Radsport: Drogen sind nicht immer Doping

Der belgische Sprinter Tom Boonen darf nicht an der Tour de France teilnehmen. Der 27-Jährige wurde zu Wochenbeginn positiv auf Kokain getestet.

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(c) AP (Geert Vanden Wijngaert)

WIEN(chb).Drogen sind im Profisport nichts Neues. Diego Maradona soll während seiner Zeit beim FC Barcelona Anfang der Achtziger-Jahre zum ersten Mal mit Kokain in Berührung gekommen sein. Nach der WM 1990 wurde er von seinem damaligen Klub SSC Napoli 15 Monate wegen Kokain-Konsums gesperrt, bis heute kämpft der Argentinier gegen seine Sucht.

Der italienische Tour-de-France-Sieger 1998, Marco Pantani, erlag 2004 einem Herzinfarkt infolge eines Mixes aus Antidepressiva und Kokain. Im gleichen Jahr entließ der FC Chelsea seinen rumänischen Stürmer Adrian Mutu, weil er positiv auf Kokainkonsum getestet wurde.

Zu Beginn dieser Woche wurde auch der belgische Sprint-Star Tom Boonen positiv auf Kokain getestet. Jetzt darf er bei Tour-de-France sein Grünes Trikot nicht verteidigen. „Sofern die Anschuldigung bestätigt wird, darf Boonen nicht starten“, erklärte Tour-Direktor Christian Prudhomme. Doch die Tour kann den Belgier nicht wegen seines Kokain-Konsums ausschließen – es erfüllt nicht den Tatbestand des Dopings. Daher heißt es in der Begründung, der Belgier habe die Integrität der Tour de France und der von ihr verpflichteten Mannschaften geschädigt.


Verschiedene Dopinggruppen

Der österreichische Doping-Experte Hans Holthaus erklärt diese Situation so: „Die Wada (World Anti Doping Agency) unterscheidet zwischen verschieden Gruppen von Dopingmittel. Zur ersten Gruppe gehören Substanzen, die immer, also auch während der Trainingsphase, verboten sind. Dazu gehören zum Beispiel Anabolika und Hormone. Die zweite Gruppe sind Substanzen, die nur während des Wettkampfes verboten sind. Zu ihr gehört auch Kokain und Cannabis. Wenn diese Substanzen während der Trainingszeit im Körper eines Sportlers gefunden werden, kann die Wada aufgrund ihrer Richtlinien gar nicht einschreiten und darf das auch nicht veröffentlichen.“

Tom Boonens positiver Kokaintest wurde drei Tage vor Beginn der Belgien-Tour genommen. Der Radsport-Weltverband UCI kann den 27-Jährigen nicht sperren. „Drei Tage vor dem Wettkampf gilt als ,außerhalb des Wettkampfes‘. Dieselben Ergebnisse einen Tag vor einem Rennen wären als positiver Doping-Test gewertet worden“, sagte Enrico Carpani, Sprecher der UCI.


Strafrechtliche Konsequenzen

Auch wenn Drogenkonsum außerhalb der Wettkampfzeit keine sportlichen Konsequenzen mit sich ziehen muss, strafrechtlich liegt der Fall anders. Tom Boonen muss sich jetzt vor der Staatsanwaltschaft verantworten.

Am Montag wurden das Haus von Boonens Eltern in Postel und die Wohnung seiner Lebenspartnerin Lore in Meerhout durchsucht. Boonen wurde danach von der Polizei verhört, durfte aber wieder nach Hause gehen. Schon vergangenen Dezember kam es zu ähnlichen Aktionen. Damals hatte Tom Vanoppen, ein ehemaliger Radprofi, der mit Kokain erwischt wurde und mit Boonen befreundet war, den Belgier als seinen Dealer genannt. Boonen bestritt die Vorwürfe immer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2008)

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