Roberto Mancinis Vision: Die „Squadra Azzurra“ der Zukunft

Der Meistertrainer soll Italien aus dem Jammertal führen. Eine Mammutaufgabe, unzählige Hürden stehen dem viel zitierten Umbruch im Weg.

Roberto Mancini soll Italien aus dem Jammertal führen.
Roberto Mancini soll Italien aus dem Jammertal führen.
Roberto Mancini soll Italien aus dem Jammertal führen. – APA/AFP/MARCO BERTORELLO

Platz 20 in der Fifa-Weltrangliste ist eine Demütigung für den vierfachen Weltmeister. Der Tiefpunkt war im August dieses Jahres erreicht: Rang 21 bedeutete Italiens schlechteste Platzierung seit Einführung des Rankings vor 25 Jahren. Aber so kommt es eben, wenn man die WM verpasst und in den jüngsten acht Partien nur ein Sieg gelingt (2:1 gegen Saudiarabien im Mai). Selten hatte eine Nationalmannschaft den viel zitierten Umbruch nötiger als die italienische.

Den richtigen Mann dafür dürfte sie aber gefunden haben. Roberto Mancini hat sich im Mai dieser Aufgabe verschrieben, der 53-Jährige hat die notwendige Erfahrung (Meistertitel mit Inter Mailand und Manchester City), er wirkt zielstrebig und zugleich experimentierfreudig und wirbelt ordentlich Staub auf in den Machtzentren des Calcio. Nur auf dem Platz will sich der Erfolg noch nicht einstellen.

Vor allem der Start in die Nations League im September ging daneben, einem 1:1 gegen Polen folgte ein 0:1 in Portugal. Das einzige italienische Tor in 180 Minuten war ein verwandelter Elfmeter. Noch ist nicht alles verloren, die Rückspiele stehen noch an, heute in Warschau (20.45 Uhr, live DAZN), im November in Mailand gegen Portugal. Schwerer als die Resultate wiegen aber die ideenlosen Auftritte. Die Angriffsbemühungen seiner Truppe müssen sich für einen früheren Topstürmer wie Mancini (Sampdoria, Lazio) wie eine persönliche Kränkung angefühlt haben.

Nach vierjähriger Abwesenheit hatte der Teamchef Mario Balotelli ins Nationalteam zurückgeholt. Die Einberufung schlug Wellen, der Stürmer mit ghanaischen Wurzeln, der seine Sternstunde bei der EM 2012 erlebte, als er Deutschland im Alleingang aus dem Turnier schoss, ist den regierenden Rechten ein Dorn im Auge. Auch die Medien stürzen sich auf das ewige Enfant terrible. In Nizza ist Balotelli bei Coach Patrick Vieira schon in Ungnade gefallen, weil er zu spät zum Training erschienen war. Auch bei seinem Team-Comeback gegen Polen erwies sich der 28-Jährige nicht als Verstärkung. „Ein erfahrener Spieler, aber seine Fitness ist ein Problem“ erklärte Mancini.


Vergeudete Talente. Gegen Portugal probte der „Commissario Tecnico“ dann den Aufstand. Erstmals seit 20 Jahren trat Italien mit einer Startelf an, in der sich kein einziger Profi von Serienmeister Juventus Turin befand. Kapitän Giorgio Chiellini, Leonardo Bonucci und Federico Bernardeschi saßen allesamt auf der Bank, eine Ohrfeige für den Klub, der stets das Rückgrat der „Squadra Azzurra“ gestellt hat. Besserung war nicht in Sicht. Hinten patzte der neue Innenverteidiger Mattia Caldara und leitete damit den portugiesischen Siegtreffer ein, vorn blieben anstelle von Balotelli dieses Mal Ciro Immobile und Simone Zaza völlig harmlos. Einziger Lichtblick: Federico Chiesa, der 20-jährige Sohn des früheren Teamstürmers Enrico Chiesa, der gegen Polen schon den Elfmeter herausgeholt hatte.

Doch woher sollen die Spieler für Mancinis Neustart kommen? Wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtete, haben nur 30 Prozent aller Profis in der Serie A die Berechtigung, für Italien zu spielen. Vor zwölf Jahren waren es noch 60 Prozent. „Noch nie habe ich in der Serie A so wenige Italiener spielen gesehen“, sagt auch Mancini. Schaffen es Talente aus den Jugendabteilungen in die Profiteams, sind sie dort meist nur zweite Wahl. „Wir haben junge Talente, aber sie müssen auch spielen können. Sie sitzen auf der Bank, dabei sind sie oft besser als die ausländischen Stammspieler“, erklärte Mancini in Richtung der Klubs. Sein Appell: „Es braucht mehr Mut.“

Der Teamchef macht es vor. Er berief Nicolò Zaniolo, 19, von AS Roma ein, obwohl der Mittelfeldmann noch kein Serie-A-Match absolviert hatte. Auch der 17-jährige Stürmer Pietro Pellegri (AS Monaco) durfte Nationalteam-Luft schnuppern. Längst unverzichtbar ist die 19-jährige Nummer eins, Gianluigi Donnarumma. Der Blick auf den italienischen Nachwuchs verheißt ohnehin eine große Zukunft. Italiens Auswahl stand im Mai im Finale der U17-EM und verlor erst im Elferschießen gegen die Niederlande. Ebenfalls erst im EM-Endspiel wurde die U19 gestoppt. Und im Vorjahr brachte das U20-Team Platz drei von der WM in Südkorea nach Hause.


Rolling Stones. Mancinis Vertrag läuft bis 2020, er wird weiterhin deutliche Wort finden, sei es in Richtung von Balotelli oder der Klubbosse. Es heißt, er habe Angebote aus Mailand und Turin abgelehnt, weil er sich dort nicht unterordnen wollte. Beim Nationalteam sind weitere Überraschungen also programmiert. Zuletzt ließ Mancini auf dem Trainingsplatz Musik auflegen. Queen, Rolling Stones und The Killers, italienische Komposition war keine darunter, wie die heimische Presse feststellte.

Demnächst wird Mancini einen neuen Chef bekommen. Die erste WM seit 1958 ohne Italien hatte Verbandspräsident Carlo Tavecchio den Job gekostet. Nun übernimmt Gabriele Gravina, der Kandidat der Profiligen war der einzige Anwärter auf diesen Posten. Gravina erklärte, der italienische Fußball müsse schleunigst „heraus aus dem Mittelalter“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2018)

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