Doping: Ein radikaler Kulturwechsel wäre angebracht

Wenn sich der ÖSV mit Kritik an seiner Rolle in den wiederkehrenden Dopingskandalen konfrontiert sieht, reagieren die Verantwortungsträger sensibel. Überführte Sportler werden beschimpft und Verschwörungstheorien gesponnen.

Der Spitzensport und seine  verschwommene Wahrnehmung.
Der Spitzensport und seine  verschwommene Wahrnehmung.
Der Spitzensport und seine verschwommene Wahrnehmung. – (c) Getty Images (Richard Heathcote)

Thomas Ebner. Markus Bader. Manuel Hirner. Nicht unbedingt die klingendsten Namen im Weltsport. Auch hierzulande nicken nur die versiertesten Loipen-Insider wissend, wenn diese Namen fallen. Was allerdings eher selten passiert. Nach dem Aderlass bei den Olympischen Spielen in Turin 2006 wäre das Trio neben anderen auserkoren gewesen, dem ausgedünnten ÖSV-Langlaufkader Leben einzuhauchen. Eine unerfüllbare Vorgabe. Fünf Mal waren Ebner, Bader und Hirner in die Top 30 eines Weltcuprennens vorgestoßen. Nicht jeweils, alle zusammen. Applaus haben sie dennoch verdient: Sie sind vor ein paar Jahren abgetreten, ohne jemals wegen eines Verstoßes gegen die Anti-Doping-Richtlinien sanktioniert worden zu sein.

Damit zählen Ebner, Bader und Hirner in der 16 Jahre währenden Ära von Sportdirektor Markus Gandler zur Minderheit. Ebenso wie Bernhard Tritscher, der einzige wirklich namhaftere Athlet unter den acht Unbescholtenen. Die absolute Mehrheit derer, die seit der Saison 2003/04 Weltcuppunkte sammelten, fasste hingegen Sperren zwischen zwei und vier Jahren aus oder wurde wegen falscher Zeugenaussage verurteilt (10 von 18 Athleten, somit 55,6 %). Bei den Spitzenleistungen wird die Schieflage noch deutlicher. 29 von 36 Top Ten-Platzierungen und alle zwölf Podiumsplätze gingen auf das Konto der Schummelfraktion, der unter anderem Olympiasieger Christian Hoffmann, Johannes Dürr sowie mutmaßlich die beiden in Seefeld festgenommenen Dominik Baldauf und Max Hauke angehörten.

Was wusste der ÖSV? Was die zehn Fälle gemein haben? Nie hat Sportdirektor Gandler oder einer der Trainer etwas gesehen oder auch nur Verdacht geschöpft. Stets wurden die Betreuer kalt erwischt, ge- und enttäuscht. Was Experten hochgradig erstaunt. Im Fall von Johannes Dürr umso mehr, zumal der frühere ÖSV-Coach Radim Duda im Dezember 2013 in größerer Runde darauf hinwies, dass mit dem Toptalent ein Riesenproblem auf den Skiverband zukomme. Wie auch mit dessen Headcoach Gerald Heigl, weil der „entweder ein sehr schlechter Trainer sein oder die Ursache von Dürrs Leistungssprüngen kennen müsse“.

Unternommen wurde nichts – außer Duda zu entlassen, als dieser seinem Frust über die Handhabung des Falls in einer Sportzeitschrift freien Lauf ließ. Dabei lag der Tscheche richtig, mit beidem. Heigl, einst Vertrauenstrainer von Botwinow und Hoffmann, tauchte später im Dopingfall Harald Wurm als Cheftrainer auf – und betreute Baldauf und Hauke nach seinem Ausscheiden aus dem ÖSV (2017) bis zuletzt auf privater Ebene. Die Unschuldsvermutung hat dennoch zu gelten. Im gleichen Medium wurden im Februar 2015 auch erstmals die Kontakte von Johannes Dürr zu Dr. S. öffentlich. Informationen, die auch Markus Gandler hatte, wie dieser jüngst in der Sendung „Sport und Talk“ auf Servus TV einräumte. Athleten und Trainer zu informieren, hielt er aber offenbar nicht für notwendig.

Eine weitere Parallele: In neun der zehn Fälle wurden die Athleten ohne positiven Dopingtest überführt. Was einmal mehr herkömmliche Dopingtests im Ausdauersport ad absurdum führt. Bester Beweis: Max Hauke und Dominik Baldauf wurden seit September 2018 sieben bzw. sechs Mal getestet. Allerdings, mit einer Ausnahme, immer im Training. Zuletzt war Hauke mit einem Blut- und Urintest an der Reihe: Einen Tag nach Rang sechs im Teamsprint und zwei vor dem Zugriff durch das Bundeskriminalamt. Das mit ziemlicher Sicherheit negative Ergebnis ist noch ausständig.

Die neue Dreistigkeit. Die Vorgehensweise des Doping-Netzwerkes erstaunte indessen selbst routinierte Dopingfahnder. Eine Blutrückführung von gut und gern 800 ml wenige Stunden vor dem Wettkampf (zu einer Zeit, wo aus Rücksichtnahme auf den Athleten keine Dopingtests durchgeführt werden) galt bisher wegen der Gefahr von Hämatomen etc. als unwahrscheinlich. Um den Hämatokritwert nach oben zu pushen, wurden größere Mengen Wasser getrunken. Gern auch mit Salz versetzt, um den osmotischen Druck zu erhöhen, damit die Flüssigkeit vom Körper schneller aufgenommen wird. Möglichst zeitnah wurde dann bereits die nächste Blutabnahme durchgeführt, damit die Produktion unreifer roter Blutkörperchen (Retikulozyten) nicht lahmgelegt wird.

