Melzer: „Schaller hätte seinen Kopf hinhalten müssen“

Österreichs bester Tennisspieler kritisiert Daviscup-Kapitän Schaller, spricht über seine Beziehung zu Schwimmstar Mirna Jukic und äußert sich zu den persönlichen Anfeindungen gegen Kollege Daniel Köllerer.

(c) Gepa (Matthias Hauer)

„Die Presse“: Sie galten früher als Sündenbock, weil Sie wichtige Daviscup-Partien verloren hatten. In der Weltrangliste standen Sie vor zwei Jahren auf Rang 78. Nun kratzen Sie an den Top 20 und beim Länderkampf gegen die Slowakei avancierten Sie zum großen Helden. Warum läuft es auf einmal so gut?

Jürgen Melzer: Ich rufe im Moment Woche für Woche meine Leistung ab und verliere kaum noch gegen schlechter gereihte Spieler. Vor allem mein Grundlinienspiel hat sich stark verbessert. Dafür ist das Training mit Joakim Nyström (ehemalige Nummer sieben der Welt, seit 2007 Melzers Coach, Anm.)verantwortlich. Außerdem wirkt sich die Zusammenarbeit mit Ronald Leitgeb sehr positiv aus.

Leitgeb ist seit dem Vorjahr Ihr Manager. Was zeichnet ihn aus?

Melzer: Er bringt die Erfahrung seiner Tätigkeit mit Thomas Muster mit. Er weiß, wie man einen Spieler ganz nach oben bringt. Er macht mir klar, dass es nichts Außergewöhnliches ist, wenn ich einen guten Spieler schlage.

Wie eng ist der Kontakt zu Leitgeb? Bei den meisten Turnieren sieht man ihn gar nicht an Ihrer Seite.

Melzer: Er ist bei allen Grand-Slam-Turnieren dabei und wird auch bei manchen Sandplatzturnieren in Europa vor Ort sein. Dazwischen sind wir per Telefon in Kontakt.

Ständig an Ihrer Seite ist die Schwimmerin Mirna Jukic, auch hier in Miami sitzt sie in der Spielerbox. Haben Sie schon um Ihre Hand angehalten?

Melzer: (lacht) Nein. Aber es läuft sehr gut. Sie gibt mir die Unterstützung, die ich brauche. Sie versteht, was in einem Sportler vorgeht. Wenn es etwa nicht so gut läuft, weiß sie, dass sie mich auch mal in Ruhe lassen muss. Das ist eine besondere Basis, weil sie eben auch eine Spitzensportlerin ist. Es läuft sehr harmonisch mit ihr.

Etwas weniger harmonisch läuft es im österreichischen Daviscup-Team. Sie sträubten sich lange gegen eine Einberufung von Österreichs Nummer zwei, Daniel Köllerer, weil er sich mitunter danebenbenimmt.

Melzer: Ich sträubte mich nicht wirklich dagegen. Wir Spieler haben für manches unser Fett abgekommen, wofür wir gar nichts können.

Und zwar?

Melzer:Naja, wir stellen die Mannschaft ja nicht auf. Das macht der Kapitän (Gilbert Schaller, Anm.). Und er hat im Herbst des Vorjahres entschieden, Köllerer gegen Chile nicht einzuberufen. Trotzdem hat es dann geheißen, wir Spieler hätten Köllerer gemobbt. Da hätte Schaller seinen Kopf mehr hinhalten müssen.

Haben Sie diese Kritik dem Kapitän gegenüber geäußert? Hat Schaller Fehler gemacht?

Melzer: Ich habe immer gesagt, dass er sich in den Vordergrund stellen muss und klar sagen soll, dass er entschieden hat. Ich habe gar nicht die Macht, das zu tun. Deshalb tut man mir Unrecht, wenn es heißt, ich hätte Köllerer gemobbt. Generell muss man sagen, dass Köllerer im Herbst gegen Chile hätte spielen sollen und Koubek im März gegen die Slowakei, weil er zu dem Zeitpunkt besser in Form war.

