"Störungen der sexuellen Entwicklung"

Mit seiner neuen Regel für "Störungen der sexuellen Entwicklung" macht der Leichtathletik-Weltverband einen Schritt nach vorn. Nach dem verpatzten "Fall Semenya" will er so sein Image reparieren. Der nächste Bauchfleck ins Fettnäpfchen droht bereits.

Alles hatte Kay-Kay Allums probiert. Der Teenager trug Make-up, Kleider und Haarspangen, doch im weiblichen Rollenbild fand sich Allums dennoch nie zurecht. Mit 21 Jahren zog die Amerikanerin die Konsequenzen und wurde zu Kye Allums, einem jungen Mann in einem weiblichen Körper – und mit einem großen Problem, könnte man meinen: Denn Allums spielt für die George-Washington-Universität Basketball. Im Frauenteam. Doch das ist gar kein Problem. Seine Teamkameradinnen und sein Trainer unterstützten ihn nach seinem Outing, und nach den Regeln des Hochschulsportverbandes NCAA kann Allums weiter im Damenteam spielen, solange er sich keiner Hormontherapie unterzieht.

Dagegen wirkt der Leichtathletik-Weltverband wie ein Relikt aus einem vergangenen Jahrhundert. Elf Monate dauerte es, bis der IAAF im Fall Caster Semenya zu einer Entscheidung kam. Elf Monate, in denen jedes Detail des Körpers der damals 18-jährigen Weltmeisterin im 800-Meter-Lauf medial seziert wurde und in denen Funktionäre öffentlich über den Weiblichkeitsgrad der jungen Südafrikanerin spekulierten. Erst im Juli 2010 hieß es: Ja, Semenya ist eine Frau. Ja, sie darf weiter bei den Damen starten. Der schwere Imageschaden hat den IAAF nun zur Flucht nach vorn angestachelt. Eine Regelung für „Störungen der sexuellen Entwicklung“ soll ab Mai 2011 in die Statuten aufgenommen werden. Für Semenya viel zu spät, aber doch ein kleines Zeichen von Lernfähigkeit.

Die nächste Bewährungsprobe steht jetzt dem Fußball bevor. Die Trainerin des nigerianischen Damenteams beschwerte sich nach dem Sieg im Afrika-Cup beim Kontinentalverband CAF: Im Finale hätten bei Gegner Äquatorialguinea zwei Männer mitgespielt, das Geschlecht der beiden Schwestern müsse umgehend kontrolliert werden. Für Afrikas Fußball könnte das sonst bei der WM 2011 in Deutschland „peinlich werden“. Gerne würde man glauben, dass der Afrika-Verband und der konservativ-männerdominierte Weltverband Fifa aus dem Beispiel Semenya gelernt hätten. Die Chancen, dass man dort die Peinlichkeiten ganz von selbst hinbekommt, stehen leider weitaus höher.

sascha.bunda@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2010)

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