Auch die 2008 implementierte, von Dr. Werner Nachbauer verwaltete Athletendatenbank des ÖSV lässt Blutdopingsünder derzeit nicht erzittern. Zwar sind alle Daten vorhanden, um den Off-Score-Wert zu berechnen (eine zu geringe Menge von Retikulozyten deutet auf Blutdoping hin), allerdings werden die Datensätze nur durch Leistungstests in Krankenhäusern generiert. Und die finden ausschließlich außerhalb der Wettkampfzeit statt. Aber selbst bei lückenloser Dokumentation blieben juristische Fragezeichen.

„Seit 2010 gibt es den Biologischen Pass, doch bisher wurden gerade einmal 120 Fälle durchjudiziert“, erklärt Michael Cepic, Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada Austria). Warum? „Weil praktisch jeder Fall vor dem Internationalen Sportgerichtshof landet, dabei Kosten von 15.000 bis 30.000 Euro für die jeweilige Nada entstehen.“Einer der ersten Fälle in Österreich wäre Johannes Dürr gewesen. „Die FIS hätte 2014 ein entsprechendes Verfahren angestrengt, weil sein Blutprofil beachtliche Auffälligkeiten aufwies. Glücklicherweise kam der ungleich validere positive EPO-Test dazwischen.“ (siehe Artikel auf Seite 27). Ein direkter Nachweis von Blutdoping, etwa über Weichmacher, die über den Infusionsschlauch in den Organismus gelangen, ist derzeit nicht möglich.

Gespaltene Persönlichkeit. Für Betreuer leichter zu lokalisieren sind Einstichstellen und Hautverfärbungen kurz vor Wettkämpfen sowie allzu abrupte Leistungsentwicklungen. Mit letzteren erstaunten Johannes Dürr und, auf niedrigerem Niveau, Max Hauke. Man muss Ungewöhnliches aber auch registrieren wollen. Wie Luis Stadlober, der seinen Zimmerkollegen Hauke beim Weltcup in Estland einmal seine Laufrunde von einem Apartment aus in Angriff nehmen sah, das nicht vom ÖSV angemietet worden war. „Ich habe mich gewundert, wäre damals aber nicht auf die Idee gekommen, es mit Doping in Verbindung zu bringen.“

Die Verantwortlichen jedoch verschlossen vorsorglich gleich von vornherein die Augen. Und sendeten überdies fatale Signale. Präsident Schröcksnadel spann in Seefeld wilde Verschwörungstheorien, versuchte ARD-Dopingaufdecker Hajo Seppelt zu diskreditieren und beantwortete schließlich die Frage, ob er saubere Spitzenleistungen im Langlauf für möglich halte, mit einem lapidaren „Nein“. Markus Gandler wiederum zog die intellektuellen Fähigkeiten von Baldauf und Hauke in Zweifel, weil diese für „20. Plätze gedopt haben“. Als ob unerlaubte Leistungssteigerung im Kampf um Medaillen verständlicher, akzeptabler, nachvollziehbarer wäre. Eine andere interne Kultur im Umgang mit der Thematik täte dringend not.

Johannes Dürr hatte zuletzt übrigens für 50. Plätze gedopt – im Alpencup. Was mehr für eine psychische Abhängigkeit denn für eine Extraportion krimineller Energie spricht. Ob ihm das helfen wird, einer unbedingten Haftstrafe zu entgehen? „Wir haben es hier mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun, die auf mich einen extrem labilen, ja fragilen Eindruck macht. Man sollte bei allem Verständnis für Enttäuschung und Ärger nicht vergessen, dass wir es hier mit einem Menschen zu tun haben“, mahnt Hajo Seppelt. Ein entscheidendes Detail ist der 31-Jährige jedenfalls auch in seinem nunmehr dritten Geständnis schuldig geblieben: Wer ihn 2012 zu Dopingarzt Dr. S. gelotst hat.

Verbrieft ist, dass Walter Mayer Mitte der Nuller-Jahre Kontakt zum damaligen Radteam Gerolsteiner und dessen Teamarzt hatte. Und weiters, dass vier Langlauf-Betreuer aus der Ära Mayer auch noch Dürrs Aufstieg mitbegleiteten. Einer dürfte wohl für den EPO-Einnahmeplan verantwortlich zeichnen, den der Niederösterreicher als Beweisstück in der Schublade hat. Und einer womöglich für das Bereitstellen der Telefonnummer von Dr. S.

Für Markus Gandlers sportliche Bilanz ist das ohne Belang. Während im Biathlon Erfolge seinen Weg pflasterten, waren es im Langlauf, gemessen an den nackten Resultaten, 16 verlorene Jahre. Seine acht durchgehend sauberen Athleten brachten es im Durchschnitt auf fünf Platzierungen in den Weltcuppunkten – pro Winter. Da hat seine eigene sportliche Laufbahn doch bedeutend einprägsamere Höhepunkte zu bieten.

Wundersame Steigerung. 1997/98 etwa schien die Olympiasaison des Markus Gandler bereits den Bach hinunterzugehen. Mitte Dezember belegte er in Val die Fiemme Rang 72 über 10 km klassisch, 2:13 Minuten hinter Sieger Björn Daehlie. 58 Tage später holte er in Hakuba über die gleiche Distanz Olympiasilber, nur acht Sekunden hinter dem Norweger. Dabei hatte der Kitzbüheler in diesen knapp zwei Monaten drei Wochen wegen einer eitrigen Nebenhöhlenentzündung pausieren müssen. Es bleibt eine der denkwürdigsten Leistungen der österreichischen Sportgeschichte. Vielleicht auch eine der merkwürdigsten.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2019)

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