Lacrosse: Das blitzschnelle Spiel der Indianer

In den USA und in Kanada zählt Lacrosse zu den beliebtesten College-Sportarten. Der schnellste Ballsport der Welt wird auch in Österreich gespielt. Das Herren-Nationalteam nahm zuletzt an der WM-Endrunde teil.

(c) REUTERS (JOE GIZA)

Wien. Das passt einfach nicht zusammen. Liebevoll sollen die Akteure den Ball in ihren Netzen wiegen, im Originalton dieser Sportart heißt es – etwas schwungvoller – „cradle the ball“. Von einem stillen Strategiespiel, einem Hin- und Herschaukeln kann beim Lacrosse aber nicht die Rede sein: Zwar ist es schon von Taktik geprägt, zugleich gilt es aber als der schnellste Teamsport auf zwei Beinen – und ohne Schlittschuhe. Wahr oder nicht wahr, zweifellos kennt kein anderes Mannschaftsspiel derartig flotte Tempowechsel.

„Es ist eine Mischung aus Eishockey, Fußball und Basketball“, sagt Dan Lang. Der 23-Jährige spielte am New Yorker College Marist in der First Division, der stärksten College-Lacrosse-Liga der Vereinigten Staaten. Bis zu 30.000 Zuschauer feuern dort die jungen Akteure auf dem Feld an. Vor allem an der Ostküste der USA erfährt der Sport mit dem Netzschläger – kurz: Stick – eine enorme Popularität. Dabei übertrumpft die College-Liga hinsichtlich des Publikums oft sogar die Major League Lacrosse, die Profiliga auf dem Feld.

Nach seiner Graduierung kam Lang nach Wien. Hier trainiert der junge Amerikaner die Vienna Monarchs, den ersten Lacrosse-Verein der Hauptstadt, der 2003 gegründet wurde. Und die Monarchs holten heuer sowohl bei den Damen als auch bei den Herren den Titel. Bei den Finals der Austrian Lacrosse League in Graz behielten die Monarchs im Herrenendspiel gegen die Graz Gladiators mit 8:5 die Oberhand, die Damen besiegten die Vienna Cherokees mit 9:5.

 

Sport mit den meisten Sprints

Auf dem Hockeyfeld in Hernals lässt der ballführende Spieler der Vienna Monarchs den ein Meter langen Schläger in seinen Händen rotieren. Gefinkelt „cradelt“ er ihn– könnte man eingedeutscht sagen. Jedenfalls baumelt das Gummigeschoss im Netz. Der Trainer am Feldrand brüllt ihm taktische Anweisungen zu. Zögerlich trabt der Monarch in Richtung gegnerischer Verteidigung. Man könnte meinen, er wolle den Gegner in den Schlaf wiegen. Doch dann geht es blitzschnell: ein explosiver Antritt, ein, zwei Körpertäuschungen, Pass, Schuss, Tor.

„Im Vergleich zu anderen Sportarten musst du noch mehr Sprints absolvieren“, sagt Nationalspieler Andreas Seidler. Seit mehr als fünf Jahren rennt, fängt und netzt der 29-Jährige für die Vienna Monarchs und ist damit einer der größten Lacrosse-Routiniers des Landes. Während seines Wirtschaftsinformatik-Studiums blätterte er mit Freunden im Handbuch der Sport-Uni. „Irgendeinen neuen Ballsport“ wollten sie ausprobieren. Die Kurzbeschreibung von Lacrosse las sich am spannendsten.

Seidler, früher selbst Spielertrainer, ist begeistert von den effizienten Trainingseinheiten des neuen Coach Lang. Ob bei der Forcierung der Sprintfähigkeiten oder beim Techniktraining mit dem Stick – der ehemalige College-Lacrosse-Spieler aus New York bringe die Monarchs in vielen Belangen weiter.

