Tour de France: Eine neue Ära des Radsports

Mit erst 22 Jahren fährt Egan Bernal bei der 106. Frankreich-Rundfahrt im Gelben Trikot nach Paris und lässt die Tradition der kolumbianischen Kletterkünstler hochleben.

Triumph in Gelb: Egan Bernal ist in den Bergen allen davongefahren.
Triumph in Gelb: Egan Bernal ist in den Bergen allen davongefahren.
Triumph in Gelb: Egan Bernal ist in den Bergen allen davongefahren. – (c) REUTERS (Gonzalo Fuentes)

Paris/Wien. Eddy Merckx war älter, Jacques Anquetil ebenso, auch Bernard Hinault und Miguel Indurain. Alle vier haben die Tour de France je fünfmal gewonnen (Rekord), doch bei Sieg Nummer eins hatten sie allesamt schon mehr Jahre auf dem Buckel als der diesjährige Spitzenreiter. So sich Sonntagabend auf dem Weg nach Paris, wo nicht mehr angegriffen wird und das Peloton den Mann im Gelben Trikot hochleben lässt, nichts völlig Unerwartetes ereignet hat, ist der 22-jährige Kolumbianer Egan Bernal der jüngste Tour-Sieger seit dem Zweiten Weltkrieg.

Das Leichtgewicht (59 kg bei 1,74 m) begann seine Karriere auf dem Mountainbike. Das brachte ihm technisch zwar viel, aber ohne wirkliche Erfahrung im Straßenradsport heuerte er als 18-Jähriger beim zweitklassigen Androni-Giocattoli-Team an. Doch Bernal gewann 2017 die Tour de l'Avenir, das prestigeträchtigste Etappenrennen für U23-Fahrer, woraufhin er von Sky-Teammanager Dave Brailsford zum britischen Branchenkrösus geholt wurde (seit heuer als Team Ineos auf Titeljagd).

Mehrmals wurde Bernal durch heftige Stürze zurückgeworfen. Im März 2018 zog er sich bei der Katalonien-Rundfahrt Brüche am Schulterblatt und Schlüsselbein zu, fünf Monate später erlitt er in San Sebastian eine leichte Hirnblutung und schlug sich Zähne aus. Schließlich platzte im Mai sein Debüt beim Giro d'Italia, nachdem er sich im Training das Schlüsselbein brach.

Bernal kam aber immer in Rekordzeit zurück. So auch heuer, als er im Juni die schwere Tour de Suisse gewann. Ein weiterer großer Titel nach dem Gesamtsieg bei Paris–Nizza im März und der Kalifornien-Rundfahrt im Vorjahr.

 

„Geboren für die Berge“

Bei der Tour de France hätte er wieder für Ineos-Teamkollege und Titelverteidiger Geraint Thomas arbeiten sollen, doch schnell war klar, dass er dem elf Jahre älteren Waliser im Gebirge überlegen ist. „Ich liebe es, in den Bergen zu leiden. Ich liebe das Adrenalin“, sagt der Kletterspezialist. Nach seiner entscheidenden Attacke hinauf zum 2770 Meter hohen Col de l'Iseran erzählte Bernal: „Ich habe mir gesagt: Ich bin 22, kein Problem, wenn es nicht funktioniert, ich habe noch so viele Tours vor mir. Ich hätte es für immer bereut, wenn ich nicht attackiert hätte.“ Der geschlagene Teamkollege Thomas erklärte, Bernal sei „geboren, um schnell die Berge hinaufzufahren“.

Im Ziel am Samstag in Val Thorens wartete auf Bernal wieder sein Vater, da fuhr er schon im Gelben Trikot, es flossen die Tränen. Vater German wollte in Kolumbien einst Radprofi werden, ihm fehlten die finanziellen Mittel. Der Sohnemann lebt inzwischen in Andorra, hält sich aber oft in der alten Heimat auf. In Zipaquira, einer Kleinstadt rund 40 Kilometer von Bogota entfernt, wuchs er auf sauerstoffarmen 2700 Metern Seehöhe in äußerst bescheidenen Verhältnissen auf. Der Vater arbeitete mal hier, mal dort, die Mutter schuftete auf einer Blumenplantage. In den Geburtsort der Mutter, nach Pacho auf 3600 Metern Höhe, führt eine von Bernals Trainingsstrecken.

 

Käfer aus den Anden

Sein erstes Rennen gewann er mit sieben Jahren, danach wurde Bernal vom Ex-Profi und zweifachen Vuelta-Teilnehmer Fabio Rodriguez entdeckt, als er sich in eine Mountainbike-Klasse einschrieb. Verlobt ist er mittlerweile mit Xiomara Guerrero, Kolumbiens dreifacher Mountainbike-Meisterin, die er vor fünf Jahren in der Nationalmannschaft kennenlernte.

Radsport hat in Kolumbien große Tradition und ist wesentlicher Bestandteil der nationalen Kultur. Luis „Lucho“ Herrera, einer der besten Bergfahrer seiner Generation, gilt als Wegbereiter für „Los Escarabajos“ (Die Käfer), wie Kolumbiens Kletterspezialisten ob ihrer gebückten Haltung auf dem Rad genannt werden. Herrera gewann 1984 auf Alpe d'Huez als erster Kolumbianer eine Etappe bei der Tour de France. Vor Bernal fuhren auch schon Víctor Hugo Peña (2003) und Fernando Gaviria (2018) im Gelben Trikot. Nairo Quintana war zweimal Gesamtzweiter (2013, 2015) und einmal Dritter (2016), heuer wurde er Achter und ist damit einer von gleich drei Kolumbianern – Rigoberto Uran wurde Siebenter – in den Top Ten. Gewinnen konnte die Tour vor Bernal aber noch keiner seiner Landsleute.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2019)

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