Olympia-Eishockey: 7:3 - Kanada schießt Russland ab

Im großen Prestigeduell setzt es eine Demütigung für die Russen, die Gastgeber spielen sich in einen Rausch und wahren die Chance auf Gold. Russland bleibt wie 2006 ohne Medaille.

Corey Perry bejubelt das siebente Tor
Corey Perry bejubelt das siebente Tor
(c) REUTERS (Scott Audette)

Vancouver. Höflich nimmt der alte Mann seine Mütze ab, wenn er mit jemanden spricht. Er versteht kein englisch, nur russisch. Sein Begleiter dolmetscht unbeholfen. Wie geht das Spiel aus? Milde lächelt er und meint mit leiser Stimme: „Ich fürchte Schlimmes."

Nein, „schlimm" ist noch ein Hilfsausdruck. Was Kanadas Eishockeymannschaft im olympischen Viertelfinale mit der Sbornaja, dem russischen Team, anstellte, war nicht nur schlimm: Es das war eine Demütigung.

Eine knappe halbe Stunde spielten Sidney Crosby und Co. mit dem vermeintlich härtesten Widersacher auf dem Weg zur Goldmedaille Katz und Maus. Es war ein Furioso auf dem Eis, was das Team von Coach Mike Babcock ablieferte. Eistanzen mit Puck.

Die Russen wirkten im ersten Drittel unbeholfen in Anbetracht der physischen Stärke des Gegners. „Wir wollten von Anfang an unser körperbetontes Spiel aufziehen und das ist uns gelungen", sagte Corey Perry. Der rechte Flügel von den Anaheim Ducks schoss zwei Tore beim überlegenen 7:3 Sieg. Nach 13 Minuten stand es 3:0 für Kanada. Wie ein Wirbelsturm brausten die Ahornblätter über das Team rund um Alexander Ovechkin hinweg. Und die 18.000 Fans in der Hockey-Arena trugen das ihre dazu bei. Es war die wildeste Party, die Olympia bisher erlebte.

Und Shea Weber, der Mann aus British Columbia, hatte seinen Spaß dabei. Der 24-jährige Verteidiger der Nashville Predators spielte meist auf Superstar Ovechkin und lies diesen kaum Luft zum Atmen. „Alexander der Große" brachte es im ganzen Spiel auf gerade einmal drei Torschüsse.

Und der alte Mann mit den sanften Blick? Es ist Viktor Tichonow, die große russische Trainerlegende. Dem 79-Jährigen war nicht entgangen, dass im russischen Team der Wurm drinnen ist. Schon beim Spiel gegen die Slowakei wurden die Mängel offensichtlich. Da vertraute man in der Offensive mehr auf die Genieblitze herausragender Einzelspieler als auf Kombinationsspiel. Da herrscht in der Abwehr ein Schlendrian. Soetwas hätte ein Viktor Tichonow nie geduldet.

Nach vier Minuten im zweiten Drittel hat der russische Coach Vacheslaw Bykow genug von Evgeni Nabokow. Der Goalie muss Ilja Bryzgalow von den Phoenix Coyotes Platz machen. Es steht 6:1. Die Partie ist entschieden. Nabokow hatte einen harmlosen Schuss von Dan Boyle zum 2:0 durchgelassen. Beim 3:0, einer Weltklasse-Kombination von Rick Nash und Jonathan Toews, ging er zu früh zu Boden. Und beim 4:1 ließ er sich von Brenden Morrow wie ein Anfänger austricksen. Morrow hatte den Puck hinter dem Tor erobert und dann am Goalie vorbeigeschlenzt.

Überhaupt war der Raum hinter dem russischen Tor fest in kanadischer Hand. Hier konnten sie schalten und walten nach belieben. Es war ein Schlüssel zum Erfolg. „Gretzkys Büro" nennen die Kanadier den Platz hinter dem Tor, weil die Hockeylegende von dort aus einst seine tödlichen Pässe gab.

Und die russische Hockeylegende? Drei Olympische Turniere und acht Weltmeisterschaften gewann der Oberst der Roten Armee Viktor Tichonow. Seine Trainingsmethoden waren gefürchtet, mache meinen sogar sie seien menschenverachtend gewesen. Das Ergebnis war das schönste Eishockey, das die Welt je erlebte.

Nach 24 Minuten war nicht nur für Evgeni Nabokow die Show zu Ende. Ab diesem Zeitpunkt beschränkte sich Kanada, das Spiel zu kontrollieren. Diese fast schon an Überheblichkeit grenzende Abgebrühtheit der Kanadier machte die Russen fassungslos. Reihenweise packten russische Journalisten auf der Pressetribüne ihre Sachen zusammen und zogen ab. Auch auf dem Eis war diese Fassungslosigkeit, diese Ohnmacht der Russen zu spüren.

So wie damals am 22. Februar 1980. Fast auf den Tag genau vor 30 Jahren verspürte Viktor Tichonow diese Ohnmacht im Spiel, das die Amerikaner „Miracle on Ice" nennen. Bei den Winterspielen in Lake Placid schlugen ein paar College-Boys das große sowjetische Team mit 4:3. Diese Silbermedaille war Tichonows größte Niederlage.

„Ich muss mich bei unseren Fans entschuldigen", sagte Russlands Coach Wjatscheslaw Bykow. „Wir spielten heute gegen ein starkes Team, gegen dessen Druck wir keine Mittel hatten."

Russland fährt wie 2006 ohne Medaille nach Hause. Die letzte Goldmedaille gewann die Sbornaja 1992 in Albertville. Unter Trainer Viktor Tichonow. Bei der Siegerehrung erhielt auch er damals eine Goldmedaille. Er ist der einzige Trainer in der Geschichte der Olympischen Spiele, dem diese Ehre zuteil wurde. Jetzt steigt Viktor Tichonow in die U-Bahn ein. Die Wollmütze ins Gesicht gezogen inmitten der russischen und kanadischen Fans. Keiner achtet auf ihn.

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