Deutschland hat keinen Abwehrchef mehr

Die Rückkehr von Mats Hummels drängt sich nach dem „Alarm“ gegen die Niederlande zwar auf, aber Joachim Löw bleibt starr. Schon Franz Beckenbauer und Berti Vogts holten eigentlich Aussortierte wieder zurück.

Löw hat immer noch Ballgefühl.
Löw hat immer noch Ballgefühl.
Löw hat immer noch Ballgefühl. – (c) REUTERS (FABIAN BIMMER)

Belfast. „Jetzt müssen wir ein bisschen mehr gewinnen.“ Joshua Kimmich brachte die Situation nach dem ernüchternden 2:4 gegen die Niederlande und vor dem heutigen EM-Qualifikationsspiel gegen Nordirland im Windsor Park von Belfast (20.45 Uhr, live, RTL) auf den Punkt. Die Nordiren, ein trügerischer Tabellenführer in der Gruppe C, sind natürlich ein weitaus schwächeres Kaliber als Oranje. „Die Nordiren bringen ganz andere Eigenschaften ins Spiel“, weiß daher Teamchef Joachim Löw.

Sie würden „wahnsinnig“ körperlich robust, viele lange und hohe Bälle spielen. Tiefer stehen, „wir werden weniger Räume nach vorn bekommen. Dementsprechend müssen wir uns ausrichten.“ Personelle Veränderungen nach dem schwachen Spiel in Hamburg sind zwangsläufig, auch, weil Nico Schulz verletzt heimreisen musste. Ein Teilriss eines Bands in der linken Fußwurzel sei Grund, teilte der DFB mit.

Michael O'Neill wird die Mannschaft nicht wiedererkennen, nicht nur wegen der Gesichter, sondern der Klasse. Es ist keine drei Jahre her, da schwärmte der nordirische Trainer nach einem 0:2 in Hannover: „Ich bin mir nicht sicher, ob es ein System im Weltfußball gibt, das Deutschland Grenzen setzen kann.“ Das war ein großer Irrtum, wie man weiß. Diese Grenzen wurden in Russland niedergerissen wie morsche Zäune.

 

Medialer Spott: „Tatü Tah Tah!“

Die Lobhudelei galt neben Toni Kroos vor allem den beiden Innenverteidigern: „Boateng und Hummels besitzen eine extreme Athletik. Wenn einer von beiden oder beide bei Standards im Strafraum auftauchen, funktioniert keine Zuordnung mehr.“ Das war einmal. Mehr noch: Für das aussortierte Duo, das einmal als das Beste der Welt gegolten hat, gibt es keine adäquaten Nachfolger, wie der Untergang im Oranje-Wirbel schonungslos offengelegt hat. Löw hat keinen souveränen Abwehrchef mehr.

Im Abwehrzentrum irrte der Leverkusener Jonathan Tah, 23, herum, agierte zaghaft, stand falsch wie vor dem 1:1. Und verteidigte unglücklich. Machte das 1:2 selbst. In den Szenen, die zum 2:3 und 2:4 führten, war er nicht zu sehen. Die „Bild“-Zeitung spottete mit der Martinshorn-Zeile „Tatü Tah Tah!“, das löste „EM-Alarm“ aus. Der „Kicker“ gab Tah die Höchststrafe: Note 6.

„Wir haben ein paar Fehler zu viel gemacht, waren nicht wach. Das Selbstvertrauen fehlte“, sagte Löw bloß über seine ungewohnte Abwehr, eine Art Fünferkette. Von den defensiven Spielern genügte allein Niklas Süle internationalen Ansprüchen. Doch der 24-Jährige ist kein dirigierender Abwehrchef we Virgil van Dijk. Von ihm kann Deutschland nur träumen.

Für ein Comeback Hummels' müsste Löw über seinen Schatten springen. Wofür sich zwei seiner Vorgänger aber nicht zu schade waren. Franz Beckenbauer holte Klaus Augenthaler nach drei Jahren zurück. Mit „Auge“ wurde der „Kaiser“ 1990 Weltmeister. Berti Vogts überredete nach dreijährigem Zerwürfnis Lother Matthäus (EM-Titel 1996 ohne den Ex-Kapitän) zum Comeback für die Weltmeisterschaft 1998.

Wenn Hummels, 30, nach seiner Rückkehr zum BVB wieder auf Topniveau spielt, wird Löw – im EM-Interesse – wohl gezwungen sein, den einstigen Abwehrchef zurückzuholen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2019)

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