Markus Rogan: Die Suche nach den Antworten

Der Wiener Markus Rogan, 30, erlebt mit seiner Disqualifikation über 200 Meter Lagen den schmerzhaftesten Moment seiner Karriere, die womöglich sogar eine Fortsetzung erlebt. Die Gedanken gehören erst geordnet.

(c) GEPA pictures/ Christian Walgram

 „We are the champions.“ Als Ronald Leitgebs Handy klingelt, bekommt die Ironie kitschige Züge. Der Manager von Markus Rogan drückt den Anrufer weg, bevorzugt es, aufmerksam und mit verzogenen Mundwinkeln den Worten seines Schützlings zu lauschen. Dieser ist umzingelt von Journalisten, wird mit Fragen durchlöchert. Er ist das Gesprächsthema Nummer eins. Wieder einmal. Rogan hatte eine Nacht lang nach Antworten gesucht.

Seine Disqualifikation im Halbfinale über 200 Meter Lagen hatte viele Fragen aufgeworfen, genauer gesagt eine falsche Handhaltung bei der Wende von der Rücken- auf die Brustlage. In erster Linie jene über die Richtigkeit der Entscheidung, den Wiener zu disqualifizieren. „Ich habe diese Wende so oft geübt. Ich bin mir sicher, dass ich sie richtig gemacht habe“, flüchtete sich Österreichs erfolgreichster Schwimmer in Rechtfertigungen. Videoaufzeichnung gab es keine. Eine Tatsachenentscheidung des ihm zugewiesenen Schiedsrichters fiel zu Ungunsten Rogans aus, der seine olympische Karriere „gerne selbst beendet hätte“.

Markus Rogan: Österreichs erfolgreichster Schwimmer aller Zeiten

Ein erfolgreicher Protest hätte eine Finalteilnahme Rogans, der nur die neuntschnellste Zeit unter 16 Teilnehmern schwamm, zur Folge gehabt. Der Südafrikaner Chad Le Clos hatte als Siebenter des Halbfinales auf den Endlauf verzichtet, weil er sich in diesem keine realistischen Medaillenchancen ausrechnete. Diese hätte auch Rogan nicht gehabt. Auf Michael Phelps, den Drittplatzierten, fehlten ihm 1,7 Sekunden. „Ich hätte mir eine kleine Chance gegeben“, sagte Markus Rogan, der Illusionist.

 

Von der Topform weit entfernt

Rogan, der Sprücheklopfer, wähnte sich in Topform, wiederholte gebetsmühlenartig, dass er dies definitiv sei. Dabei fehlte ihm im Halbfinale, als es darauf ankam, über eine Sekunde auf seine persönliche Bestzeit aus dem Vorjahr. Davon wollte Rogan allerdings nichts wissen. Er hatte in London das dringende Bedürfnis, es der Welt und sich selbst im Aquatics Centre ein allerletztes Mal zu beweisen. Rogan wollte seine Entbehrungen belohnt wissen. In den vergangenen drei Jahren schwamm er nie später als sieben Uhr Morgens seine erste Länge. Diesem einen Tag, dem 2. August 2012, hatte er alles untergeordnet.

Nach dem Finale wollte er sich so gerne im Scheinwerferlicht baden. Er tat in der Vergangenheit nichts lieber als das. Immerhin hatte er für dieses Privileg auch hart geschuftet. Er legte bislang 45.000 Kilometer im Wasser zurück. Die letzten 200 Meter sollten die schönsten seines Lebens werden, endeten aber in der größtmöglichen Blamage. „Das ist der schlimmste Moment meiner Karriere“, sagte er, wohl wissend, dass er auf ganzer Linie enttäuscht hatte.

Der Name Rogan stand immer für Extreme. Im und vor allem außerhalb des Beckens. Manche konnten dem Querdenker mit philosophischem Einschlag als Typ viel abgewinnen. Wer anders als die anderen ist, der hat zwangsläufig auch Feinde. Ausreichend. Überheblichkeit und Arroganz strahlte er aus. Es gab Tage in seiner Karriere, an denen das eigene Ego größer als sein Leistungsvermögen war. Auf die Frage, ob sein Selbstbewusstsein durch die olympische Enttäuschung nun kleiner geworden wäre, antwortet Rogan trocken: „Es hätte nicht größer werden können.“ Die vergangenen Tage sollten Rogan nicht nur eine sportliche Lehre sein. Es besteht die Hoffnung, dass er auch menschliche Schlüsse zieht.

 

„So sollte er nicht aufhören“

Seine abfälligen Äußerungen über den „Nationalheiligen“ Hermann Maier lösten noch vor dem Rennen eine Welle der Empörung aus. Rogan steht nach wie vor zu seinen Aussagen, ließ es aber dennoch nicht unversucht, seine „Unschuld“ zu beweisen. „Ich bewundere den Hermann doch dafür, dass er so oft den Kopf ausschalten konnte . . .“

Ob Rogan dies nochmals versucht, ist ungewiss. Die Gedanken gehören erst geordnet. „Diese Disqualifikation tut sehr weh, ich muss das alles erst verdauen“, sagt Rogan, der stolz auf das bisher Erreichte zurückblickt. „Ich bin vier Mal bei Olympia gestartet, habe zwei Medaillen gewonnen. Ich bin unglaublich dankbar.“ Paul Schauer, Präsident des österreichischen Schwimmverbandes, wird mit seinem Topathleten zeitnah das Gespräch suchen. „Ich wünsche mir, dass er weitermacht. So sollte ein Markus Rogan nicht aufhören.“

Auf einen Blick

Markus Rogan hatte sich eine Medaille bei den Olympischen Spielen in London zum Ziel gesetzt.

Im Halbfinale über 200 Meter Lagen wurde Rogan wegen einer falschen Wende disqualifiziert. Der Wiener legte umgehend Protest ein, diesem wurde allerdings nicht stattgegeben.

Rogan konnte sich als Neunter rein sportlich nicht für den Endlauf qualifizieren, hätte aber vom Startverzicht des Südafrikaners Chad Le Clos profitiert.

Ob der 30-Jährige seine Karriere nun fortsetzt, ist ungewiss. „Ich kann dazu noch nichts sagen.“

Nächster geplanter Start ist bei den Staatsmeisterschaften in Innsbruck.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2012)

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