Das Milliardenspiel

Zwei Milliarden Euro schüttet die Europäische Fußball-Union Uefa in der am Dienstag startenden Champions-League-Saison aus, so viel wie noch nie zuvor. Kritiker gibt es zur Genüge, sie monieren eine Zweiklassengesellschaft.

In der Champions League jubeln immer öfter die großen Klubs: Im vergangenen Mai in Kiew feierte Real Madrid den dritten Titelgewinn in Folge.
In der Champions League jubeln immer öfter die großen Klubs: Im vergangenen Mai in Kiew feierte Real Madrid den dritten Titelgewinn in Folge.
In der Champions League jubeln immer öfter die großen Klubs: Im vergangenen Mai in Kiew feierte Real Madrid den dritten Titelgewinn in Folge. – APA/AFP/GABRIEL BOUYS

Am 1. Juni 2019 findet im Wanda Metropolitano in Madrid das Champions-League-Finale statt. Im Dezember 2016 hatte die Uefa erstmals einen Bieterwettbewerb für den prestigeträchtigen Finalort ausgeschrieben. Bei der Vergabe setzte sich die spanische Hauptstadt gegen das Olympiastadion von Baku durch. Die ultramoderne Arena, die seit ihrer Eröffnung 2017 die neue Heimspielstätte von Atlético Madrid ist (sehr zum Ärger der Ultras, die das kultisch verehrte, in der Stadt gelegene Stadion Vicente Calderón verlassen mussten), und Platz für 67.000 Zuschauer bietet, steht für einen Fußball, wie ihn Investoren und Sponsoren gerne sehen: glanzvoll, edel, spektakulär. Ein Produkt, das sich in die hintersten Gassen asiatischer Megacitys verkaufen lässt. Die Veranstalter lassen sich die Königsklasse des Klubfußballs einiges kosten: 2,04 Milliarden Euro schüttet die Uefa in dieser Saison an die Vereine aus, so viel wie noch nie.

Erstmals werden in der am kommenden Dienstag startenden Gruppenphase die Anstoßzeiten gesplittet. Statt wie bisher einheitlich um 20.45 Uhr beginnen die Spiele nun um 18.55 Uhr bzw. um 21 Uhr. Nicht jeder ist damit einverstanden. Wenn Tottenham nächste Woche bei Inter Mailand antritt, ist es in Großbritannien wegen der Zeitumstellung erst 17.55 Uhr. Mancher Fan ist da noch in der Arbeit. Aber auch Kapitän von Real Madrid, Sergio Ramos, übte Kritik. Das Gruppenspiel zwischen ZSKA Moskau und Real Madrid wird erst um 22 Uhr Ortszeit angepfiffen. Dass die Gästefans aus Madrid noch am selben Tag die Rückreise mit dem Flugzeug antreten können, ist eher unwahrscheinlich. Auch für die Spieler bedeuten die späten Rückreisen zusätzliche Strapazen.

Die TV-Evolution. Die Aufteilung der Spielzeiten hat vor allem Vermarktungsgründe: Wo der Spielplan entzerrt wird, können mehr Partien separat geschaut werden. Und das bedeutet: mehr Werbe- und TV-Einnahmen. Allein der britische Pay-TV-Sender BT Sport hat für das exklusive TV-Rechte-Paket aus Champions League und Europa League für die kommenden drei Spielzeiten umgerechnet 1,3 Milliarden Euro bezahlt. Das macht pro Saison rund 400 Millionen Euro. Der spanische Telekommunikationskonzern Telefonica hat sich die exklusiven Übertragungsrechte für beide Wettbewerbe für über eine Milliarde Euro gesichert. Für die Uefa, die über die Vermarktungsagentur TEAM Marketing die Rechte für jeden nationalen Markt einzeln vergibt, kommt da ein nettes Sümmchen zusammen. Die Uefa nannte die Veränderungen im fußballerischen Diplomatensprech eine „Evolution, keine Revolution“.

