn ist fraglich. Zumindest einige Partien wird Carpi vielleicht beim Erzrivalen im 20 Kilometer entfernten Modena austragen müssen. Dagegen demonstrieren die Carpi-Ultras zwar seit Wochen. Doch spätestens die lang ersehnten Duelle gegen Juventus, AS Roma oder Inter werden sie wohl besänftigen.

zahlenspiel

1909
wurde Carpi vom Studenten Adolfo Fanconi als Jucunditas gegründet.

1999
ging der Klub kurz nach dem Abstieg in die vierte Liga in Konkurs. Im Jahr darauf folgte die Neugründung als Carpi FC.

2010
startete der Erfolgslauf, der in der fünften Liga begann und vier Aufstiege in fünf Jahren brachte.

2015
fixierte Carpi vorzeitig erstmals
in der Vereinsgeschichte den Aufstieg in die
Serie A.

3
Millionen Euro beträgt das Budget für Spielergehälter – nur ein Serie-B-Klub soll mit noch weniger Geld auskommen.

4760
Zuschauer fasst das Heimstadion Sandro Cabassi. Für die Serie A wird aber eine Mindestkapazität von 10.000 Plätzen im ersten Jahr gefordert.

67.000
Menschen leben in der Kleinstadt in der nördlichen Region Emilia Romagna – damit wäre selbst bei vollzähliger Anreise aller Einwohner das Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion nicht voll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2015)

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