Hat Gilbert Schaller eine Führungsschwäche?

Melzer Das ist damals unglücklich gelaufen. Es war schon auch die Schuld von Köllerer. Hätte er sich besser benommen, wäre er gegen Chile wahrscheinlich ins Team einberufen worden.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Köllerer nun? Hat er sich gebessert?

Melzer: Ich bin kein nachtragender Mensch. Natürlich werde ich mich mit ihm nie so gut wie mit Stefan Koubek verstehen. Manchmal benimmt er sich immer noch fürchterlich. Aber den Umständen entsprechend war der Daviscup gegen die Slowakei in Ordnung. Es hat keinen Streit gegeben.

Beim Eröffnungsspiel von Köllerer saßen Sie und Doppelspezialist Julian Knowle nicht auf der Tribüne.

Melzer: Ich habe das vorher mit ihm abgeklärt. Ich wollte mich in Ruhe auf mein Spiel vorbereiten. Und dass das Verhältnis zwischen Köllerer und Knowle schlecht ist, ist kein Geheimnis.

Kann man sich nicht arrangieren und die Kindereien beiseitelassen? Thomas Muster, Horst Skoff und Alexander Antonitsch haben sich auch nicht leiden können, aber dennoch erfolgreich Daviscup gespielt.

Melzer: Sie haben nicht so oft zusammen gespielt. Da waren die legendären Partien gegen Deutschland und die USA. Aber meist spielten nur Muster und Antonitsch oder Skoff und Antonitsch. Außerdem war damals viel mehr Geld involviert. Daviscup war ein Großereignis, die Sponsoren zahlten den Spielern ein Vermögen. Heute würde ich in einer Turnierwoche mehr verdienen als im Daviscup. Es fehlen die großen Sponsoren.

Es fehlt vor allem der Erfolg. Wirft man einen Blick auf Österreichs Nachwuchs, dürfte sich daran wenig ändern. Junge Spieler schaffen nicht den Durchbruch. Sie sind 28 Jahre alt, Koubek und Knowle jenseits der 30. Wer könnte in Ihre Fußstapfen treten?

Melzer: Am ehesten Philipp Oswald, Andreas Haider-Maurer und Martin Fischer (sie stehen in der Weltrangliste auf den Rängen 257, 224 und 201, Anm.).

Fischer und Haider-Maurer sind 23 Jahre alt, Oswald 24. Rafael Nadal hat mit 19 die French Open gewonnen. Das ist natürlich ein Ausnahmetalent, aber trotzdem muss man fragen: Was macht Österreich in der Nachwuchsförderung falsch?

Melzer: Dazu will ich mich nicht wirklich äußern, da habe ich zu wenig Einblick. Sollte ich eines Tages in diesem Bereich tätig sein, kann ich meinen Senf dazugeben und auch den Kopf hinhalten.

Zurück zur Gegenwart: Was sind Ihre Ziele für diese Saison?

Melzer: Ich möchte das Jahr unter den Top 20 abschließen. Die Top Ten als Ziel anzugeben, wäre im Moment vermessen. Ich bin mir bewusst, dass ich nie so gut spielen werde wie Federer oder Nadal. Aber wenn alles zusammenpasst, sind auch die Top Ten noch möglich. Außerdem möchte ich bei einem Grand-Slam-Turnier endlich mal ins Achtelfinale kommen.

AUF EINEN BLICK

Jürgen Melzer gab dieses Interview nach dem 6:3, 6:4 über den Kolumbianer Alejandro Falla in der zweiten Runde in Miami. Heute wartet auf Melzer die Nummer zwölf der Welt, der Spanier Fernando Verdasco.

Überraschung: Mardy Fish (USA) – Andrew Murray (GBR/3) 6:4, 6:4.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2010)

Kommentar zu Artikel:

Melzer: „Schaller hätte seinen Kopf hinhalten müssen“

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen