Partytruppe auf dem Prüfstand

Auftakt in der Weltmeisterliga: Auf dem Trainer-Schleudersitz von Paris Saint-Germain hat Thomas Tuchel Platz genommen, Neymar und Mbappé könnten ihm zum Verhängnis werden.

Thomas Tuchel, der neue Erfolgsgarant für den Scheichklub? Der Deutsche hat vor allem Superstar Neymar genau im Blick.
Thomas Tuchel, der neue Erfolgsgarant für den Scheichklub? Der Deutsche hat vor allem Superstar Neymar genau im Blick.
Thomas Tuchel, der neue Erfolgsgarant für den Scheichklub? Der Deutsche hat vor allem Superstar Neymar genau im Blick. – REUTERS

Diese Siegesfeier hinterließ einen merkwürdigen Beigeschmack. Der französische Serienmeister Paris Saint-Germain gewinnt den nationalen Supercup, also einen Bewerb, der nur aus einem Spiel besteht und der zu Marketingzwecken im chinesischen Shenzhen ausgetragen wird, mit einem völlig ungefährdeten 4:0 über AS Monaco. Die PSG-Stars Kylian Mbappé und Edinson Cavani fehlen, Neymar wird immerhin eingewechselt, doch es bleibt ein besseres Testspiel, mitten in der Saisonvorbereitung. Und dennoch wird in der Pariser Kabine gefeiert, als hätte man soeben die Champions League gewonnen. Die Spieler stürmen in die Pressekonferenz und veranstalten eine Sektdusche für Trainer Thomas Tuchel, der entgegen aller Gepflogenheiten auch noch Pharrell Williams' Hit „Happy“ zum Besten gibt.

Die überschwängliche Feier mag aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Supercupsieg, der sechste in Folge, für PSG reine Routine geworden ist (2016 siegte man vor 9500 Zuschauern in Klagenfurt gegen Lyon 4:1). Auch die französische Meisterschaft, die heute mit dem Heimspiel gegen SM Caen startet (21 Uhr, live DAZN), sollte Pflichtsiege im Wochenrhythmus bringen. Steht am Ende nicht der sechste Meistertitel in sieben Jahren, wäre das ein Debakel. Zu groß ist der Abstand, den PSG seit 2011 und der Übernahme durch Qatar Sports Investments zur restlichen Ligue 1, immerhin die Liga des amtierenden Weltmeisters, aufgerissen hat. Seit der Scheich-Übernahme wurden 1,07 Milliarden Euro in neue Spieler investiert, damit ist PSG in diesem Zeitraum gar international die Nummer drei, nur knapp hinter Manchester City (1,17 Mrd.) und Chelsea (1,10 Mrd, Quelle: transfermarkt.at).

Die eigentliche Frage lautet deshalb: Können die Franzosen sportlich zu den europäischen Topklubs aufschließen? In der Champions League war das höchste der Gefühle bisher das Halbfinale 1995. In der Katar-Ära war spätestens im Viertelfinale Endstation, zuletzt erteilte Real Madrid den neureichen Hauptstädtern im Achtelfinale eine Lektion, nach der Frankreichs führende Sportzeitung L'Équipe staunend fragte: „All das große Geld – und dann das?“ Wie zuvor schon Laurent Blanc und Carlo Ancelotti kostete Trainer Unai Emery das Scheitern in der Champions League den Job.

„Das Ziel ist immer dasselbe: zu gewinnen“, meinte Superstar Neymar zu den Pariser Ambitionen. „Unser Fokus ist jede Saison größer. Wir erwarten viele Titel und natürlich auch, die Champions League zu gewinnen, sie ist das größte Turnier der Welt.“


Ausverkauf. Gerade Neymar könnte nun aber zum Spielverderber werden. 222 Millionen Euro hat PSG im Vorjahr für den Brasilianer an Barcelona überwiesen, weitere 180 Millionen an den AS Monaco für Mbappé. Ein massiver Verstoß gegen das Financial Fair Play der Uefa, möchte man meinen. Doch der europäische Fußballverband segnete die jüngsten drei Jahresbilanzen aus dem Prinzenparkstadion ab. Nicht ohne aber anzumerken, dass PSG unter genauer Beobachtung stehe. Der Klub muss bis Ende August also noch Spieler verkaufen, ehe er selbst wieder einen Transfercoup landen kann.

Mittelfeldmann Javier Pastore wurde bereits für 24,7 Millionen an AS Roma abgegeben, zum Verkauf steht offenbar auch der deutsche Tormann Kevin Trapp (Marktwert: acht Mio.), hinter Julian Draxler (30 Mio.) steht ebenso ein Fragezeichen. Einziger Neuzugang bisher ist Gianluigi Buffon, die 40-jährige Tormannlegende kam ablösefrei von Juventus Turin.

Während PSG auf dem Transfermarkt also die Hände gebunden sind, bereitet Neo-Coach Thomas Tuchel seine Defensive Sorgen. Thiago Motta hat seine Karriere beendet, Yuri Berchiche und Grzegorz Krychowiak wurden abgegeben. „Ich bin kein Trainer, der Spieler verlangt“, erklärte Tuchel. Vor allem die Variante einer Dreierabwehr sieht er aber in Gefahr. „Wir brauchen mehr Innenverteidiger.“

Nur die Abwehr zu stabilisieren, wird in Paris ohnehin zu wenig sein. Tuchel muss vor allem die Egotrips seiner Stars unterbinden. Neymar, Mbappé und Cavani etwa sollen nicht die allerbesten Freunde sein, heißt es. Der Deutsche trat bisher aber nicht als großer Kommunikator in Erscheinung. Tuchel, 44, ist studierter Betriebswirt, er gilt als Konzepttrainer und Workaholic, der am liebsten selbst den Mannschaftsbus fahren würde, wie Reiner Calmund einmal scherzte.

Tuchels bisheriger Höhepunkt war der Pokalsieg mit Borussia Dortmund 2017. Wenig später wurde er entlassen. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke erklärte, man habe sich „in der Zusammenarbeit mit dem Trainerteam aufgerieben“. Die Differenzen wurden vor allem nach dem Anschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus deutlich.

Tuchel sagte dem FC Bayern ab, obwohl ihn Jupp Heynckes gern als Nachfolger gesehen hätte, und ließ sein Bauchgefühl zugunsten von PSG entscheiden. Dort unterschrieb er für fünf Millionen Euro pro Jahr bis 2020 und pflegte sogleich seinen Ruf als Disziplinfanatiker. „France Football“ zufolge soll er diverse Pariser Discotheken besucht haben, um vom Personal mehr über die nächtlichen Aktivitäten seiner Spieler zu erfahren.

Umso erstaunlicher nun seine ausgelassene Gesangseinlage nach dem Supercup. Alles nur Show? Oder gar ein völlig neuer Tuchel? So oder so – es scheint, als würde der neue Trainer dem Starensemble Beine machen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2018)

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