Paralympics: Titelverteidiger, Sieganwärter, junge Wilde

Österreichs Mannschaft bei den Paralympics in London umfasst 32 Athleten - jeder davon hat seine eigenen Ziele. Zwei Weltklassesportler leiden unter der Klassifizierungspolitik des Paralympischen Komitees.

Titelverteidiger Sieganwaerter junge Wilde
Titelverteidiger Sieganwaerter junge Wilde
(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Ch. Kelemen)

London/Wien. Georg Tischler ist ein Kasten von einem Mann. Seit einem Verkehrsunfall sitzt er im Rollstuhl, er war damals 16 Jahre alt und musste mit einer Querschnittlähmung zurechtkommen. „Ich war Mitte 30, als ich mit der Leichtathletik begonnen habe“, sagt er. Er ist vom vierten Brustwirbel abwärts gelähmt (Klasse F54). In Athen hat er Gold im Kugelstoßen gewonnen. Die Bestmarke steht auf 9,31 Meter. Diesmal hält er einen Sieg für eher unmöglich. „Sie legen die Klassen zusammen, ich muss gegen Konkurrenten antreten, die noch Bauchmuskeln haben.“ Zwar wird mit einem komplizierten Berechnungsschlüssel die Leistung von schwerer Behinderten aufgewertet, aber ein Nachteil bleibe, sagt Tischler.

Er ist einer von 32 österreichischen Sportlern, die ab Mittwoch an den Paralympics in London teilnehmen. Rund 4200 Sportler aus 166 Staaten werden sich dort tummeln, Medaillen in 20 Sportarten sind zu haben. Pro Sportart treten die Athleten in mehreren Klassen an. Um nicht die Übersicht zu verlieren, hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) die ausgeschriebenen Klassen wieder einmal reduziert. „Sonst würden wir drei Monate brauchen“, sagt Andrea Scherney, die Generalsekretärin des Behindertensportverbandes.

 

Kein Marathon für Geierspichler

Thomas Geierspichler, seit 1994 nach einem Unfall Tetraplegiker, also an allen vier Extremitäten (unvollständig) gelähmt, ist das wohl anschaulichste Beispiel für die Klassifizierungspolitik des IPC. Er hat in Peking den Marathon gewonnen, doch in London wird dieser nicht ausgetragen. Weil zu wenige klassifizierte Teilnehmer bereitstünden, hieß es. Also hat sich Geierspichler die Kurzstrecken, 100, 200, 400 und 800 Meter vorgenommen. Da hat er bei seinen bisher drei Paralympischen Wettkämpfen schon Medaillen gemacht, aber noch nicht gewonnen.

Der Rollstuhlmarathon ist auch ein Zeugnis dafür, wie rasant sich Medizin und paralympischer Sport entwickeln. „Vor vierzig Jahren war der Marathon für Tetraplegiker noch verboten“, sagt Scherney. Diese Menschen wurden ins Bett gelegt und gefüttert. „Man war der Meinung, sie würden sterben, wenn sie einen Marathon fahren. Heute sind Rehabilitation und Therapie so weit, dass Tetraplegiker, wenn sie nicht vollständig gelähmt sind, Muskeln aufbauen und Spitzenleistungen erbringen.“

Der Speerwerfer Bil Marinkovic (F11, sehbehindert) ist ein ähnlicher Fall. Auch er hat in Athen Gold geholt, auch er kann seine Lieblingsdisziplin in London nicht ausüben. Marinkovic weicht diesmal auf Diskus und Kugel aus. „Mal schaun“, ist sein Motto. Er ist 39 Jahre alt und noch eines der jüngeren Teammitglieder. „Das hängt damit zusammen“, sagt er, „dass viele Behindertensportler erst relativ spät, nach einem Unfall beispielsweise, mit dem regelmäßigen Sport beginnen.“ Falls sie talentiert sind wie Marinkovic, kommen sie schnell relativ weit. Marinkovic ist mehrfacher Weltmeister im Speerwurf und hat auch WM-Medaillen im Diskuswurf, aber auch er leidet unter der Klassenrationalisierung.

 

Die Großen segeln davon

Wie die Sommerspiele werden auch die Paralympischen Spiele vom stark steigenden Einfluss des Geldes und des Professionalismus vorangetrieben. „Dieselben Nationen wie bei den Nichtbehinderten sind auch bei uns vorn“, sagt Sven Reiger (Unterarm amputiert), der Steuermann im Segelboot der Klasse Sonar. Gemeinsam mit Edmund Rath (blind) und Kurt Badstöber (rechter Arm, linkes Bein amputiert) wird er die Regatta wahrscheinlich nicht gewinnen, sagt er selbst. Dazu sind die Vertreter der großen Nationen zu stark und zu professionell ausgestattet. Aber Reiger ist selbst so eine Art Profi, immerhin leitet er eine eigene Segelschule.

Andreas Vevera (Tetraplegiker) wird im Tischtennis als Sieghoffnung gehandelt, der Titelverteidiger von Peking wiegelt zwar ab, aber wer seinen Ehrgeiz kennt, weiß, dass er wohl vor den Spielen seine heilige Ruhe haben will. Und Pepo Puch (unvollständige Querschnittlähmung) gilt in den Reitbewerben Championship und Freestyle ebenfalls als Titelanwärter.

Tischler wird wohl nach London mit dem Spitzensport aufhören. Im September wird er 51, und zu Hause hat er eine neue Aufgabe, die den ganzen Mann erfordert. Tischler: „Mein Bub ist sechs Monate alt, da hab ich die nächsten Jahre genug zu tun.“

Auf einen Blick

Paralympische Spiele werden seit 1960 ausgetragen, seit 1992 am selben Ort wie die Olympischen Sommerspiele. Österreich nimmt ab Mittwoch in London mit 32 Athleten teil. Thomas Geierspichler (Rollstuhlsprint), Pepo Puch (Reiten), Georg Tischler (Kugelstoßen), Bil Marinkovic (Diskus, Kugelstoßen) und Andreas Vevera (Tischtennis) sind Medaillenkandidaten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2012)

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