Leichtathletik: Österreich kann sich keine fünf Trainer leisten

Die Leichtathletik, ein olympischer Eckpfeiler, gerät in Österreich weiter ins Abseits. Es fehlen Infrastruktur, Perspektiven und Trainer – dennoch, 13 ÖLV-Athleten treten bei der EM in Zürich an.

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(c) Lilge

Nikolaus Franzmair spielte im Kindergarten. Thomas Kain und Kira Grünberg feierten ihren fünften Geburtstag – es war 1998 und damals gewann Stephanie Graf die letzte österreichische Medaille bei einer Leichtathletik-EM. In Budapest gewann die 800-m-Läuferin Bronze. 2014 fährt ein dreizehnköpfiges Team in die Schweiz, am legendären Zürcher Letzigrund finden ab 12. August die Leichtathletik-Europameisterschaften statt. Dort spielen der britische Olympiasieger Mo Farah oder Weltrekordler Renaud Lavillenie aus Frankreich die Hauptrollen. 1400 Athleten aus 50 Nationen sind am Start – auch Franzmair, Kain und Grünberg.

Medaillenanwärter aus Österreich sind Mangelware. Darüber können Beate Schrott, Dominik Distelberger oder Andreas Vojta nicht hinwegtäuschen. Schrott, die mit ihrem Finaleinzug bei Olympia 2012 über 100 Meter Hürden einen Hauch von Euphorie ausgelöst hatte, ist erst Ende Juli nach neunwöchiger Verletzungspause wieder ins Geschehen eingestiegen. Zehnkämpfer Dominik Distelberger zeigte in Götzis sein Potenzial mit 8168 Punkten auf, Edelmetall ist für den 24-Jährigen aber noch außer Reichweite. Und Vojta, der Spezialist über 1500 Meter? Sein Ziel ist das Finale.

Leichtathletik-EM: Sie starten für Österreich

Zwei ÖLV-Trainer

Um diese drei Athleten scharen sich Österreichs junge Leichtathleten. Wie Franzmair, obwohl ihm die Finalteilnahme über 800 Meter bei der Junioren-WM in den USA versagt blieb. Mit Thomas Kain gehört viele Jahre nach Thomas Futterknecht und Klaus Ehrle wieder ein 400-Meter-Hürdenläufer zum Aufgebot des Verbandes (ÖLV). Hoch hinaus will Stabhochspringerin Kira Grünberg. Sie gilt als nervenstark, kürzlich verbesserte die 21-Jährige den ÖLV-Rekord auf 4,41 Meter, bei der Junioren-WM 2012 wurde sie Vierte. Zum Kreis der Neulinge gehört auch Jennifer Wenth, die nach dem „Seuchenjahr 2012 mit Verletzungen“ ihre 5000-Meter-Bestzeit auf 15:36,96-Minuten gedrückt hat – es ist gleichbedeutend mit dem 30. Platz in der aktuellen Europarangliste.

Österreichs „Spitzenathleten“ müssen sich bei nationalen Wettkämpfen kaum plagen, der Konkurrenzkampf fehlt. Fakt ist, dass Laufen (ohne Ball) für Kinder zumeist als Strafe gilt. Auch fehlen Nachwuchssportlern Perspektiven, Ziele, Vorbilder. Günter Weidlinger konnte während seiner 20-jährigen Karriere kaum einen Fortschritt in der Szene beobachten. „Es wird nach wie vor zu wenig in den Nachwuchs investiert. Alle, die jetzt oben stehen, sind Zufallsprodukte“, kritisiert er. Zu wenig Geld fließe in die Nachwuchssichtung.

Für Weidlinger ist es auch eine Frage der Trainer, ohne seinen Vater hätte er es nie an die Spitze geschafft. Zwei hauptamtlich beschäftigte ÖLV-Trainer seien für ein ganzes Land zu wenig.

