Jogi Löw als Seelentröster

EM-Qualifikation: Das 2:4 gegen die Niederlande offenbart die Schwäche im deutschen Fußball: die Viererkette ist zu löchrig.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) imago images / Team 2 (TEAM2)

Hamburg. Auch Deutschlands Fußballer verlieren immer öfter ein wichtiges Spiel – es ist also nicht nur ein rein österreichisches Phänomen. Allerdings erleben die erfolgsverwöhnten DFB-Spieler tatsächlich ein Tief: Der Aufschwung nach dem frühen WM-Out in Russland 2018 lässt irgendwie weiter auf sich warten. Es fehlen Esprit oder neue, richtig durchschlagskräftige Leitfiguren und daher ist auch dieser Start in die EM-Saison so ernüchternd verlaufen. Das 2:4 in Hamburg gegen Erzrivalen Niederlande war markant, die ausgerechnet von Ronald Koeman – er zweckentfremdete nach dem 2:1-Sieg im EM-Halbfinale 1988 das Trikot von Olaf Thon – betreute Oranje-Truppe war eindeutig besser.

Nun wird Joachim Löw, dem Weltmeistermacher von Brasilien 2014, eine vollkommen neue Rolle zuteil. Der Badener, 59, muss sich als Seelentröster und Trostspender versuchen. Gewisse Erfahrung darin hat er ja, dieses Geschick müssen Fußballtrainer in Österreich (Tirol, Austria) auch zwingend beherrschen.


Schnelle Besserung. „Toni Kroos, Manuel Neuer, Ilkay Gündoğan, die haben das schon einmal erlebt, dass man so ein Spiel verliert. Die jungen Spieler muss man ein bisschen aufrichten“, bemerkte also Deutschlands Teamchef nach dem bitteren 2:4 (1:0). „Man muss den Spielern jetzt wieder das Gefühl geben, dass sie es können.“ Er versprach umgehend schnelle Besserung, schon beim kniffligen Auswärtsspiel in Nordirland, dem Tabellenführer der Gruppe C, soll alles ganz anders aussehen. Löw: „Wir werden am Montag, da bin ich mir sicher, eine Reaktion zeigen.“

Für die Analyse der Fehler gegen Oranje hat Löw kaum Zeit. Ein weiterer Patzer im Windsor Park von Belfast könnte die DFB-Auswahl von dem schon sicher eingeschlagenen Weg Richtung EM-Endrunde 2020 abbringen. Über generelle Defizite wollte Löw nach dem erneuten Kontrollverlust nicht reden, der Unterschied konnte aber ihm nicht verborgen geblieben sein. Doch er blockte ab. „Qualitätsmängel haben wir keine. Das stellen die Spieler Woche für Woche unter Beweis.“ Die Abwehrreihe um den indisponierten Jonathan Tah und den mehrfach unsicheren Matthias Ginter ließ jedoch zu viele Möglichkeiten zu.

Im viel diskutierten Reifeprozess attestierte Löw dem großen Rivalen einen Vorsprung, der kam im Volksparkstadion auch anders als noch beim deutschen 3:2-Coup in März in Amsterdam zum Tragen. Man habe schon gemerkt, fügte Löw, der vor sechs Monaten das Rauchen aufgegeben hat, mit etwas gedämpfter Stimme hinzu, „dass die Holländer in der Formation schon länger zusammenspielen. Sie wirkten eingespielter als wir.“ Viel zu leicht wurden Gegentore hergeschenkt. Frenkie de Jong (59.), ein Eigentor des ungeheuer tapsigen Tah (66.), Donyell Malen (79.) und Georginio Wijnaldum (90.+1) besiegelten die Enttäuschung. Erstmals seit Oktober 2015 und vierzehn Siegen in Serie verlor Deutschland wieder ein Qualifikationsspiel. Daran änderten auch Treffer Serge Gnabry (9.) und Toni Kroos (72./Handelfmeter) nichts. Aber: Es ist alles, nur kein Zufall, wenn eine Mannschaft zweimal eine Führung verspielt.

Gruppe C: Estland – Weißrussland 1:2, Deutschland – Niederlande 2:4. Tabelle: Nordirland 12, Deutschland 9.

Gruppe E: Wales – Aserbaidschan 2:1, Slowakei – Kroatien 0:4. Tabelle: Kroatien (9) vor Ungarn (9).

Gruppe I: Zypern – Kasachstan 1:1, Schottland – Russland 1:2, San Marino – Belgien 0:4. Tabelle: Belgien (15) vor Russland (12). (red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2019)

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