Der neue Spielmodus und Verteilschlüssel markieren einen weiteren Schritt in Richtung Kommerzialisierung. Manchem Manager geht die Entwicklung nicht weit genug. Andere halten sie für grundfalsch. Die Champions League, die in der Saison 1992/93 den Europapokal der Landesmeister als Klubwettbewerb ablöste, sollte eigentlich die Crème de la Crème des europäischen Vereinsfußballs sein. Kritiker monieren allerdings schon länger eine wachsende Ungleichheit: Topteams aus England, Spanien und Italien würden den Wettbewerb dominieren, Mannschaften aus Russland, Portugal oder Griechenland hätten keine Chance. Die Globalisierung und Kommerzialisierung des Fußballs, in den Investoren aus aller Welt Millionen pumpen und sich Vereine wie Spielzeuge halten, habe zu einer Zweiklassengesellschaft geführt.

„Die Niederlande sind ein Entwicklungsland geworden“, klagte Ajax-Direktor Marc Overmars, der zu seiner aktiven Zeit bei Ajax, Arsenal und Barça ein Weltklassespieler war. „Wir können nicht mehr mithalten. 1995 und 1996 stand Ajax im Finale der Champions League, 1997 im Halbfinale, aber das wird so schnell nicht wieder passieren.“ Dass von den letzten zehn Champions-League-Siegern sieben aus Spanien kommen (3x FC Barcelona, 4x Real Madrid), spricht für sich. Ajax und der RSC Anderlecht, einst große Nummern im europäischen Fußball, sind zu Ausbildungsvereinen für die großen Ligen in Spanien oder England geschrumpft. Dass das mit Petrodollars aus Katar hochgerüstete Paris St. Germain seinen Gruppengegner Celtic Glasgow in der vergangenen Champions League mit 7:1 und 5:0 vom Platz fegte, ist auch ein Beleg für die These der Zweiklassengesellschaft.



Papiertiger Financial Fair Play. Das Financial Fair Play (FFP), das von der Uefa als ein Mechanismus zur finanziellen Chancengleichheit eingeführt wurde – die Regel besagt, dass ein Verein nur so viel Geld ausgeben darf, wie er einnimmt –, konnte gegen die wahnwitzigen Investitionssummen wie den Neymar-Transfer (222 Millionen Euro) wenig ausrichten. Das Regelwerk gilt als Papiertiger.

Die Teams haben ganz unterschiedliche Startbedingungen. Für Vereine wie den FC Basel sind die Antrittsprämien in der Champions League (15,25 Millionen Euro für jeden der 32 Teilnehmer) existenziell, für Klubs wie Manchester City ein nettes Zubrot. Dass neuerdings eine halbe Milliarde Euro nach einer Koeffizientenrangliste ausgeschüttet wird (35,5 Millionen Euro für die Nummer eins und immerhin noch 1,1 Millionen Euro für das Schlusslicht), die auf Basis der Leistungen (Abschneiden in nationalen und internationalen Wettbewerben) aus den vergangenen zehn Jahren ermittelt wird, bevorzugt ebenfalls die großen Namen.

Der Sportökonom Stefan Szymanski argumentiert in seinem Buch „Money and Soccer“, dass die Dominanz kein neues Phänomen sei. Teams wie Manchester United, Real Madrid und Bayern München seien bereits ökonomisch und sportlich erfolgreich gewesen, als noch keine milliardenschweren TV-Rechte-Deals ausgehandelt wurden. Die traditionsreichen Klubs seien mit ihrer lokalen Verwurzelung eine Art „first mover“ gewesen. Nur wenigen neureichen Teams wie Manchester City, PSG und Schachtjor Donezk sei es gelungen, den Entwicklungsvorsprung aufzuholen und die Phalanx der großen Klubs aufzubrechen. Und das auch nicht gerade erfolgreich. Die Scheichs warten weiterhin auf einen großen Titel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2018)

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