Sport in der DDR: Spione im Trainingsanzug

Die Stasi hatte überall Spitzel. Viele Sportler der ehemaligen DDR, die nach der Wende Profikarrieren machten, leugnen bis heute dieses dunkle Kapitel ihrer Vergangenheit.

(c) AP

Was haben Axel Schulz, Ulf Kirsten und Eduard Geyer gemeinsam, abgesehen von ihren erfolgreichen Sportlerkarrieren zuerst in der DDR und dann im wiedervereinigten Deutschland? Erstens: Es gibt mehrere, die an ihrer Stelle stehen könnten. Zweitens: Sie machten mehr als nur Sport für das DDR-System. Zwar hatten sie wie alle Spitzensportler auch eine wichtige politische Rolle. Dem Ausland sollten die „Diplomaten im Trainingsanzug“, wie Staatschef Walter Ulbricht seine Spitzensportler nannte, die Überlegenheit des Sozialismus vor Augen führen. Den DDR-Bürgern im Inland dienten Athleten als Symbol für Willensstärke und Disziplin.

Was einfache DDR-Bürger an Typen wie Schulz, Kirsten und Geyer bewunderten, bedeutete für viele der Idole aber nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch ein Doppelleben. Um „einen entschiedenen Kampf gegen feindliche Agenturen, Diversanten, Saboteure und Spione zu führen“, wie es ab 1950 in offiziellen Kreisen der DDR hieß, unterhielt das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) ein allumfassendes Netzwerk von Spitzeln, das sich kurz vor der Wende auf fast 110.000 inoffizielle Mitarbeiter belief. Unter ihnen waren rund 3000 auf den Sport angesetzt. Mit ihrem Zugang zu Schlüsselfiguren der Gesellschaft und ihren regelmäßigen Auslandsreisen sollten Spitzenathleten vor allem dabei helfen, potenzielle „Republikflüchtlinge“ zu entlarven, denn bis 1979 hatten sich bereits über 100 ostdeutsche Vorzeigeathleten in den Westen abgesetzt. Mehr sollten es nicht werden.

„Inoffizieller Mitarbeiter“ Axel Schulz
Als der Stiefvater von Boxstar Axel Schulz in den Westen geflohen war, erhielt dieser einen Telefonanruf mit einer deutlichen Botschaft: „Entweder du hilfst uns, oder du kannst den Sport vergessen.“ Schulz, der nach der deutschen Wiedervereinigung einer der erfolgreichsten Boxprofis des Landes wurde, zog es vor zu helfen. Als „Inoffizieller Mitarbeiter Markus“ führte ihn die Stasi fortan in ihrem Register. Unter dem Pseudonym „IM Knut Krüger“ war auch der Fußballer Ulf Kirsten der Stasi behilflich. Gegen Geldprämien soll der spätere Stürmerstar von Bayer Leverkusen Nachtklubs ausspioniert und Informationen über verdächtige Personen weitergegeben haben. Als Stasi-Akten 1994 Evidenz hierfür lieferten, spielte Kirsten aktiv für Deutschlands Nationalmannschaft. Der Fall, zu dem Kirsten selbst sich kaum äußerte, blieb aber wie die meisten ohne große Aufmerksamkeit. Axel Schulz beteuert heute, er habe tatsächlich kaum kollaboriert, da er seinem Trainer von seinen Pflichten erzählte und das Geheimnis zu schnell die Runde machte.

Wie kaum ein anderer verinnerlichte Kirstens langjähriger Trainer Eduard Geyer, der nach der deutschen Wiedervereinigung den Bundesligaklub Energie Cottbus trainierte, die Tugend Disziplin. Weil er einmal als Spieler unerlaubt eine Nacht durchgezecht hatte, verpflichtete sich Geyer 1971 als „IM Jahn“ bei der Stasi – als Wiedergutmachung. Fast 20 Jahre lang bewahrte er „strengstes Stillschweigen auch gegenüber dem engsten Familienkreis und Freunden“ und bespitzelte seine Spieler bei Dynamo Dresden und in der DDR-Nationalmannschaft, die er kurz vor der Wiedervereinigung trainierte. Neben Matthias Sammer (Europameister 1996, deutscher Meister mit Borussia Dortmund) und Hans-Jürgen Dörner (später Trainer bei Werder Bremen) überwachte Geyer auch seinen inoffiziellen Kollegen Ulf Kirsten. Geyer scheint dem Prinzip treu geblieben zu sein: Nach dem Zusammenbruch der DDR hat er Fragen zu seiner Stasi-Vergangenheit immerzu als Angriff gegen den Osten interpretiert.

Die Stasi kontrollierte DDR-Sportler vom Kindesalter an, schnitt den Kontakt von Talenten zum Westen systematisch ab und versuchte, ihren Nachwuchs zur Linientreue zu erziehen. Häufig hatte diese Politik Erfolg. Die Liste der inoffiziellen Mitarbeiter lässt sich heute als historisches „Who's who“ des deutschen Spitzensports lesen. Es gab aber auch Widersacher: Jörg Berger, späterer Bundesligatrainer für Schalke 04, Eintracht Frankfurt, den 1.FC Köln und andere Klubs, wurde 1979 als Juniorentrainer der DDR-Auswahl zur Stasi-Mitarbeit gedrängt. Er weigerte sich und floh kurz darauf in den Westen.

Zwei seiner engsten Freunde spionierten Berger deswegen jahrelang aus: Bernd Stange, damals DDR-Nationaltrainer und heute Verbandstrainer in Weißrussland, und der Sportfunktionär Wolfgang Riedel, der nach der Wende Schatzmeister des Norddeutschen Fußballverbandes wurde. Im Fall Riedels spitzte sich die fragwürdige Bedeutung des „Diplomaten im Trainingsanzug“ zu: Für seine Verdienste um den deutschen Fußball erhielt er die Goldene Nadel des Deutschen Fußball-Bundes. Berger hingegen lehnte noch im Jahr 2000 Interviews für eine TV-Dokumentation über einen vermutlichen Mordfall im Profifußball ab, der mit der Stasi in Verbindung gebracht wird. Es gebe noch immer Anzeichen für Gefahren, sagte er damals. Erst in diesem Jahr publizierte Berger in seiner Autobiografie seine Sicht auf die Reichweite des DDR-Sports, der immer mehr als nur Sport bedeuteten musste – zwanzig Jahre nachdem durch den Mauerfall die „Republikflucht“ legal geworden ist; und 19 Jahre nachdem „die Republik“ aufgehört hat zu existieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2009)

Kommentar zu Artikel:

Sport in der DDR: Spione im Trainingsanzug

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen