Doping: "Der Radsportler Kohl ist tot"

Der tiefe Fall des Bergspezialisten reißt den (österreichischen) Radsport in eine tiefe Krise. Die Hoffnung, durch ihn tatsächlich auf Hintermänner zu stoßen, ist eher gering.

(c) GEPA (Seidl)

WIEN (ag./dat/mhk). Bernhard Kohls Geständnis, vor der Tour de France das EPO-Dopingmittel CERA verwendet zu haben, war wie erwartet tränenreich. Der „Bergkönig“ und Gesamtdritte der Tour de France, dem diese Leistungen nun aberkannt werden, hatte gemeint, der Druck sei zu groß, er zu schwach geworden und Doping als Ausweg ein Fehler gewesen.

Weniger das Geständnis selbst, als die Begleitmusik dazu überraschte: Kohls Manager Stefan Matschiner hatte Mittwochnachmittag noch gegenüber der „Presse“ den Verzicht Kohls auf die B-Probe geleugnet und für Donnerstag eine Pressekonferenz angekündigt. Diese fand dann aber überraschend Mittwochabend am Flughafen Schwechat statt – vor einem Kreis „ausgewählter“ Journalisten – kritische Fragen waren daher kaum zu erwarten. Vertrauensbildende Maßnahmen eines Managers sehen anders aus.

Erstaunlich war auch, dass Rad-Verbandspräsident Otto Flum am Podium Platz genommen hatte. Er habe von der seltsamen selektiven Einladungspolitik nichts gewusst, sagt Flum. Er habe die Pressekonferenz nutzen wollen, um auf die unnachgiebige Haltung des Verbandes in Dopingsachen hinzuweisen. Und es sei ihm „ein menschliches Bedürfnis“ gewesen, „einem jungen Sportler in Bedrängnis zur Seite zu stehen“.

Die Suppe ist meist zu dünn

Kohl hatte bei seinem Outing angekündigt, Hintermänner zu nennen. Darauf setzt Flum große Hoffnungen, ebenso Rudi Massak, Generalsekretär des Radverbandes. Massak aber relativiert: Viele (Hobby-)Sportler würden Hinweise geben, hätten aber nicht die Zivilcourage, Anzeige zu erstatten. Auch der Verband habe in der Vergangenheit immer wieder Anzeigen erstattet und Observierungen beantragt, für die Staatsanwaltschaft sei „die Suppe“ aber regelmäßig zu dünn gewesen.

Kohls Schuldeingeständnis und sein Kooperationsangebot können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er den Radsport in eine tiefe Krise reißt. Für Veranstalter und Rennställe werde es jetzt noch schwieriger, an Sponsorengelder zu kommen. (Die Deutschland-Tour 2009 wurde abgesagt, ARD und ZDF erklärten, die Tour 2009 nicht mehr zu übertragen.) „Wir werden alles versuchen, die Österreich-Rundfahrt am Leben zu erhalten. Sie ist die Plattform für österreichische Vereine um sich zu präsentieren“, meint Flum. Und Massak ergänzt: Auch wenn es immer schwieriger werde, Argumente zu finden, warum Eltern ihre Kinder zum Radsport schicken sollten, werde man sich weiter intensiv im Nachwuchs engagieren. Das Modell „gläserner Athlet“ soll zeigen, dass auch „sauberer Radsport möglich ist“.

Zudem fordert der Verband, Dopingsündern strafrechtliche Konsequenzen in Aussicht zu stellen. Niemand wolle Sportler in Handschellen sehen, aber Haftstrafen hätten eben abschreckendere Wirkung als eine zweijährige Sperre.

Vor den Kopf gestoßen von der Causa Kohl fühlten sich auch seine Trainingspartner Peter Wrolich und Bernhard Eisel. Beide verspüren angesichts der Enthüllungen momentan keine Lust, aufs Rad zu steigen. Für sie wäre es ein „Keulenschlag“ gewesen. Aber, sagt Eisel, „man muss Freundschaft und Geschäft trennen.“ Und Wrolich ergänzte: „Der Radsportler Kohl ist tot, den wird es nicht mehr geben. Aber den Menschen Kohl werde ich sicher nicht fallen lassen.“


("Die Presse" Printausgabe vom 17. Oktober 2008)

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