Dortmund-Geschäftsführer Watzke: „Ballbesitz ist nicht mehr das Allheilmittel“

Dortmund-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sprach am Rande des Gastspiels des BVB bei Austria Wien über Deutschlands WM-Versagen und die Erkenntnisse dieser Endrunde.

WM-Finale 2014: Deutschlands Fußballwelt war noch in Ordnung und Dortmund-Star Mario Götze ein Held.
WM-Finale 2014: Deutschlands Fußballwelt war noch in Ordnung und Dortmund-Star Mario Götze ein Held.
WM-Finale 2014: Deutschlands Fußballwelt war noch in Ordnung und Dortmund-Star Mario Götze ein Held. – (c) APA/EPA/DIEGO AZUBEL (DIEGO AZUBEL)

Wien. Als die Wiener Austria Anfang März Borussia Dortmund als Gegner für das Eröffnungsspiel in der rundum erneuerten Generali-Arena präsentierte, war Peter Stöger noch Trainer des deutschen Traditionsklubs. Die Vorstellung, dass der violette Meistermacher mit den Dortmundern nach Favoriten zurückkehren würde, hatte fast schon etwas Romantisches. Doch Fußball und Romantik haben haben immer seltener etwas gemein, mit Saisonende haben sich die Wege von Stöger und Dortmund getrennt, gekommen ist der Wiener am Freitag dennoch.

Gemeinsam mit Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke wurde beim Mittagstisch in Wien über Dortmund, Austria, die Weltmeisterschaft und auch Privates geplaudert, die beiden Herren verbindet „eine Freundschaft“, wie Watzke bei einem Medientermin vor dem Eröffnungsspiel versicherte. „Peter ist ein fantastischer Mensch und ein sehr guter Trainer.“ Eine Verlängerung seines Engagements im Ruhrpott haben Stöger all die Sympathiebekundungen trotzdem nicht eingebracht.

Der 52-Jährige hat die Borussia im Frühjahr zwar noch in die Champions-League-Ränge geführt, am Ende des Tages aber war der Fußball unter Stöger für den BVB wohl zu wenig spektakulär und zu stark ergebnisorientiert. Der neue Stöger heißt Lucien Favre, der Schweizer hat Nizza hinter sich gelassen und erst vor wenigen Tagen das Training mit Mario Götze und Co. aufgenommen. Für ein erstes Fazit sei es noch zu früh, betonte Watzke, auch das Spiel gegen die Violetten werde noch keine großen Aufschlüsse bringen.

 

„Der Nächste beißt auf Granit“

Watzke ist einer der Wortführer des deutschen Fußballs, ein reflektierter Typ. Manche Entwicklungen seien besorgniserregend, sagt der 59-Jährige und nennt den Fall Ousmane Dembélé als Beispiel. Im Sommer 2017 hatte der Franzose seinen Abgang aus Dortmund gen Barcelona provoziert, indem er unentschuldigt dem Training fernblieb und tagelang abgetaucht war. Plötzlich hatte der Fußball und im speziellen Borussia Dortmund ein in dieser Form neues Problem. Watzke versichert, dass Dortmund aus dieser Posse gelernt habe. „Der nächste Spieler, der so etwas beim BVB probiert, wird auf Granit beißen und sehr sehr lang auf der Tribüne sitzen.“

Das neue Austria-Stadion: Das Schmuckstück von Favoriten

Allerdings, Watzke sieht auch die andere Seite der Medaille. Dem damals 20-jährigen Dembélé Charakterlosigkeit vorzuwerfen, ist ihm fremd. „Man muss aufpassen, dass man nicht die zu große moralische Keule schwingt. Was er gemacht hat, war absolut nicht in Ordnung, aber stellen Sie sich vor, Sie verdienen als 20-Jähriger jährlich acht, zehn Millionen Euro. Ich will es mir nicht vorstellen, wie ich als junger Mann in dieser Situation reagiert hätte . . .“

Natürlich hat Watzke auch das Desaster der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft miterlebt, die „Erdogate“-Debatte rund um Ilkay Gündogan und Mesut Özil habe die Mannschaft schon vor dem Anpfiff arg in Bedrängnis gebracht. „Egal, wie man mit dieser Causa umgegangen wäre, du kannst in dieser Situation nicht mehr gewinnen.“ Rein sportlich habe sich das Drama in Russland fortgesetzt. „Und wenn du dann in einer solchen Gruppe auch noch Letzter wirst, dann hilft dir die beste Krisenkommunikation nichts. Es ist einfach zu viel schiefgelaufen.“

 

Das Anti-Guardiola-Spiel

Analytisch betrachtet sieht Watzke die Entwicklungen bei der Weltmeisterschaft anders als viele Beobachter durchaus gewinnbringend. „Du kannst den Fußball nicht alle vier Jahre revolutionieren, aber seit Guardiola hat man geglaubt, dass Mannschaften zwingend mit viel Ballbesitz agieren müssen. Doch das Gegenteil ist der Fall.“ Das Spiel wende sich gerade ab vom Credo des totalen Ballbesitzes, hin zum schnellen Umschalt- und Konterspiel.

Zur Person:

Hans-Joachim Watzke ist Unternehmer und seit 2005 Geschäftsführer von Borussia Dortmund. Der 59-jährige Diplomkaufmann gilt als Verfechter der „50+1-Regel“, die den Einfluss von Investoren auf das operative Geschäft eines Klubs beschränkt. BVB wurde in seiner Ära 2011 und 2012 Meister, erreichte 2013 das CL-Finale.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Dortmund-Geschäftsführer Watzke: „Ballbesitz ist nicht mehr das Allheilmittel“

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.