Dr. Extrem und Mr. Speedflyer

Der Unfallchirurg Lukas Brandner hat eine halsbrecherische Leidenschaft. Speedflying nennt sich der neue Sport, der in Frankreich entstanden ist – eine Mischung aus Paragleiten und Skifahren.

WIEN. „Irgendwann kommt der Point of no Return“, sagt Lukas Brandner. Dann heißt es eine Entscheidung treffen, Extremsituationen zu bestehen. Der 30-Jährige ist Unfallchirurg im Lorenz Böhler Krankenhaus. Und mit Extremsituationen umzugehen, hat er nicht nur im Operationssaal gelernt. Einmal im Jahr geht Brandner aufs Ganze, stürzt sich mit Skiern und einem Miniparagleitschirm von den höchsten Gipfeln der Alpen.

Ende August wälzte er sich am Vorgipfel des Mont Blanc aus seinem Notbiwak. Die Glieder steif gefroren. Es war Sommer, aber auf rund 4500 Meter Seehöhe wird es in der Nacht ordentlich kalt. Und um Gewicht zu sparen, hatten Brandner und Kollege Philipp Benda (36) weder Schlafsäcke noch ein Zelt hinaufgeschleppt. Jedes zusätzliche Kilo macht das Hinunterkommen schwerer: Die beiden Sportler wollten mit Skiern und kleinen Gleitschirmen die rund 3000 Höhenmeter bis nach Chamonix zurücklegen. Je schwerer der Rucksack, umso unangenehmer wird der Flug. Brandner und Benda waren unter den wenigen, die den Start vom Montblanc wagten, jedenfalls die ersten Österreicher.

Speedflying nennt sich der neue Sport, der in Frankreich entstanden ist – eine Mischung aus Paragleiten und Skifahren. Nur dass der Schirm rund halb so groß ist wie ein „normaler“ Gleitschirm. Das habe Vorteile, schildert Lukas Brandner rückblickend: „Man erreicht viel höhere Geschwindigkeiten, bis zu 100 km/h. Außerdem ist der Schirm weniger windanfällig und reagiert aggressiver auf Richtungsänderungen.“

 

Angst vor Gletscherspalten

Um abheben zu können, ist eine gewisse Grundgeschwindigkeit erforderlich: „Man braucht eine Anlaufbahn“, so Brandner, „ab zirka 40 km/h beginnt man zu fliegen.“

Hier begannen die Herausforderungen, mitten am Mont Blanc. Denn eine Startbahn zu finden, die nicht von Gletscherspalten zerklüftet ist, war nicht einfach. Drei Stunden erkundeten Brandner und Benda das Terrain, diskutierten die verschiedenen Möglichkeiten. „Wir haben uns die Topografie zwar schon zu Hause auf Google earth genau angesehen. Am Gipfel ist aber dann doch vieles anders. Windrichtung und Windstärke spielen eine wichtige Rolle.“ In die Startvorbereitungen viel Zeit zu investieren, sei notwendig. „ Der Start ist der gefährlichste Moment des Vorhabens. Da gibt es einen Point of no Return: Wenn kein Platz zum Abschwingen ist, musst du einfach fliegen.“

Gegen 13 Uhr am 22. August startete zunächst Brandner, zehn Sekunden später Benda. Bis zu 1000 Meter über dem Grund schweben die zwei Speedglider. Das ist weniger gefährlich als in Bodennähe zu fliegen. „Dort können immer Hindernisse auftauchen – und man hat dann viel weniger Zeit und Höhe, zu regieren“, berichtet Brandner. Für die Landung haben die Sportler mehrere Varianten in Betracht gezogen, auf der italienischen und auf der französischen Seite. Auch Möglichkeiten für Zwischenlandungen haben sie sich angesehen. „Doch wegen der vielen Gletscherspalten ist das fast nicht möglich.“

 

In sechs Minuten vom Mont Blanc

Es war dann auch nicht nötig. Sechs Minuten nach dem Start landeten die beiden Männer in der Nähe von Chamonix. Viel Zeit war nicht, um das herrliche Bergpanorama zu genießen. Doch Brandner und Benda zehren noch heute von den Eindrücken von damals. „Schon der Aufstieg war eine Herausforderung, mit Steigeisen und Eispickel die gesamte Ausrüstung hinaufzuschleppen. Und schließlich ist es ganz allein unser Projekt – wir organisieren alles selbst, von der Ausrüstung bis zur Rückreise.“

Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden gemeinsam das Abenteuer suchten: Grönland versuchten sie mit Skiern und Gleitschirmen zu durchqueren, was daran scheiterte, dass Brandner in einer Gletscherspalte landete. Am roten Meer stellten sie den Kitesurf-Langdistanzweltrekord auf und vom Großglockner sind sie ebenfalls schon mit Speedglidern geflogen.

„Wir versuchen einmal im Jahr eine derartige Idee umzusetzen“, erzählt Brandner. Mehr lässt auch der Beruf eines Unfallchirurgen nicht zu. Ein Extremsport neben einem Extremberuf ist eben so eine Sache ...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2009)

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