Der Rennwagen mit dem Nasenloch

RB Racing träumt von der Rückkehr auf die Siegerstraße der Formel 1, Teamchef Christian Horner lobt auch die Anmut des RB13-Autos. Testzeiten legten aber offen, dass eine Woche vor Saisonstart weiterhin Motorschwächen bestehen.

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(c) GEPA pictures/ XPB Images

Es ist wie jedes Jahr: Du rollst das Auto vorsichtig aus der Box. Du schaust hinterher, wie es aus der Boxengasse fährt, in die erste Kurve einbiegt. Du hoffst auf der ersten Runde, dass es heil retour kommt, erst in der nächsten schaust du auf die Uhr. Dann beginnt das Planen, Taktieren. Es schaut gut aus, du bist dennoch nervös. Und erst, wenn am Sonntag der erste Grand Prix der Saison in Melbourne startet, weißt du, wo du wirklich stehst.“ Red-Bull-Teamchef Christian Horner kann diese Schilderung gar nicht oft genug wiederholen, der Brite strahlt dabei ungeheure Gelassenheit aus, es ist für ihn Routine.

Wahrscheinlich würde jeder der neun anderen Teamchefs so antworten, wenn er die Vorbereitungen und Impressionen vor dem Auftakt einer Formel-1-Saison schildern müsste. Horner aber hat für diese Saison, gespickt mit neuen Regeln und neuen F1-Besitzern (Liberty Media), noch einen Satz parat: „Der RB13 ist das schönste Auto, das wir jemals auf eine Rennstrecke geschickt haben.“


„Evolution Verstappen“

Diese Nervosität ist im Lauf der Jahre gewachsen, Engländer würden es, humorvoll, als „kultiviert“ bezeichnen. RB Racing dreht seit Ende 2004 in der Formel 1 seine Runden. Dietrich Mateschitz hatte das Jaguar-Team gekauft, 2010 begann die einzigartige Titelserie – viermal in Serie wurde der anfangs als „Party-Klub“ geliebte Rennstall Weltmeister dank des Topfahrers Sebastian Vettel. Es war keine Rede mehr davon, dass es reine PR-Maschinerie sei, ausschließlich dem Verkauf des Dosenproduktes dienliche Werbung sein soll. Ein Getränkekonzern war tatsächlich erfolgreicher als große Automobilhersteller wie Mercedes, Ferrari oder Honda. Zuletzt aber blieben Erfolge aus, Vettel fährt für die Scuderia, Mercedes stellt seit 2014 durchgehend die Nummer 1 als Team und bei den Fahrern.

Dass der Niederländer Max Verstappen (Barcelona) und der Australier Daniel Ricciardo (Malaysia) in der vergangenen Saison als Einzige zweimal die Phalanx der Silberpfeile durchbrechen konnten, ging aufgrund deren Überlegenheit und im Zusammenspiel mit Helmut Markos anhaltendem Gejammer über Schwächen der Regeln und des Motorpartners letztlich unter. Jetzt, vor dem Neustart, ist alles vergessen, man blickt nur noch nach vorn. Und Horner sagt, was Fans, Fahrer und Freunde hören wollen: „Die Formel 1 wird lauter, wir bringen den Sound zurück. Breitere Reifen, Charaktere, Typen – die Autos werden schneller.“


Zu langsam, keine Ausdauer? Die Formel 1 hat sich ein neues Aerodynamik-Reglement aufgeprägt, das in Kombination mit V6-Hybrid-Motoren jeden Autobauer vor große Herausforderungen stellt. Dass Red Bull weiterhin auf die Dienste von Adrian Newey schwört, kann hilfreicher sein denn je. Der Stardesigner zeichnete ja für mehr als ein Dutzend Weltmeisterautos verantwortlich, sein zwischenzeitliches Zutun im America's Cup oder das Schaffen eines Aston-Martin-Sportwagens verschlang nicht zu viel Zeit. Der RB13 trägt seinen Schriftzug, den seines Teams: breitere Reifen, Heckfinne und eine „Nase“ mit Lufteinlass in der Frontflügelaufhängung.

Horner sagt, dass ihm diese Nase ganz besonders gut gefalle. Vielleicht sagt er das aber auch nur, weil sie der markante Unterschied sein könnte, im Vergleich zu allen anderen – wenn die Motorleistung stimmt. Es war bei den Tests in Barcelona aber nicht zu übersehen: Bei allen Renault-Teams, also Red Bull, Toro Rosso und dem Werksteam, war der Motor eine Pein.

Bei Red Bull heißt das Fabrikat der Franzosen nach den Streitereien und dem Verkauf der Namensrechte TAG Heuer. Laut Renault-Motorchef Remi Taffin seien es „Problemchen“, jedoch mit großen Auswirkungen. Renault-getriebene Teams brachten es an acht Testtagen auf 1865 Runden. Mercedes bzw. Ferrari spulten gleichzeitig 2681 und 2459 Runden ab. Und pro Runde fehlten zwei Sekunden – es fehlen Welten. „Alle Regeln brachten Veränderungen, und wenn es nicht sofort passt, braucht es Zeit. Das war doch auch 2009 so, da war nur ein Doppel-Diffusor ausschlaggebend.“ Das Brawn-Team fuhr allen auf und davon, Jenson Button wurde sensationell Weltmeister. Es sind Märchen wie dieses, die dieser Rennserie Schwung verleihen könnten. Die Legende der Überholmanöver ist vorerst nur noch schwer glaubhaft zu vermitteln.


Es muss sexy sein!

Es gebe mehr Abtrieb, sagt Horner, auf Fahrer wirken mehr Fliehkräfte denn je, also müssten Nackenmuskulatur und Kurvensteuerbarkeit gestärkt werden. Ein Rennauto müsse nicht zwingend sexy sein, „wenn es aber gut ausschaut, fährt es sich komischerweise besser“. Warum andere Teams nicht wie Red Bull die Finne über dem Motor anbrachten?

Das Auto wird gebaut, rundherum reifen Personal und Ideen, man steckt Ziele ab, verändert sie und das Auto wieder. Es geht um ein Ziel: Wie bringt man das Team zurück auf die Siegerstraße, vorbei an Mercedes und den, aufgrund der Testzeiten in Barcelona dokumentiert, neu erstarkten Ferraris? Es obliegt dem Geschick der Fahrer, die „Evolution von Verstappen“ sei bemerkenswert, seine Zusammenarbeit mit Ricciardo konfliktfrei. Beide würden sogar im selben Apartmentkomplex wohnen, eine Rivalität wie zuletzt zwischen Hamilton und Rosberg sei in der Gegenwart bei Red Bull undenkbar; vor dem Saisonstart am nächsten Sonntag in Australien zumindest.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2017)

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