Olympia: Bode Miller, der Partyschreck

Bode Miller holte vor den Spielen zum Rundumschlag aus: Seine Konkurrenz setze bloß auf physische Stärke und gebe sich mit Durchschnitt zufrieden. Er aber vertraut auf Hypnose und liebt die Geschwindigkeit.

(c) GEPA (ndreas Pranter)

„Wenn ich gut Ski fahre, dann kann ich in jedem Bewerb auf dem Podium stehen.“ Bode Miller klopft wieder einmal starke Sprüche und gibt sich äußerst angriffslustig. Auf der Piste beim Abfahrtstraining war er das auch. Doch noch ambitionierter ging er verbal auf Journalisten los. Als ihn ein US-Reporter am Abend fragte, ob er nicht so viel Druck habe, weil er für die Medien „unter dem Radarschirm“ fliege, ging ihm die Galle hoch. „Ich fühle mich nicht unter dem Radar“, antwortete Miller. „Wenn hier jemand unter dem Radarschirm ist, dann sind es Journalisten.“

Bode Miller zählt nach wie vor zu den schillerndsten Figuren im Wintersport. Und bei der Präsentation des US-Skiteams in Whistler spielten Ted Ligety und Co. nur Statistenrollen. Alles drehte sich um Bode.

Es ist ein anderer Bode Miller als noch vor vier Jahren in Turin. Damals war er einer der großen Favoriten. „Vielleicht fahre ich nur hin, mache Party und trinke Bier“, hatte er vor den Spielen 2006 gemeint – am Ende war er leer ausgegangen. Zumindest, was die Medaillen, nicht die Partys und das Bier betrifft. Dieses Mal sorgt sein lockeres Mundwerk zwar ebenfalls für Aufsehen, doch der zweifache Olympiazweite von Salt Lake City wirkt ernster und fokussierter, wenn er sagt: „Ich fühle mich sehr gut. Ich bin so fit, wie ich es für die Spiele erwartet habe.“

 

Überwindung nicht nötig

Miller hat bekanntlich den Saisonstart ausgelassen, hat erst im Dezember ins Weltcupgeschehen eingegriffen. Und Mitte Jänner feierte er schließlich in Wengen in der Superkombination einen Weltcupsieg. Es war der erste seit seinem Abfahrtstriumph in Kvitfjell im März 2008. Die olympische Abfahrtsstrecke erinnert einige Läufer übrigens ein wenig an Kvitfjell. „Keine Abfahrt, bei der man sich überwinden muss wie in Kitzbühel oder Bormio, aber technisch sehr anspruchsvoll“, sagt Österreichs Medaillenhoffnung Michael Walchhofer. Es sind nicht die spektakulären Passagen, die auf der Dave-Murray-Strecke entscheiden, sondern die Übergänge und engen Kurven im Mittelteil. Mit anderen Worten: Das ist Bode- Miller-Land.

In den vergangenen 15 Jahren sei es im Skirennsport fast ausschließlich um Muskelmasse gegangen, meint Miller. Mit Hermann Maier und Stefan Eberharter prägten Kraftpakete den Rennsport. Frühere Generationen seien bei Weitem nicht so körperlich fit gewesen. „Aber ein Ingemar Stenmark verfügte über eine enorme mentale Stärke“, sagt Miller. Diese psychischen Kräfte freizusetzen gilt sein Hauptaugenmerk. Miller arbeitet mit einem Mental-Coach. Mit diesem habe er einige Hypnosetechniken erarbeitet.



„Sie fahren Ski wie

andere täglich in die

Arbeit gehen.“

Bode Miller über seine Konkurrenten

Und wenn es wieder nichts wird mit Olympiagold? Miller, so meint Miller, wolle gar nicht als Medaillenhamster in die Geschichte eingehen. Sondern vielmehr als einer, für den Skirennlauf das reine Vergnügen am Tempo ist.

„Spaß an der Geschwindigkeit“, unter dieses Motto stellt Miller seine vierten und letzten Winterspiele. „Ich kann nur allen versichern, dass ich das Gaspedal finden und es bis zum Anschlag drücken werde.“

Einen Seitenhieb auf seine Kollegen im Skizirkus konnte er sich natürlich auch nicht verkneifen. Denn viele Burschen im Weltcup gehen nicht so wie er bei jedem Rennen aufs Ganze. „Sie fahren Ski wie andere täglich in die Arbeit gehen.“ Diese Athleten geben sich auch mit „guten Resultaten“ zufrieden. „Ich würde es nicht aushalten, immer nur mit dem Kopf zu fahren und dabei an Weltcuppunkte zu denken.“

 

Biederes Punktesammeln

Dieses biedere Punktesammeln sei auch der Grund, warum der Skisport in der Krise stecke. „Wenn ich die gesamte Vorsaison rückblickend betrachte, finde ich keinen einzigen inspirierenden Lauf dieser Jungs“, sagte Miller.

Neben seiner Wenigkeit hat Miller übrigens nicht den Topfavoriten Didier Cuche auf der Rechnung, sondern vor allem den norwegischen Routinier Aksel Lund Svindal. „Aksel ist der Iceman. Er ist bei Großereignissen immer ganz stark.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2010)

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