Gewichtheben: Wenn ein starker Mann in Österreich verkannt wird

Matthias Steiner gewinnt EM-Gold – für Deutschland. Wegen schwerwiegenden Differenzen mit dem Verband hatte er Österreich 2005 verlassen.

(c) EPA (Don Denton)

LIGNANO/WIEN. Wenn Matthias Steiner die Heber-Bühne betritt, denkt er an seine verstorbene Frau Susann. Dann geht das 25-jährige Superschwergewicht in sich und stemmt fast jedes Gewicht. Wegen ihr, seiner Liebe für Hanteln und schwerwiegenden Differenzen mit dem Verband hatte er Österreich 2005 verlassen. In Deutschland sollte sein Leben in der Boris-Becker-Stadt Leimen neu beginnen. Sportlich erlebt der gebürtige Wiener seitdem einen Höhenflug, nach dem tragischen Unfalltod seiner großen Liebe im Vorjahr gibt ihm der Sport den nötigen Rückhalt. Seit Anfang dieses Jahres hält er den deutschen Pass in Händen und will bei den Olympischen Spielen in Peking seinen Medaillen-Traum verwirklichen.

Dass es Steiner drauf hat, bewies er jetzt bei der EM in Lignano. Da gewann der 140-kg-Koloss Gold im Reißen, Silber im Zweikampf (Bestleistung 446 kg) und Bronze im Stoßen. „Ich habe so lange auf diese Chance gewartet“, sagt Steiner, „das ist ein unglaubliches Gefühl. Dabei war Reißen immer mein Stiefkind. Dass ich den Titel im Reißen vor Weltmeister Scerbathis gewinne, ist ein Hammer. Ich habe sie alle überrascht.“ Dann stand er also ganz oben auf dem Podest, eine deutsche Fahne in der Hand und Tränen in den Augen. Er zeigte allen ein Foto von Susann – „sie hat mir geholfen.“

 

Wenn Ronny Weller gratuliert

Das harte Training im Olympia-Stützpunkt Leimen machte sich für Matthias Steiner bezahlt, ebenso die Wettkämpfe in Chemnitz. Deutschland jubelt über die Medaillenhoffnung – er gilt bereits als Nachfolger von Hantel-Ikone Ronny Weller (Olympiasieg 1992). „Er hat mich sogar angerufen und mir zu meiner Leistung gratuliert!“ In Österreich wurde Steiner (Bestleistung 2004: 405 kg) verkannt, man ließ ihn trotz Platz 7 in Athen ziehen. Angesichts Steiners Erfolge sollte so mancher Funktionär sein Werken hinterfragen...

Steiner sagt, dass in Deutschland Massagen, Sauna, Krafträume und Ärzte für Athleten rund um die Uhr zur Verfügung stünden, in Österreich nicht. Die finanzielle Förderung von Sportlern bemängelte er nicht, aber die Vereins- und Verbands-Philosophien, die würden nicht stimmen. Auch, dass ihn die HSZ wegen seiner Zuckerkrankheit nicht aufnahm, hat er nicht vergessen. Aber: „Seine Heimat verleugnet man nicht, die vergisst du nicht. Ich bin stolz, 25 Jahre lang Österreicher gewesen zu sein“, sagt Matthias Steiner bedacht, mit leicht zittriger Stimme. „Jetzt fühle ich mich als Deutscher, ich bin dankbar für diese Chancen, die sich mir bieten.“

In Deutschland hütet man den Koloss auch wie einen Star. Er soll diese Sportart wieder beleben, vorantreiben. Der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber (BVDG) Claus Umbach sagt: „Er ist in der Weltklasse angekommen, kann in Peking alles gewinnen. Wir haben einen Gewichtheber der Extraklasse.“

ZUR PERSON

Matthias Steiner: *25. 8. 1982 in Wien, Wohnort: seit 2005 Leimen. Verein: AC Chemnitz.

Er ist seit 2008 Deutscher, am Sonntag gewann er in Lignano EM-Gold im Superschwergewicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2008)

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