„In der Leichtathletik, in der man mit Hammerwurf, Stabhochsprung oder Marathon verschiedenste Disziplinen abdecken muss, braucht es Spezialisten. Unser Sport ist betreuungsintensiv“, sagt Hannes Gruber, seit 16 Jahren im ÖLV tätig. Der Sportdirektor ortet das Manko der Szene im Sprint- und Sprungbereich. Das sei der Grund, wieso Österreich bei der Team-EM in die unterste Liga abgestiegen ist. Es gab in Österreich noch nie so wenige Athleten, die die 100 Meter unter elf Sekunden (in Zahlen: 11) laufen können...

Wilhelm Lilge kennt die Szene, und der Trainer nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Die Misere findet er schnell, der Verband müsste mehr über Vereine und Schulen arbeiten. Dort müssten Kinder getestet, motiviert werden. „Ein Ausdauertalent stellt sich im Turnunterricht nicht als solches dar, außer der Lehrer ist zufällig Läufer“, sagt Lilge. Rein statistisch gibt es in Österreich 1000 Schüler, die das Zeug zum Olympiasieger hätten. Es bleibt Fiktion, weil sie weder begeistert, entdeckt noch trainiert werden.

Lilge hat seine Erfahrungen im Buch „Sportland Österreich“ verewigt. Freunde machte er sich damit keine, vor allem das Unterrichtsministerium kommt nicht gut weg. Es gebe keine Kooperation zwischen Sport und Schule, Lehrer seien zu wenig engagiert oder, was Sport anbelangt, schlecht ausgebildet. Die Macht der Lehrergewerkschaft verderbe vieles, Artikel über den erschreckenden Gesundheitszustand der Kinder ändern nichts. Der Bewegungstrieb gehe verloren. „Die braven Kinder sind die, die sitzen.“

Interesse, TV, Politik

Der ÖLV muss mit einem Etat von 1,3 Millionen Euro das Auslangen finden. Minimum wären fünf Betreuer, um alle Disziplinengruppen wie Lauf/Sprint, Sprung, Wurf, Lauf und Mehrkampf abzudecken, sagt Gruber. Doch dazu bedarf es höherer Mittel, doch da schlägt Sportbürokratie im negativen Sinne zu. Fertige Unterlagen zum Berufsbild Trainer sind in einem Schreibtisch verschwunden. Die Parteien trieben mit wechselnden Sport-Politikern ihr eigenes Spiel.

Das Fehlen von Vorbildern ist ein Grund, warum Meetings – bis auf das in Götzis – in Österreich Geschichte sind. Auf der Linzer Gugl jubelten einst 20.000 Zuschauer über Stars wie Carl Lewis, Heike Drechsler oder Steffi Graf. Zuletzt kamen nicht einmal mehr 2000, es fehlen Interesse, Zugpferde, Erfolge – von Live-TV ganz zu schweigen. Mit Kooperationen im Ausland, neuen Trainern und Trainingsgruppen sowie Erfolgen im Nachwuchsbereich könnte man vielleicht noch etwas „bewegen“, sagt Lilge. Ein Jugendlicher ohne „Perspektive und Grundlage“ würde erst gar nicht mit Sport anfangen, wirft Gruber ein und fordert die Aufnahme der Talente in den Heeressport.

Die EM in Zürich sei für Österreichs Leichtathletik eine „Riesenchance“, sagt Gruber. Die Präsenz sei enorm, auch weil ORF Sport+ live überträgt. Es sei an der Zeit, Kinder zum Aufstehen zu bewegen. Sonst verlernen sie doch noch das Laufen.

EM-DATEN

1400

Athleten
aus 50 Nationen sind bei der Leichtathletik-EM in Zürich ab 12.August im Einsatz.

13

Österreicher
sind am Start:
Nikolaus Franzmair, Andreas Rapatz (beide 800 Meter), Andreas Vojta (1500), Brenton Rowe (5000), Christian Pflügl (Marathon), Thomas Kain (400 m Hürden), Christian Steinhammer (3000 m Hindernis), Dominik Distelberger (Zehnkampf), Gerhard Mayer (Diskuswurf). Damen: Jennifer Wenth (5000 m), Beate Schrott (100 m Hürden), Kira Grünberg (Stabhoch), Elisabeth Eberl (Speerwurf).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2014)

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