Formel 1: Krönung in der letzten Kurve

Lewis Hamilton, 23, behielt beim WM-Thriller in der letzten Runde die Nerven, doch nur die Regenreifen retteten dem Briten den benötigten fünften Platz. Felipe Massa nützte der Heimsieg nichts, Ferrari jubelte zu früh.

FORMEL 1 - Grand Prix Brasilien
FORMEL 1 - Grand Prix Brasilien
(c) GEPA pictures (Gepa Pictures/ Xpb.cc)

Die Szenen waren dramatisch. Der Brasilianer Felipe Massa fuhr als Sieger über die Ziellinie, in diesem Augenblick jubeln er, 100.000 seiner Landsleute in Sao Paolo und die komplette Ferrari-Box. Denn zu diesem Zeitpunkt war der Brasilianer Weltmeister! Sebastian Vettel hatte im mit Ferrari-Motoren betriebenen Toro Rosso Schützenhilfe geleistet und WM-Leader Lewis Hamilton vom dringend benötigten fünften Platz verdrängt. Doch wer an den erneuten McLaren-Flop dachte, freute sich mit Ferrari zu früh. Denn der Regen spielte Lewis Hamilton den Titel noch in das Gaspedal. Toyota-Pilot Timo Glock war mit „Slicks“, also keinen Regenreifen, unterwegs und wurde zusehends langsamer. Der Brite überholte ihn zwei Kurven vor der Ziellinie, wurde Fünfter und kürte sich mit 23 Jahren zum jüngsten Weltmeister aller Zeiten.

Massa: Ein Sieger, der verliert

Der Jubel in der Box der Scuderia verstummte trotz des Massa-Sieges, dafür knallten bei den Silberpfeilen die Korken. 2008 hatte Hamilton das Glück auf seiner Seite und gewann die WM mit einem Punkt Vorsprung – 2007 hatte er sie noch um einen Punkt verloren. Lewis Hamilton ist damit Englands erster Weltmeister nach Damon Hill (1996) und der erste McLaren-Champion nach Mika Häkkinen 1999. Massa: „Was soll ich sagen? Das war ein perfektes Rennen von uns, alles hat geklappt. Aber es sollte nicht sein. Schade, es war das Rennen meines Lebens – aber trotz des Sieges habe ich alles verloren. . .“
Es ist aber nicht nur die Krönung für Hamilton und seine Familie (Bruder Nicolas: „Wir feiern jetzt für den Rest unseres Lebens“), sondern auch ein persönlicher Triumph für Teamchef Ron Dennis. Er gilt als der Ziehvater seines Piloten, der ihn schon als Zehnjähriger gefragt hatte, ob er nicht eines Tages für ihn fahren dürfe. Dennis war perplex und gerührt, vor allem aber hatte es die Frechheit des Knirpses angetan. Er gab das gewünschte Autogramm und hinterließ neben seiner Telefonnummer eine Widmung: „Ruf mich in neun Jahren an!“ Es war der Beginn einer freundschaftlichen Beziehung, und Ron Dennis war es, der als Erster zwei Jahre später zum Telefon gegriffen hatte: Nach drei Gokart-Titeln in Folge wird Hamilton in das Nachwuchsprogramm von McLaren-Mercedes aufgenommen. Geschätzte sechs Millionen Euro kostet die Ausbildung zum Weltmeister. Ron Dennis bezahlte sie gerne.
In der Saison 2008 rechtfertigte sein Musterschüler das Investment mit der bestandenen Reifeprüfung. Und als es feststand, dass sein Team den Fahrer-Weltmeister stellt, brachen sogar bei dem sonst so stoisch wirkenden Dennis. Er weinte, er heulte Rotz und Wasser. „Das war ein Katz- und Maus-Spiel, wir haben aber daran geglaubt. Diesen Titel haben wir uns nach all den Problemen der vergangenen Saison verdient!“

Abschied des „Playboys“

Es sollte nicht nur die WM-Entscheidung fallen, es sollte in Sao Paolo auch das letzte Rennen in der Karriere von David Coulthard gewesen sein. Für den 37-jährigen Schotten, der sich aufgrund zahlreicher Affären in der Boxenstraße als „Playboy“ einen Namen gemacht hatte, war es nur ein Kurzauftritt: Er schaffte es gerade in den Ausgang der ersten Kurve und wurde in eine Kollision verwickelt. Er soll aber der Formel 1 erhalten bleiben und für BBC als Co-Kommentator arbeiten.

Endstände:

Fahrer-WM:

  1. Hamilton 98
  2. Massa 97
  3. Räikkönen 75

Konstrukteurs-WM:

  1. Ferrari 172
  2. McLaren-Mercedes 151
  3. BMW 135

(Die Presse, Printausgabe, 3.11.2008)

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