Leichtathletik: "Doping-Aufdecker" in den eigenen Reihen

LCC-Sportchef Wilhelm Lilge beantragte die Kontrolle von Susanne Pumper „um Klarheit“ zu erhalten und der Sportlerin eine „faire Chance“ zu geben.

(c) Gepa (Walter Luger)

WIEN. Die anonyme Doping-Anzeige von dreißig Sportlern in der „Humanplasma-Affäre“ hatte bei LCC-Sportdirektor Wilhelm Lilge das Fass zum Überlaufen gebracht. Es war ein letztes Mosaiksteinchen, sagt er, ihm blieb „keine andere Wahl mehr“. Also schrieb Lilge die „offizielle Anforderung“ der unangemeldeten Dopingkontrolle, bei der die LCC-Athletin Susanne Pumper am 9. März eine positive A-Probe abliefern sollte.

Lilge sagt, er tat es, „um Klarheit“ zu erhalten und der Sportlerin eine „faire Chance“ zu geben. Solange die B-Probe aussteht, gilt für Pumper die Unschuldsvermutung, der Verband sprach aber die den Regeln entsprechende Suspendierung erwartungsgemäß am Freitag aus. Lilge gehe es nicht darum, jemanden in Misskredit zu bringen oder gar dem eigenen Verein zu schaden, nur er stehe für „lückenlose Wahrheit“. Als sportlicher Leiter diverser Nachwuchsklassen sei er dazu verpflichtet, aber auch als Stiefvater eines großen Lauftalents.

Jeder Athlet, der wegen Dopings aus dem Weg geschafft werde, setzt Wilhelm Lilge trocken nach, sei „ein Gewinn für den Sport, auch wenn die Wahrheit furchtbar weh tut.“ Es müsse Schluss sein, all den Lügen und Vertuschungen müsse ein Ende gesetzt werden. Lilge ließ mit folgendem Satz aufhorchen: „In Österreich gab es bislang ja nur sehr wenige, die tatsächlich an einer Aufklärung, der Aufdeckung interessiert waren!“

Dass der Leipziger Trainer und DDR-Sportmediziner Helmut Stechemesser sowohl die wegen EPO-Dopings gesperrte Slowenin Jolanda Ceplak, die Olympia-Dritte Theresia Kiesl (in ihrer Wohnung wurden 1998 Wachstumshormone und Anabolika im Kühlschrank gefunden) und jetzt zuletzt Susanne Pumper betreute, sei nur ein Ansatzpunkt gewesen für Lilge, mehr nicht. Mit dem LCC habe Stechemesser eigentlich nie etwas zu tun gehabt, so der Sportchef. „Es gibt da eine klare Abgrenzung. Er ist einfach ihr Privattrainer.“


Kontakt, der enden wollend ist

Viel mehr stört Lilge, dass der in Deutschland verurteilte DDR-Arzt Bernd Pansold in Österreich (offiziell für Red Bull) arbeiten dürfe. Oder dass mit Heinz Jungwirth ein und dieselbe Person Anti-Doping-Chef und ÖOC-Generalsekretär ist oder etwa Kiesl heute für die Volkspartei als Abgeordnete im oberösterreichischen Landtag sitzt.

Kontakt mit Pumper hatte der LCC-Wien-Funktionär am Freitag keinen. „Ich denke, der ist enden wollend“, sagte der Wiener. Die Athletin war am Freitag auch für „Die Presse“ nicht erreichbar. Wilhelm Lilge zuckte nur mit den Achseln, jetzt könne man nur noch abwarten. Dabei wollte er „Pumper nur eine faire Chance geben“.

Am Freitag machten Gerüchte die Runde, dass Pumper bei der Kontrolle „etwas merkwürdig“ vorgekommen sei und sie eine Verwechslung der Proben nicht ausschließe. Der Kontrollvorgang soll aber nicht beeinsprucht worden sein, die Kontrolle nahm Karl-Heinz Demel für das Anti-Doping-Komitee ÖADC vor – und sie verlief „normal“. Er sagt: „Sie hat ja auch unterschrieben. Sie hat jetzt eine Dokumentation angefordert und die B-Probe verlangt. Diese ist ordnungsgemäß versiegelt und vorhanden.“

Während sich Sport-Staatssekretär Reinhold Lopatka über die aktuelle Situation beim ÖLV („Der Verband verschweigt, dass Walter Mayer die Athletin Gradwohl bei ihrem Rekordlauf betreut!“) und den aktuellen Fall mokiert, nahm es sein Vorgänger Karl Schweizer gelassener. Er lief 2006 noch PR-freundlich mit Pumper in Wien den Staffel-Marathon. Begleitet von Diana Undeutsch und Stefan Matschiner. Der Laakirchner scheint mit Manfred Kiesl – Theresias Gatten – als Inhaber der „Intl Sports Agency OEG“ auf. Matschiner war auch auf „Einladung von Walter Mayer“ 2006 bei den Olympischen Spielen in Turin und musste zuletzt vor der ÖSV-Dopingkommission aussagen.

„INTELLIGENTES TESTEN“

„Intelligent Testing“ heißt unangemeldete Trainingskontrollen zu Zeitpunkten, an denen die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass ein Sportler zu verbotenen Mitteln greift. Berücksichtigt bei „Intelligent Testing“ werden individuelle Saisonhöhepunkte, Wettkampf-, Trainingspläne und Verdachtsmomente. Der Sportler muss jederzeit mit Kontrollen rechnen.
Der Leichtathletikverband ÖLV suspendierte Susanne Pumper am Freitag. Es wird auf die Analyse der B-Probe gewartet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2008)

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