Galopp: Auf der Zielgeraden im Paradies

Andreas Suborics, Österreichs bester Jockey, arbeitet seit 2012 in Hongkong. Der Wiener, 43, über Pferde, Bahnen, Studentenproteste, seine Saison – und er wundert sich über Stronach.

Das Donnern der Galopper-Hufe – auf Hongkongs Rennbahn Sha Tin ist es ein besonderes Erlebnis.
Das Donnern der Galopper-Hufe – auf Hongkongs Rennbahn Sha Tin ist es ein besonderes Erlebnis.
Das Donnern der Galopper-Hufe – auf Hongkongs Rennbahn Sha Tin ist es ein besonderes Erlebnis. – (c) REUTERS (TYRONE SIU)

Hongkong. Donnerstags hat Andreas Suborics, 43, alle Hände voll zu tun. Dann steht Österreichs erfolgreichster Galopp-Jockey in der Küche, meistens haben seine Frau und er Gäste. Es gibt Wiener Küche, er liebt Gulasch mit Knödeln. Donnerstag ist für den seit zwei Jahren in Hongkong arbeitenden Suborics „der beste Tag zum Essen. Mittwochs sind Rennen, dann erst wieder samstags und sonntags.“

Es mag übertrieben klingen, das weiß Suborics selbst, wenn er nach zwei Jahrzehnten und unzähligen Siegen weltweit weiterhin auf jedes Kilogramm achtet. Er ist 1,65 Meter groß, vielleicht 55 kg schwer. Er hat über 15.000 Rennen bestritten, 1690 gewonnen, „davon 82 wirklich große Preise“. Auf Europas Rennbahnen war der Champion ein gefragter, ein sehr gut bezahlter Mann. Doch diese Saison war weniger ruhmreich. 90 Rennen, zwei Siege, zwölf Top-Vier-Positionen, 2,5 Millionen Hongkong-Dollar (260.000 Euro) – es hätte besser sein müssen. Auch beim Event der Saison am gestrigen Sonntag, dem HKG Cup, einem Rennen mit 100 Millionen Euro Wettumsatz, 1,8 Mio. Euro Dotation und dem Mythos als „inoffizieller Galopp-WM“ musste er zusehen. Warum? Er wurde nicht gebucht.

 

Zehn Milliarden Euro pro Jahr

Das Business im Wettparadies ist hart. Verdienste her, Prestige hin – trotz Lizenz, einem bis Juli 2015 laufenden Vertrag mit dem mächtigen Jockey Club muss sich Suborics Züchtern, Besitzern und Trainern stets neu anbieten. Australier und Asiaten dominieren, sind billiger, schneller, besser vernetzt – der Jockey Club mit knapp 30.000 Angestellten muss finanziell hochtourig fahren. Zehn Milliarden Euro Umsatz pro Jahr verlangen Spektakel, Siege, Stars. Es geht um Angebot und Nachfrage, nur hat es in Hongkong einen Haken: Glücksspiel ist verboten, Sport- und Pferdewetten sind die einzige Einnahmequelle dieser Branche.

Die Stadt lebt von den Steuerabgaben der Rennbahnen Sha Tin und Happy Valley. Es mutet paradox an, dass der Jockey Club als Non-Profit-Organisation auftritt. Doch 1,5 Milliarden Euro gehen jährlich tatsächlich auch an karitative Zwecke, in diesem Fall erfüllt das Monopol einen sozialen Zweck. „Hongkong ist eine der sichersten Städte der Welt“, erzählt Suborics, der neben der Rennbahn Sha Tin wohnt. „Am Sonntag waren 80.000 Zuschauer da – aber es lief wie immer geordnet ab.“ Wo so viel Geld im Spiel ist, ist für Kleinkriminelle kein Platz.

Suborics feierte 2001 hier einen seiner größten Siege, aber er hatte 2010 auch enormes Glück. „Ich war mit einem Pferd zusammengeprallt, ein Kopftreffer“, sagt er und fügt hinzu, dass „einige Tage mit extremen Kopfschmerzen und zwei Operationen später das Blutgerinsel im Kopf kein Problem mehr“ gewesen sei. Es war mehr als nur ein Albtraum, Suborics erzählt es aber locker. Unfälle gehören zum Pferdesport dazu. So wie sein Sturz 2005, der in Kyoto mit einem Wirbelbruch geendet hat.

Er wollte seine Karriere beenden, auch auf Nachdruck der Ärzte. In Baden-Baden hatte er bereits einen Job, „aber es war nicht an der Zeit, meine Stiefel an den Nagel zu hängen“, erzählt er im Reiterjargon. Also ging es 2012 retour nach Hongkong, dorthin, wo alles begonnen hatte, ihm alle Wünsche von den Augen abgelesen wurden. Sich noch einmal beweisen, das Leben genießen zwischen Hochhäusern, Victorias Peek, Dschungel oder „netten Stränden. Und Rennen, um Jobs und Pferde kämpfen.“

Dass das Leben zuletzt nicht einfach war in Hongkong, ist auch Protesten, Diskussionen um Politiker, Pekings Einfluss und Polizeieinsätzen geschuldet. Mittlerweile, sagt Suborics, herrsche wieder Alltag, es gebe keine Straßensperren mehr, der Widerstand der Studenten sei vorerst der Hoffnung gewichen auf eine Zukunft in Freiheit.

Im selben Atemzug spricht er das Racino-Desaster an. Dort wird es 2015 keinen Rennbetrieb mehr geben. „Stronach war von Anfang an falsch beraten. Er hätte in die Freudenau investieren müssen! Österreicher sind bequem – wer fährt denn im Bus zum Galopprennen, wenn sogar Fußballstadien mit U-Bahn-Anbindung nicht ausverkauft sind?“ Auf den Rat des bekanntesten Jockeys wurde im eigenen Land aber verzichtet.

Bis Juni nächsten Jahres will Andreas Suborics noch reiten, 2000 Rennen will er am Ende gewonnen haben und dann aufhören. Es wird vielleicht ein Mittwoch sein – und am Tag darauf wird er in der Küche stehen und Knödel rollen.

Zur Person

Andreas Suborics (* 11. 8. 1971 in Wien) ist Galopp-Jockey. Er begann 1986 seine Karriere in der Freudenau, ritt seitdem hochdotiert in Deutschland, Frankreich, Japan und Hongkong. Der Champion hat weit über 15.000 Rennen bestritten, 1690 Siege stehen zu Buche. [ www.galoppfoto.de]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2014)

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