Lang, der das Wiener Team seit einem halben Jahr betreut, ist angetan vom Niveau mancher heimischer Spieler und gibt die Komplimente an seinen Schützling Seidler zurück: „Andi könnte durchaus in einer der US-College-Ligen mitspielen.“ Auch Klaus Hauer, Torschützenkönig des Vorjahresmeisters Vienna Cherokees, bescheinigt Lang großes Talent beim Spiel, das im eishockeyverrückten Kanada im Sommer gar Nationalsport Nummer eins ist. Die Wurzeln von Lacrosse reichen bis zur Urbevölkerung an den Großen Seen und der nordamerikanischen Ostküste zurück.

 

Kriegsgott und Hillary Clinton

Tewaraathon nannten die Indianer das Spiel, das sie dem Kriegsgott weihten und mit dem sie ihren Teamgeist beschwörten. Oft standen mehr als hundert Personen auf dem Schlachtfeld, nicht selten ging es in den tagelangen „Spielen“ mit gegnerischen Stämmen tatsächlich um Leben und Tod. Ein französischer Jesuitenmissionar sollte das kriegerische Spiel der Indianer später La Crosse taufen, weil ihn die Schläger an den gleichnamigen Bischofsstab erinnerten. Die Nachfahren der indigenen Erfinder dieses Spiels stellen heute ihr eigenes Team. Die Iriquois Nationals gehören bei Weltmeisterschaften zu den topgesetzten sechs Teams der sogenannten Blue Division.

Doch bei der WM-Endrunde im Vorjahr in Manchester fehlte die Lacrosse-Auswahl der amerikanischen Eingeborenen – es gab Passprobleme. Da half selbst die Intervention von US-Außenministerin Hillary Clinton bei den britischen Behörden nichts. Österreich nahm indessen zum ersten Mal bei einer WM teil, belegte in seiner Vierergruppe, der Grey Division, Platz drei und wurde schließlich 21. von 29 teilnehmenden Nationen. Zum Weltmeister krönte sich die USA mit einem 12:10-Finalsieg gegen Kanada.

Die beiden Nationen spielen im Lacrosse in eigenen Sphären. „Die sind mehr als eine Nummer zu groß für alle anderen“, sagt Andreas Seidler, für den die Vorjahres-WM ohne Zweifel das Highlight seiner bisherigen Karriere darstellte. Wie Monarchs-Trainer Dan Lang sieht auch Christian Arnold, ebenfalls Amerikaner und Trainer des österreichischen Nationalteams, großes Potenzial im rot-weiß-roten Lacrosse. Arnold, der zuvor die irische Auswahl coachte, sagt: „Lacrosse in Österreich wird immer größer. Und ich mag Orte, die sich weiterentwickeln.“

Auf einen Blick

Das Spielgerät beim Lacrosse ist ein Netzschläger, der auch Stick genannt wird und der je nach Position unterschiedlich lang ist. So weisen die Schläger der Verteidiger eine Länge von bis zu 1,8 Metern auf, Mittelfeldspieler und Angreifer agieren mit rund einen Meter langen Shortsticks.

Bei den Herren stehen sich inklusive Torwart zwei Mannschaften zu je zehn Spielern gegenüber, bei den Damen sind es üblicherweise Zwölfer-Teams. Die Spielzeit: 4 x 20 Minuten (Herren), 2 x 30 Minuten (Damen). Weitere Unterschiede: Bei den Herren ist das Checken von Schlägern und Spielern erlaubt, die Damen kommen beim Lacrosse ohne Körperkontakt aus. Und: Die Netzschläger der Männer haben eine tiefere Einbuchtung als die Sticks im Frauen-Lacrosse.

In der Austria Men's Lacrosse League (ALL) kämpfen 2011 sechs Teams um den Meistertitel, aus Wien die Monarchs, White Coats und die Vorjahressieger der Cherokees, dazu die Graz Gladiators. Teams aus Laibach und Budapest komplettieren die Herrenliga. Bei den Damen ist die ALL nach Absagen mit zwei Wiener und einem Grazer Team diese Saison dünn besetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2011)

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