Ironman: Aus einer anderen Welt

Der Ironman in Klagenfurt zählt zu den größten Sportevents des Landes. 2500 Triathleten werden von 100.000 Fans angefeuert. Doch von Jubelstimmung ist keine Spur.

(c) Gepa (Doris Schlagbauer)

Stefan Petschnig hätte gern, dass der Ironman Austria in den Medien so dargestellt wird, wie er es gerne möchte: als ein Triathlonevent, bei dem 2400 Sportler über sich hinauswachsen, 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren und 42,195 Kilometer Marathon laufen. Eine Prüfung, bei der hauptsächlich Amateure ihren inneren Schweinehund überwinden, um nach elf, zwölf oder mehr Stunden ins Ziel zu kommen. Ein Sportfest, bei dem 100.000 Zuschauer die Strecke säumen und die Athleten frenetisch anfeuern.

Doch seit Wochen steht nicht das Großereignis im Fokus der Medien, sondern ein einziger Triathlet: Hannes Hempel. Der Sport ist zur Nebensache geworden – wie immer, wenn es um Doping geht. Denn Hempel steht unter Dopingverdacht. Trotz vorerst unbewiesener Anschuldigungen wollen die Veranstalter an Hannes Hempel nicht einmal anstreifen. Sie entzogen ihm die Starterlaubnis. Trotzdem wird Hempel heute den Triathlon in Angriff nehmen. Er hat seinen Start per einstweiliger Verfügung erzwungen.

Selbstzerstörung. Was auf den ersten Blick wie eine Groteske aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als menschliche Tragödie. Eine Tragödie aus selbstzerstörerischem Ehrgeiz und der Angst, ohne Sport keinen Sinn mehr im Leben zu finden. Die Geschichte des Hannes Hempel ist so eine Geschichte.

Apropos menschliche Tragödie: Losgetreten wurde die Causa Hempel von Lisa Hütthaler. Sie leidet unter einem ähnlichen Syndrom wie Hempel. Nur wurde die Triathletin 2008 bereits positiv auf EPO getestet. Im Wada-Labor Seibersdorf hat sie versucht, eine Mitarbeiterin zu bestechen, damit diese die Dopingprobe manipuliert. Deshalb wurde sie rechtskräftig verurteilt. Unter Eid gab sie an, sich von Hempel Tipps geholt zu haben, wie man in Seibersdorf eine positive Probe in eine negative umwandeln könne. Hempel hat diese Vorwürfe zurückgewiesen, und auch die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen den Kärntner in dieser Causa eingestellt. „Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich unschuldig bin. Nun ist es auch bewiesen“, sagte Hempel zum Urteil.

Und wenn's um Dopinggrotesken geht, darf ein Name nicht fehlen: Mitte Mai legte Dopingsünder Bernhard Kohl wieder ein Geständnis ab. EPO-Cera, das Mittel, das ihm zum Verhängnis wurde, will er von Hempel bekommen haben. Zuerst zu einem Preis von 300 Euro, dann im Tausch gegen drei Ampullen Amth-2 – in der Wirkung mit Testosteron vergleichbar.

Unerreichbar. Hempel nennt dies eine „ungeheuerliche Lüge“. Er sagt: „Ich habe niemals Dopingmittel erworben, besessen oder an einen anderen weitergegeben. Ich habe auch niemals Dopingmethoden angewendet.“ Nun sagt Hempel aber überhaupt nichts mehr. Sein Handy ist abgeschaltet, er schottet sich ab. Lässt die böse Welt, die sich gegen ihn verschworen hat, nicht mehr an sich heran. Lebt ganz in seiner eigenen Welt. Auch für die „Presse am Sonntag“ ist er seit Tagen nicht erreichbar.

Manchmal allerdings kommen ihm diese Welten durcheinander. Anfang Juni hat Hempel der Soko Doping gestanden, EPO-Cera an Kohl weitergegeben zu haben. Elf Tage später hat er sein Geständnis widerrufen. Sein Anwalt Herwig Hasslacher hatte schnell eine Erklärung parat: „Es bestand eine große psychische Belastungssituation, er hätte alles unterschrieben, was man ihm vorgelegt hätte.“

Jetzt ermittelt auch die Nationale Anti-Dopingagentur Nada gegen Hempel. Der Ironman-Veranstalter fühlt sich bestätigt. „Wir sind nicht die Instanz, die urteilt, ob Hempel Kohl Dopingmittel gegeben hat oder nicht. Aber es kann nicht sein, dass ein Sportler eine ganze Veranstaltung in Verruf bringt“, sagt er zur „Presse am Sonntag“.

Freundschaftsdienst. Vor nicht allzu langer Zeit waren Kohl und Hempel dicke Freunde. Gemeinsam haben sie in Kärnten Kilometer um Kilometer auf dem Rad zu Trainingszwecken abgespult. Bei Hempel konnte Kohl sich Tipps holen, denn der 35-Jährige war vor seiner zweiten Karriere als Triathlet ebenfalls Radprofi.

1996 hat Hempel Österreich beim olympischen Straßenrennen in Atlanta vertreten. Mehr als ein 35. Platz hat für den Vater eines heute siebenjährigen Sohnes nicht herausgeschaut. Der Bergspezialist krönte sich 1999 zum Glocknerkönig; bei der Österreich-Radrundfahrt 2000 hat er nur knapp gegen Georg Totschnig verloren. 2001 wechselte er zum deutschen Team Gerolsteiner. 2003 musste Hempel seine Karriere allerdings jäh beenden. Sie scheiterte nicht, wie bei so vielen dieser Radfahrergeneration, an einem Dopingvergehen. „Ich konnte aufgrund meiner Flugangst nicht mehr weitermachen“, erklärte Hempel.

Hinter dem Ironman verbirgt sich im richtigen Leben ein labiler Charakter. Seinen Job in der Kärntner Landesregierung musste er aufgeben. „Ich hatte ein Burn-out-Syndrom“, gestand Hempel ein. In einem Büro fühlte er sich einfach nicht wohl. Er flüchtete und lief 2006 seinen ersten Triathlon. Heute will Hempel das Rennen seines Lebens bestreiten. Die Siegchancen sind groß. Er zählt neben Vorjahressieger Marino Vanhoenacker (NED) und Norbert Langbrandtner zu den Favoriten. Und wenn er gewinnt? „Dann werden wir ihm wie jedem anderen die Medaille umhängen und die Hand reichen“, sagt Petschnig. Ob Hempels Welt dann wieder in Ordnung ist? Oder ist sie längst zusammengebrochen?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2009)

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