Leichtathletik-WM: 8,95 Meter – ein Weitsprung für die Ewigkeit

Mike Powell gelang in Tokio 1991 der Fabel-Weltrekord. 2007 schwärmt er noch immer von seinem „Flug“.

(c) Reuters

OSAKA (reuters/fin). Wer von Leichtathletik, einer Weltmeisterschaft und Japan spricht, dem fällt sofort das Jahr 1991 ein. Damals fanden die alle zwei Jahre stattfindenden Weltspiele in Tokio statt und der amerikanische Weitspringer Mike Powell sorgte mit seinem Sprung auf 8,95 Meter für die Sensation. Kurzerhand wurde in diesen Tagen auch die Unabhängigkeitserklärung der Ukraine aus den Schlagzeilen verdrängt, denn Powell hatte es mit seinem „Flug“ geschafft, die Uralt-Marke von Bob Beamon (8,90 m) aus dem Jahr 1968 auszulöschen. Ein Rekord, von dem viele glaubten, dass er für die Ewigkeit stehen sollte. Bis Mike Powell die große Stunde schlug.


„King Carl“ als Feind

Aber es war nicht nur dieser eine Sprung, es war auch das Duell Powells mit der Leichtathletik-Legende Carl Lewis. „King Carl“ war auch 8,91 m gesprungen, zu starker Wind aber verhinderte diese Bestmarke. Und als Powell bei seinem vierten Versuch mit 8,95 m fast an den Rand der Sandkiste gesprungen war, war es plötzlich mucksmäuschenstill im Stadion geworden. Diese Distanz hatte allen den Atem geraubt.

Bei den Sommerspielen von 1988 und 1992 hatte immer Lewis gewonnen, nun war Powell, sein „Erzfeind“ der Mann der Stunde. „Wir waren damals keine Freunde“, schildert der heute 44-jährige Powell – er ist in Osaka als Gast dabei – seine Erinnerungen. „Das hatte ich auch absichtlich gemacht. Carl ist doch eine Legende und was ihm immer half, das habe ich damals schnell herausgefunden, war die Tatsache, dass alle vor ihm Angst hatten. Ich aber nicht!“


Unheimliche Angst vor Pedroso

Wer Carl Lewis schlagen wollte, der durfte eben kein Angsthase sein. Also machte ihn Powell für sich „zum Feind, zum Dämon“. Erst nach Atlanta 1996 sollte sich die Beziehung zwischen beiden Stars verbessern, sich eine Freundschaft entwickeln. Daher waren beide auch für einen Fototermin in Osaka bereit – mit Spikes-Schuhen natürlich. Powell unternahm auch einen „Jump-Versuch“. Es könnten 6,49 m gewesen sein, scherzte er, gab aber offen zu, dass er furchtbar nervös war, nach so langer Zeit wieder in kurzen Hosen vor einer so großen Zuschauermenge zu stehen...

Seinen Rekord sieht er nicht mehr in Gefahr, seitdem Ivan Pedroso nicht mehr springt. Ein Video, das den Kubaner bei einem Satz auf sagenhafte 9,15-m zeigt, hat sich Powell – er arbeitet heute als Coach an der Universität von Kalifornien – aufgehoben. „Es war aber ein Foul, er hat übertreten. Dann sprang 8,96 m, ich war entsetzt, mein Rekord war dahin. Aber aus irgendeinem Grund wurde er nicht anerkannt.“ Damit bleibt ihm und der Leichtathletik die Erinnerung. An eine bessere (fast dopingfreie) Zeit, mit größeren Namen und mehr Glamour.

WM-Ergebnisse, Damen, 100 m Hürden, Gold: Perry (USA) 12,46. – Diskus, Gold: Dietzsch (D) 66,61 m. – 400 m, Gold: Ohuruogo (GB) 49.61.

Herren, Hochsprung, Gold: Thomas (Bah) 2,35 m. – 1500 m, Gold: Lagat (USA) 3:34,77.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2007)

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