Gianni Infantino - ein Mann des Systems

Der mögliche neue Fifa-Präsident Gianni Infantino ist ein Mann des Systems und die Uefa unternimmt alles, um ihren Mann tunlichst auf den Thron zu hieven. Unter den Kandidaten findet sich kein Heilsbringer.

Gianni Infantino führt in seiner Bewerbung um das Fifa-Präsidentenamt Transparenz und Glaubwürdigkeit an, das fällt in die Kategorie Wahlkampfrhetorik. Der Italo-Schweizer ist ein Mann des Establishments und steht sicher nicht für einen Neuanfang beim Fußballweltverband. Infantino gehört zum System von Michel Platini. Wobei klipp und klar gesagt werden muss, dass der europäische Fußballverband auch nicht gerade für Glaubwürdigkeit und Transparenz im Fußball steht.

Infantino wird obendrein in seinem Wahlkampf von demselben Unternehmen beraten, von dem sich die Uefa oder die WM-Bewerbung von Katar hat beraten lassen. Seinen Stimmenfang führt er etwas direkter als die anderen Kandidaten. Infantino präsentiert sich gegenüber den Nationalverbänden als der gute Onkel, als eine Art Nikolaus oder gar Weihnachtsmann, indem er eine Erhöhung der finanziellen Zuwendungen verspricht.

Bislang fällt unangenehm auf, dass die Kandidaten um das Fifa-Präsidentenamt einen Wahlkampf führen, als ob nichts passiert wäre, es kein Finanzskandale, Korruption oder Verhaftungen gegeben hätte. Die Spielchen haben sich nicht verändert, glaubwürdige Lösungen sind nicht erkennbar. Es weist zudem nichts darauf hin, dass der Uefa-Generalsekretär mit der Blatter-Ära aufräumt. Von Blatter heißt es, Infantinos Herkunft aus dem Nachbarort habe ihn stets irritiert, Infantino hingegen hat es eher motiviert. Gemocht haben sich die beiden nie, dabei verbindet beide Walliser Arbeiterkinder viel mehr als die geografische Herkunft. Infantino, der ehrgeizige Jurist, 45, tritt jovial wie Blatter auf und schätzt die große Bühne. Als hauptamtlicher Funktionär strebt er nun dieselbe Karriere wie einst der Fifa-General an. Infantino lockt seine Klientel mit allem, was man von Blatter kennt: mit Geld, Entwicklungshilfe und WM-Startplätzen.

Das Kandidatenfeld ist überschaubar. Aus dem Quartett Jérôme Champagne, Tokyo Sexwale, Prinz Ali von Jordanien und Scheich Salman al-Khalifa aus Bahrain stellt nur Letzterer einen Gegner dar.

Sepp Blatter hat dem Weltfußball großen Schaden zugefügt, wie er wieder gesunden könnte, darauf bekommt man keine Antworten. Auf den neuen Mann wartet viel Arbeit, das Image des Fußballs muss aber dringend neu aufpoliert werden. Und zwar glaubhaft, mit alten Seilschaften wird das nicht funktionieren. Da gehören ganze „Sumpflandschaften“ trockengelegt, etliche Personen in wichtigen Gremien ausgetauscht. Gefragt wäre ein Regenmacher, einer der den Korruptionsskandal aufklärt, ein Heilsbringer. Blatter gibt freilich keine Wahlempfehlung ab, wozu auch. Er sagt: „Mein Lebenswerk kann man nicht zerstören.“

wolfgang.wiederstein@diepresse.com
[LZNV4]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2016)

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