WM-Eröffnung: Fellmützen und ein paar Wüstenscheichs

Fussball-WM Ausgelassene Fanstimmung wie im Bilderbuch: Die Eröffnungszeremonie dauerte nur eine halbe Stunde. Die russischen Fans übten sich da noch in Zuversicht, dass die Sbornaja den Aufstieg aus der Gruppe A schafft.

World Cup - Group A - Russia vs Saudi Arabia
World Cup - Group A - Russia vs Saudi Arabia
REUTERS

Moskau. Der Ankick fühlte sich fast wie eine Erlösung an: Endlich hat diese vom Kreml so ersehnte und international so umstrittene WM begonnen. Bei der 30-minütigen Eröffnungsshow sang Robbie Williams, der trotz Boykott der britischen Regierung nach Moskau gekommen war, vier Lieder – darunter die Ballade „Angels“ gemeinsam mit der Sopranistin der Wiener Staatsoper, Aida Garifullina. Als weiterer Star auf dem Spielfeld trat Ronaldo auf, der mit dem WM-Maskottchen Zabivaka den Ankick zelebrierte – mit dem Matchball, der den Frühling noch auf der Raumstation ISS verbracht hatte.

Fußball-WM: Die Fans der Fußball-WM

Auch Präsident Wladimir Putin war unter den Zuschauern im Luschniki-Stadion. Mitten auf dem Spielfeld hatte er im März noch seine einzige öffentliche Wahlkampfrede gehalten, ebenfalls vor einem vollen Stadion wie am Donnerstag. Seiner Einladung waren der saudiarabische Kronprinz Mohammed bin Salman und rund zehn Staatsschefs gefolgt. Und unter den Zuschauern befand sich auch Ex-Trainer Guus Hiddink, für viele „Bolelschiki“ (russische Fußballanhänger) noch immer der große – und gescheiterte – Reformer der Sbornaja. Putin hieß in einer kurzen Rede die Fans willkommen und wünschte ihnen gute Unterhaltung bei dem "kompromisslosen, spektakulären Spiel". Auch nannte er Fußball den "populärsten Sport in Russland" und erwähnte seinen Beitrag zu Frieden und gegenseitigem Verständnis. Putin ist eigentlich als Anhänger von Hockey bekannt.

Die Stimmung vor dem Match im Luschniki-Stadion (zum Live-Ticker) war ausgelassen. Russische Fans legten sich ins Zeug und machten mit Pelzhauben und Kosakenmützen den allgegenwärtigen mexikanischen Sombreros Konkurrenz. Alexej Aduschew, 38, kam mit der Metro zum Stadion – ohne Probleme. Mit Clownmütze in den Farben der russischen Trikolore, Fußball-förmigen Sonnenbrillen und einem roten Dress war er stilecht unterwegs. Dass er für das Eröffnungsspiel ein Ticket ergattert hatte, freute ihn besonders – „um einen Eindruck zu bekommen.“ Die Chancen der Russen? „Den Aufstieg schaffen wir, glaube ich.“

Die Fans standen hinter ihrer vielkritisierten Mannschaft. „Russland vorwärts“, schallte es laut. Die Ränge waren gefüllt mit Fans in roten Trikots der Nationalmannschaft. Die wenigen saudiarabischen Gäste, viele in weißen Gewändern, und die grünen Fahnen leuchteten da regelrecht hervor.

"Wir halten zu ihnen"

Das Verhältnis der Russen zur Sbornaja ist gespalten. Wsewolod Wariwoda spielt selbst im Moskauer Universitätsklub „Mighty“, der an der prestigeträchtigen Hochschule für Wirtschaft beheimatet ist. Der 22-Jährige hat am Team viel zu kritisieren. Etwa, dass die Spieler in der russischen Liga im internationalen Vergleich zu viel verdienten und daher wenig Anreiz haben, als Legionär Erfahrung zu sammeln. „Sie bleiben immer im Land, es fehlt die Konkurrenz und Motivation, besser zu spielen“, kritisiert der Hobbysportler. Gleichzeitig war klar, wem er die Daumen drückt: „Wir schimpfen zwar immer auf unser Nationalteam, aber wenn sie spielen, halten wir zu ihnen.“

Gemischte Gefühle für die Sbornaja hat auch der Barde Semjon Slepakow. Er veröffentlichte vor drei Tagen einen parodistischen Song, in dem er der Mannschaft mit dem tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow einen brutalen Trainer verpasst, statt dem „miesgelaunten“ Stanislaw Tschertschessow: „Ramsan, hart wie Parmesan“ bedroht die Kicker mit der Pistole und schneidet den Spielern den Daumen ab, weil sie am Mobiltelefon herumspielen. Allein, gegen Saudiarabien verlieren sie dennoch 0:2. Entnervt gibt Kadyrow auf. Das Lied wurde bisher knapp sieben Million Mal auf YouTube angeklickt.

Reibungsloser Transport in Moskau

Die Organisation beim ersten Match lief glatt. In der Metro sorgte eine Menge Sicherheitskräfte für reibungslosen Transport. An den Eingängen bildeten sich kaum Schlangen.

Hobbykicker Wsewolod Wariwoda wünschte sich für die kommenden Wochen ein ausgelassenes Fanfest. „Ich möchte, dass man sieht, dass bei uns alles in Ordnung ist – nicht so wie die Medien oft vermelden.“ Und er hoffte, dass der World Cup ein Antrieb ist für den russischen Fußball – zumindest für die nächste Spielergeneration.

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