Der exzentrische Champion mit den Diamantohrringen

Lewis Hamilton feiert seinen fünften WM-Titel. Der britische F1-Pilot imponiert und polarisiert – und wächst mit jedem Konflikt. Jetzt steht er mit Juan Manuel Fangio auf einer Stufe - und träumt von Michael Schumachers Rekord. VIDEO

Der Schnellste: Lewis Hamilton.
Der Schnellste: Lewis Hamilton.
Der Schnellste: Lewis Hamilton. – REUTERS

Wer mit Lewis Hamilton spricht, der bemerkt schnell, dass sich der Brite nicht (nur) hinter den üblichen Floskeln versteckt, sondern durchaus auch etwas zu erzählen hat. Der beste Pilot der Formel 1, im derzeit besten Rennwagen, lässt sich eben auch abseits der Rennstrecke von Kontrahenten oder Teamkollegen nicht ausbremsen. Seine Lebensgeschichte, sein Werdegang bewegen, wie seine Rennen. Er scheint sich allen Anforderungen und Lebenssituationen schnell anzupassen. Nur in einem Punkt kennt der Rennfahrer aus Stevenage einfach keine Ausfahrt: Er will immer gewinnen. Ausnahmslos.

Der 33-Jährige, der seit 2007 in der Formel 1 seine Runden dreht, fuhr am Sonntag beim Grand Prix von Mexiko mit Platz 4 seinen fünften WM-Titel ein. Damit steht der Mercedes-Pilot, der Extravaganz und Bulldoggen liebt, Diamantohrringe trägt und seine Bombardier-Learjet als größte Errungenschaft preist, mit der Ikone Juan Manuel Fangio auf einer Stufe. Jetzt liegt nur noch Michael Schumacher vor ihm – und nichts würde Hamilton lieber einstellen als die Bestmarke mit sieben Titeln.

Unaufhaltsam, immer die Nummer 1

1998 wurde er ins Förderprogramm des Rennstalls McLaren aufgenommen. Da hatte sich erfüllt, wovon er schon als Zehnjähriger geträumt und Ron Dennis bei einem Kartrennen nach einem Autogrammwunsch auch angekündigt hatte: „Eines Tages werde ich für ihren Rennstall fahren!“ Dann nahm alles wie im Leben Hamiltons schnell seinen Lauf: der Gewinner der F3-Euroserie (2005) und der GP2 (2006) raste in den Mittelpunkt; sehr zum Leidwesen seines Teamkollegen Fernando Alonso. Der Asturier sollte der erste sein, der zu spüren bekam, was Hamilton von Gegnern hält, die ihm im Weg stehen. Beide aber verloren den „Krieg der Sterne“ und die WM an Kimi Räikkönen, der von diesem Zwist mit nur einem Punkt Vorsprung profitierte.

Formel 1 Ð Fuenfter WM-Titel fuer Hamilton
Formel 1 Ð Fuenfter WM-Titel fuer Hamilton
APA

2008 aber wurde der Brite als erster schwarzer F1-Champion gefeiert (in der letzten Kurve des GP von São Paulo) – und von der Industrie auch vermarktet. Er fügte sich in diese Rolle ein, natürlich nur zu neuen Höchstpreisen im Fahrersektor. Von 2007 bis 2012 fuhr Hamilton für McLaren, seit 2013 gibt er im Mercedes Gas. Hier formten Toto Wolff und Niki Lauda sein Geschick, das ihn dank des besten Autos und der optimal umgesetzten Hybridtechnik 2014, 2015 und 2017 zu Titelehren führen sollte. Dass 2016 sein Jugendfreund Nico Rosberg (er lernte bei ihm in Zell am See das Skifahren) gewann, war für Hamilton ein herber Dämpfer. Ein Indiz dafür, warum der Deutsche danach umgehend seine Karriere beendete, war diese Hass-Gemeinschaft zu ihm.

„Still I Rise“

Hamilton vergöttert Ayrton Senna, liebt seinen sieben Jahre jüngeren Halbbruder Nicolas, der an Kinderlähmung leidet. Er hat gelernt, sein öffentliches Leben auch gebührend zu zelebrieren auf Social-Media-Plattformen. Sucht er aber die Ruhe in seinem Chalet in Colorado, ist er von der Bildfläche verschwunden. Dann genießt selbst der bestbezahlte F1-Pilot (kolportiert werden 30 Mio. Euro pro Jahr; ohne Werbeeinnahmen) den Luxus der seltenen Anonymität. Warum aber Colorado und keine Villa auf irgendeiner Karibikinsel? Hamilton weigert sich, im offenen Meer zu schwimmen – weil er panische Angst vor Haien hat.

Der Veganer und Arsenal-Fan ist nicht nur ein Instinktfahrer, er vermarktet sich sogar selbst. Ob Brillen, Tattoos (Löwe, Drache, Sprüche), eigene Modeschau oder dicke Goldketten: „Still I Rise“ (ein Spruch des Rappers Tupac Shakur) bleibt sein markanter Leitfaden. Alles ist bei ihm bewusst gewählt. Kein Schritt bleibt bei dem „Member of the British Empire“ (seit 2008), der sich auch als Unicef-Botschafter engagiert, unbedacht. Dafür, und weil er eben ein F1-Star geworden ist, ziert er auch das Wachsfigurenkabinetten von Madame Tussauds.

Auch privat liebt es Hamilton schnell. Motorräder (MV Agusta F4 LH44) oder starke Autos (Mercedes AMG) zählen zur Grundausstattung des Multimillionärs. Er erfüllt die Erwartungen, die man seit jeher an F1-Weltmeister stellt mit Glamour, Geld und seinem Gasfuß. Aber Hamilton macht alles berechnender, kälter, fokussierter und professioneller als alle anderen. Und deshalb gewinnt er.

Lewis Carl Davidson Hamilton (GBR/33 Jahre): Geboren: 7. Jänner 1985 in Stevenage/England

Wohnort: Monaco Familienstand: ledig Größe/Gewicht: 1,75 m/68 kg

Team: Mercedes (seit 2013), zuvor McLaren (2007 bis 2012) Startnummer: 44 Erster Grand Prix: 18. März 2007 in Australien (McLaren-Mercedes) Erster GP-Sieg: 10. Juni 2007 in Kanada (McLaren-Mercedes)

GP-Starts: 227 GP-Siege: 71 (50 für Mercedes, 21 für McLaren) Pole Positions: 81 Podestplätze: 132

Größte Erfolge: Weltmeister 2008, 2014, 2015, 2017 und 2018

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2018)

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