Rallye: Hingabe auf dem Beifahrersitz

RALLY - WRC, Rally Portugal
Ilka Minor kennt die Härte des Motorsports. Die Kopilotin freut sich auf die Fahrt ins Ungewisse, die Rallye Dakar. / Bild: GEPA pictures 

Motorsport ist keineswegs eine reine Männerdomäne, es gibt Frauen, die gekonnt Weg und Tempo weisen. Bei einer Rallye ist das eine sehr hohe Kunst, Ilka Minor ist die Beste ihrer Zunft. Nun wagt sie ihr größtes Abenteuer: Dakar.

 (Die Presse)

Es gibt keine Rallye-Sonderprüfung auf diesem Planeten, auf der Ilka Minor nicht sofort sagen könnte, ob die dritte Kurve nach dem Start „scharf“, „eng“ oder vielleicht „weiter“ läuft. Wer seit 22 Jahren in dieser Branche auf dem Beifahrersitz unterwegs ist, in Österreichs Meisterschaft und zig Formen der WRC-WM aufgetaucht ist, kennt sein Metier in- und auswendig. Die Kärntnerin gilt als Autorität, sie sagte nicht nur Achim Mörtl, David Dopplereiter, Rudi und Manfred Stohl Weg und Tempo an, sie ist der einzige rot-weiß-rote Beitrag in der Rallye-WM.

Minor ist Kopilotin des Norwegers Henning Solberg, drehte mit dem Russen Jewgeni Novikov Runden. Ob Subaru, Ford, Citroën, Peugeot, Mitsubishi – dem Mädchen aus einem Bergdorf, das bis zu seinem vierten Lebensjahr partout nicht sprechen wollte, konnte es noch nie schnell genug gehen.

Während der Frauenanteil im österreichischen Rallyesport zunimmt, ist Minor international unangefochten. Die 41-Jährige lebt von diesem Job, sie liebt ihn über alles. „Für Angst ist in meinem Cockpit kein Platz. Wenn ich eine hätte, müsste ich sofort aufhören, aber das will ich nicht. Obwohl, meiner Mama würde es sicher taugen“, sagt sie der „Presse am Sonntag“, als sie sich beim Trainingslager in Aspen auf ihr größtes Abenteuer in luftiger Höhenlage einstimmte – die Dakar-Rallye.


Einmal etwas anderes machen. Wie man als Kopilotin ein Jobangebot erhält, liest sich in Wahrheit relativ unspektakulär, sagt Minor. Sie bekam wieder einmal ein SMS. Kurz und bündig. Diesmal fragte der Tscheche Martin Prokop, den sie von der WM schon kannte. Man traf sich, redete, er fuhr den Klassiker schon 2016 und suchte nun eine neue Navigatorin, denn dieses Rennen ist mit anderen Rallyes nicht zu vergleichen. Sowohl was die Distanz, Dauer und vor allem die Ansage betreffe. Minor sagte dennoch sofort zu. „Es war schon immer mein Traum, und warum nicht? Nach 22 Jahren wollte ich ohnehin mal was anderes machen.“ Der Beruf als Personal-Fitness-Trainerin kann warten.

Am 2. Jänner hebt somit das Offroad-Abenteuer an, die 39. Auflage führt von Asunción (Paraguay) in etwa 8800 Kilometer durch Bolivien und Argentinien. Es warten Abstecher in Richtung der Anden, Drifts über fünf Etappen durch das Hochgebirge, vorbei am Idyll des Titicacasees und begleitet von Einhalt in La Paz auf 4000 Höhenmetern. Dafür auch das Üben in Aspen, „wir brauchen die Atemtechnik, müssen die Luft verstehen“, sagt Minor. Dazu warte eine ganz neue Anforderung: Bei einer „normalen“ Rallye erhalte man „Roadbook, Karte, und dann kannst zweimal drüberfahren und deinen Schrieb machen“, plaudert sie aus der Beifahrer-Schule. „Bei der Dakar kriegst du die Unterlagen für die nächste Etappe erst am Abend davor. Dann sollst du 970 Kilometer fahren, da kommst du schon an deine Grenzen.“ Da gebe es kein Wissen über enge oder weite Kurven, „du weißt aber, dass in drei Kilometern eine kommen könnte.“ Klassische Abschneider sind untersagt, man müsse spezielle Kontrollpunkte abgeklappert haben. Das heißt, jeder – egal ob Auto, Truck oder Motorrad – muss Richtung halten. Minor und Prokop sind in einem Ford F-150 Raptor unterwegs.

125 WM-Läufe, acht Podestplätze – nun aber müssten es Routine, Bauchgefühl und GPS-Gerät richten. Körperliche Fitness sei eine der Grundvoraussetzungen, Durchsetzungsvermögen ebenso, wobei Minor mit plumpen Witzen über Fahrkünste von Frauen oder Ähnlichem nichts anfangen kann. Man hört sie auch nicht, sie wechselt zudem Reifen schneller als mancher Mann.


In Buenos Aires? Schlafen! Auch gibt es in den Autos keine Diskussion, wer spricht. Das sei auch Ziel solcher Partnerschaften, die über viele Jahre halten, in denen man sich blind versteht. Aber die Anweisungen gibt Ilka Minor trotzdem; sicherheitshalber halt. Aber nun stehe sie vor der größten Herausforderung, vor etwas Neuem, Ungewöhnlichem, geradezu Traumhaftem.

Schon die Einstimmung darauf mit Sandfahrten in Abu Dhabi stimmten sie erwartungsfroh, der Reiz sei enorm. Auf dem Beifahrersitz habe sie praktisch „die ganze Welt gesehen“, nun spüre sie aber auch den Unterschied in Wahrnehmung, Auftritt und Stärke des Autos, mit „ganz anderem Hubraum, fünf Zylindern und Verbrauch“.

Und, es gibt doch auch Momente, in denen kurz die Angst real, nein besser, präsent wird. Etwa 2010, als sie sich nach einem Crash einen Wirbelbruch zuzog. Minor beteuert aber, dass es „keinen Sinn machen“ würde, darüber nachzudenken. Es würde lähmen, womöglich Entscheidungen beeinflussen, sie maßgeblich verändern. Es gab zig Unfälle, sagt sie, die gehören zum Geschäft wohl dazu. Man müsse das wissen, aber nicht daran denken, schon gar nicht damit rechnen – sonst sei man verloren. Sonst brauche sie auch gar nicht weiterzudenken. An das Steak, den Rotwein, den erlösenden Schlaf im Hotel nach der Ankunft am 14. Jänner in Buenos Aires. Und erst dann ist es für einige Wochen nicht weiter von Belang, ob die dritte Kurve nach dem Start „scharf“, „eng“ oder vielleicht doch „weiter“ läuft.

ROADBOOK

1975
wird Ilka Minor in Kärnten geboren. Sie ist Rallye-Beifahrerin, unbestritten seit Jahrzehnten die beste Kopilotin dieser Branche.

2005
wurde die Technikerin Österreichs Motorsportlerin des Jahres.

2017
bestreitet sie erstmals die Rallye Dakar. Sie weist dem Tschechen Martin Prokop den Weg, sie starten am 2. Jänner in Asunción, Paraguay. Das Ziel ist am 14. Jänner in Buenos Aries, Argentinien, erreicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2016)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Rallye: Hingabe auf dem Beifahrersitz

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.