Lisa Wild: Großer Auftritt der Salto-Queen

Bei der Reit-EM in Aachen greift Voltigiererin Lisa Wild nach Gold. Die Salzburgerin ist nicht nur Weltcupsiegerin, sondern hat auch ein besonderes Kunststück im Repertoire.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) APA (MICHAEL RZEPA)

Der Spitzname eines Sportlers ist stets auch eine Art Visitenkarte. Neben humoristischen bis hämischen Beifügungen gibt es jene, die einer Adelung gleichkommen, denn sie erzählen von einzigartigen Qualitäten oder besonderen Leistungen für den Sport. Voltigiererin Lisa Wild trägt seit drei Jahren den klingenden Zusatz „Salto-Queen“ – ein Name, der von einem Stück Sportgeschichte erzählt. 2012 überraschte sie bei der WM in Le Mans Fans wie Experten und zeigte als erste Athletin einen Rückwärtssalto auf dem Pferd. Ein Kunststück, das sie im weltberühmten Cirque du Soleil gelernt und monatelang perfektioniert hatte. Seither ist sie in der Szene ein Star. Das Märchen mit historischer Note blieb damals jedoch ohne Happy End: Im Finale kam Wild bei ihrem Spezialsprung zu Sturz, statt einer Medaille blieb ihr nur die bittere Diagnose Schienbeinkopfbruch.

Drei Jahre später soll nun bei der EM in Aachen die Krönung erfolgen. Wild ist die große Favoritin, schließlich reist die 20-Jährige als amtierende Weltcup-Gesamtsiegerin an. Vor Heimpublikum durfte sie beim Finale in Graz im Februar den bislang größten Erfolg ihrer Karriere feiern. „Ich verspüre keinen Druck, nur Freude. Denn Gesamtweltcupsiegerin darf ich mich in jedem Fall nennen“, betont die Salzburgerin vor ihrem ersten Auftritt am Mittwoch. EM-Silber und -Bronze im Duobewerb Pas de deux hat die Studentin bereits zu Hause, nun soll Gold die Sammlung komplettieren. Auch wenn sie selbst das nicht auszusprechen wagt. „Das hat mir bislang nur Unglück gebracht. Immer, wenn ich Gold als Ziel ausgegeben habe, ist etwas passiert.“ Vier fehlerfreie Runden bis zum Finale am nächsten Sonntag sind daher das erklärte Ziel. „Ich bin zufrieden, wenn alles so läuft, wie es soll und ich meine besten Trainings umsetzen kann.“

Im Alter von sechs Jahren kam Wild über ihre ältere Schwester zum Voltigieren, einer noch relativ jungen Disziplin der Pferdesportarten. Erst 1981 wurde es vom Weltverband (FEI) offiziell aufgenommen, zwei Jahre später ein einheitliches Regelwerk festgelegt. Dabei wird ein Pferd an einer Longe auf einer kreisförmigen Bahn in den Gangarten Schritt, Trab oder Galopp geführt, auf dessen Rücken zeigen bis zu drei Athleten ein Programm mit turnerisch-akrobatischen Elementen wie Handstand, Drehungen und Sprüngen. Einzige Hilfestellung ist der Voltigiergurt mit zwei Handgriffen und zwei Fußschlaufen. Gefragt sind Kraft, Körperbeherrschung, Eleganz und nicht zuletzt die Harmonie mit dem Pferd.

Besonderes Zusammenspiel. Der Faszination dieser einzigartigen Kombination ist auch Wild rasch erlegen, allen voran dank des großen Engagements ihrer damaligen Trainerin. „Sie hat mich mit ihrem unglaublichen Ehrgeiz inspiriert und mir schon als Kind vermittelt, dass das wirklich etwas werden kann“, erinnert sie sich. Vom eingeschlagenen Weg ließ sich die WM-Sechste von 2010 auch durch eine fast zweijährige Leidenszeit nach der Verletzung nicht abbringen. Den Salto im Finale bereut sie bis heute nicht. „Es ist immer ein Risiko, aber wer weiß – hätte es ohne zur Medaille gereicht?“

Geld verdienen lässt sich mit dem Voltigieren kaum, gleichzeitig sind die Kosten und der Aufwand groß. Sechsmal in der Woche trainiert Wild, während der Semesterzeiten avanciert die Mathematikstudentin zur fleißigen Pendlerin. „Von Donnerstag bis Sonntag bin ich in Salzburg, die restlichen Tage absolviere ich Trockentraining in Wien“, berichtet Wild. Die intensive Vorbereitung auf die EM fiel glücklicherweise in die Sommerferien. „Ohne Pendeln kann ich natürlich mehr Energie ins Training stecken.“

Trotz großer Erfolge (Jasmin Lindner/Lukas Wacha sind Welt- und Europameister im Pas de deux) steht Voltigieren im Schatten der olympischen Disziplinen Springreiten und Dressur – für Wild allerdings kein Grund für Neidereien. „Ich freue mich über jede Pferdesportart, die im Rampenlicht steht. Unter uns Sportlern herrscht auch ein großer Zusammenhalt“, sagt sie im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Großereignisse wie die EM haben daher einen besonderen Stellenwert. „Ich bin glücklich, dass ich in Aachen auftreten darf. Da ist alles super organisiert. Wenn wie dort 8000 Zuschauer kommen, dann ist es mir egal, ob bei der Dressur 15.000 dabei sind“, erklärt die 20-Jährige. Im Weltcup ist die Kulisse zumeist deutlich kleiner, umso mehr genießt sie die Auftritte auf große Bühne. „Es macht einfach noch mehr Spaß, wenn man Freude und Gewinn mit den Fans teilen kann.“

EM-Überraschung. Auch in Aachen an Wilds Seite ist Pferd Robin, seit Jahren ihr treuer Weggefährte. „Wir sind ein eingespieltes Team, wir haben ein sehr gutes Vertrauensverhältnis“, erzählt sie. Doch der Wallach hat zuweilen seinen eigenen Kopf, „wenn er wieder mal spinnt“, sind Flexibilität und Improvisationskünste gefragt. Das EM-Programm ist daher gleich in doppelter Hinsicht von der Tagesverfassung abhängig, das Publikum darf gespannt sein.

Seit dem Sturz hat Wild den Salto nicht mehr im Wettbewerb gezeigt, galt es doch zunächst einmal, Routine und Sicherheit bei den Standardelementen zurückzugewinnen. In Aachen aber könnte nun die große Stunde schlagen. Die Chance, das Highlight zu sehen, sei groß, wie die 20-Jährige verschmitzt erklärt. Und vielleicht erfährt die Salto-Queen auf diesem Weg schon bald ihre goldene Krönung.

Steckbrief

1995 wird Lisa Wild geboren.

Im Alter von sechs Jahren beginnt sie mit dem Voltigieren.

2009 gewinnt sie EM-Silber im Duobewerb Pas de deux. Im Jahr darauf folgt EM-Bronze.

2010 belegt sie bei der WM als 15-Jährige im Einzel den sechsten Platz.

2012 zeigt sie bei der WM als erste Athletin den Rückwärtssalto auf dem Pferd. Im Finale kommt sie dabei allerdings zu Sturz und verletzt sich schwer

. 2015 gewinnt sie in ihrer ersten vollen Saison nach der Verletzungspause im Februar den Gesamtweltcup.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2015)

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