„Schwächen machen Helden erst menschlich“

Sportkultur? Österreich liebt Sieger, jammert aber bei Misserfolgen sehr schnell – lässt Stars sogar fallen. Ex-Skisprungtrainer Alexander Pointner über Helden, deren trügerische Verklärung.

APA/BARBARA GINDL

Die Presse: Österreich liebt Helden über alles. Sieger, ob Skifahrer, Skispringer oder Fußballer, werden über alles verehrt. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Alexander Pointner: Das muss man richtig einordnen, denn alles im Leben ist relativ. Wer sind HELDEN? Kinder beim Laternenfest? Sportler, denen Wertschätzung widerfährt, weil sie einen Sieg gefeiert haben? Wer eine besondere Leistung bringt, auf den schaut die Gesellschaft eben mehr, noch viel genauer hin. Eine besondere Person im öffentlichen Leben wird man, wenn Sie so wollen, ein Held, weil die erbrachte Leistung für alle anderen unerreichbar scheint. Diese Bewunderung führt zur Identifikation, und es entsteht daraus diese Nähe. Denn jeder Held hat auch seine Fans.


Ist es bloß moderne Verklärung, oder hat sich die Wahrnehmung von Ausnahmekönnern bzw. Helden zuletzt intensiviert?

Es wird öfter so wahrgenommen, ja. Egal, ob Musik, Politik, Kunst oder Sport: Der besondere Fokus zeigt eine neue, intensiver gelebte Nähe. Früher gab es auch Sieger und Stars, keine Frage. In der Gegenwart hat man sie aber dank Social Media, Internet und Medien rund um die Uhr vor Augen. Denjenigen, den man anhimmelt, findet man immer und überall. Da kann der emotionale Eindruck schon weitaus stärker erwachsen, derjenige sei etwas Besonderes.


Der Umgang mit diesem Status, dessen Bewahrung, verlangt aber viel Rückhalt. Nicht umsonst heben doch so viele ab.

Ich habe dazu immer eine Aussage von Toni Innauer im Ohr: „Wenn ein Sportler bisserl Erfolg hat, wird es für manche schon sehr schwer, die Bodenhaftung zu bewahren.“ Weil diese Bewunderung in der Gegenwart auf verschiedensten Kanälen hochgespielt und breitgetreten wird, ist es noch viel schwieriger geworden, mit dem Erfolg umzugehen. Der Sportler läuft parallel dazu Gefahr, es nicht mehr zu verdauen, sprich die Realität zu übersehen. Manch einer hält sich dann für den Mittelpunkt der Erde.


Verstärkt der Umstand, dass Österreich so klein ist, diesen Kult? Es gibt ja nicht so viele, die echten Weltruhm genießen.

In Österreich sicher, unbestritten. Es ist ein kleines Land, es gibt nicht so viele Sieger und große Erfolge, dadurch wird dieses Phänomen auch bedingt. Aber, seien wir doch froh, dass wir Möglichkeiten haben, Ausnahmekönner fördern zu können. Geld, Know-how, Ausbildung – und wir können gewisse Sachen auch sehr gut, obwohl die globale Bedeutung eher limitiert ist.


Sie sprechen jetzt vom Skifahren, oder?

Wir kreieren sehr schnell Helden und glauben an diese Bedeutung. Aber, in welcher Sparte hält er sich auf? Ski fahren, Ski springen – das machen doch nur sehr wenige weltweit. Der Rest der Welt weiß gar nicht, dass es diesen Sport überhaupt gibt. Es gibt so viele Blickwinkel. Doch manche Sportler sind eben auch schon mit ihrer Minimalpopularität sehr zufrieden.


Österreicher jammern Leistungen auch sehr gern sehr schnell schlecht. Warum?

Ja, über dieses SEELENLEBEN gibt es sogar ein Kabarett. Es gibt darin diverse Maßeinheiten. Eine hieß „Jam“: für Jammern. Zuerst schließt man doch kategorisch aus, dass die Person die man zum Helden gemacht hat, Schwächen haben könnte. Aber, bleiben Erfolge aus, schwenkt das Pendel schnell um – ich weiß sehr genau, wovon ich da spreche, ich erinnere an die Ära der „Superadler“. Nicht nur in Österreich führt diese Schwankung dazu, dass dann der eigene Held (Beispiel: Toni Polster) sogar lächerlich gemacht wird. Verurteilt von jenen, die ihn zuvor angebetet haben. Schwächen werden oft übersehen, dienen Kritikern dann aber als probates Hilfsmittel für die Demontage.


Kehrt der gefallene Star aber siegreich zurück, womöglich nach schweren Verletzungen oder Schicksalschlägen, ist Österreich sofort wieder aus dem Häuschen.

Das Schwarz-Weiß-Denken ist sehr extrem. Sind Sport oder Showbusiness nicht dazu da, um zu unterhalten? Es ist kein Schicksalsschlag, wenn man verliert. Oder eine Tragödie. Der Gebrauch solcher Begriffe ist falsch. Wenn man es mit gewissem Abstand betrachtet, weil man nicht mehr Teil dessen ist, sieht man erst die wahre Dimension. Eine schlechte Leistung ist sicher keine Tragödie, man darf diesen Aspekt nie außer Acht lassen oder vergessen. Dass ein SIEG genügt, um das Blatt zu wenden, legt auch den schnelllebigen Umgang damit offen. Dabei sind es womöglich die Schwächen, die Helden erst so richtig menschlich machen.

ZUR PERSON

Alexander Pointner (* 1. Jänner 1971, Grieskirchen) ist der bis dato erfolgreichste Skisprungtrainer der Schanzenhistorie. Von 2004 bis 2014 gewannen die von ihm betreuten Athleten 32 Medaillen bei Großereignissen, davon 17 in Gold. 99 Einzelerfolge sowie sechs Tourneetriumphe en suite hat er begleitet. Als Autor, Neuro-Coach oder bei Vorträgen geht er offen mit Themen wie Depression oder Suizid (der eigenen Tochter) um. Er lebt mit seiner Familie in Innsbruck und wird von Partnern wie Stiegl oder Weber bei seiner Tätigkeit unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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