Karl Sekanina: Mächtiger Polterer mit viel Herz

Nicht nur Argentinien-Helden als Vermächtnis des ÖFB-Präsidenten Sekanina.

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Aus den Augen, aus dem Sinn. Karl Sekanina hatte sich in Ybbs so zurückgezogen, dass sich viele seiner erst erinnerten, als die Todesmeldung kam. Dabei war Sekanina nicht nur einer der mächtigsten Gewerkschafter und Innenpolitiker der Nachkriegszeit, er hatte auch dem Fußball acht Jahre (1976–1984) den Stempel als ÖFB-Boss aufgedrückt. Mehr als andere. Seiner Person wegen, die Konfrontation vor Konsens suchte. Zwei Schritte vor, einer zurück, um zu kriegen, was er wollte. Macht der Gewerkschafter-Gewohnheit.

Das war hilfreich für den Fußball, in dem er polterte, Devise: „Wadln fürerichten“, um zu erreichen, was Jahrzehnte verpasst worden war. Wie die erste WM-Qualifikation nach 20 Jahren für Argentinien 78, die mit dem Heldenepos endete. Er ist damit so verbunden wie Trainer Helmut Senekowitsch, der „Seki“, den er „sekkierte“ bis aufs Blut. Aber zu dessen 70er kam er aus dem Exil, um die Laudatio zu halten. Laute Worte, dickes Fell, großes Herz. Für Freunde und den Fußball, dem er bis zuletzt treu geblieben war. Nicht als „Mittelstürmer“ der Nation, sondern als Platzsprecher in Ybbs, wo der Multifunktionär i. R. Multi spielte zum Wohle des Klubs, quasi als Schrebergärtner, nicht am Großgrund. „Für mich“, so Hans Krankl, der in seiner Amtszeit zum Helden von Cordoba, zum Barca-Goleador wie WM-Buhmann 82 wurde, „war er der beste aller Präsidenten. Wenn er was g'sagt hat, hat's g'scheppert!“ Ein Mann, ein Wort. Wenn's falsch war, nahm er es zurück. Wie vor der WM 78, als er Max Merkel als Sportdirektor aus dem Hut zauberte, als Faust in Senekowitschs Nacken. Als er spürte, dass er einen Keil hineintrieb, war Merkel weg. Und der Weg frei für die WM-Helden. Die Neuauflage des Spielchens, Karl Stotz hatte gerade die WM-Quali 82 geschafft, ging schief. Sekanina feuerte Stotz, weil er dachte, Ernst Happel wäre ante portas. Irrtum. Das Duo Latzke-Schmidt, aus der Not geboren, blieb mit der Gijon-Schande verbunden, dem Unspiel gegen Deutschland (0:1). Es brach auch Zacken aus Sekaninas Krone. Karl der Große dankte 1984, ein Jahr, bevor er als Politiker gehen musste, als Fußballchef ab.

Politisch stolperte er über eine Villa, als Fußballboss hatte Sekanina aber seine Macht eingesetzt, damit das alte Praterstadion ein Dach über dem Kopf bekam. 1986 wurde er gefeiert, weil Deutschland bei der Neueröffnung eine auf den Deckel bekam (4:1). Da hatte er sich schon verkrochen, als wäre Ybbs ein Kokon. Dort fühlte er sich geborgen im Kreis derer, denen er und die ihm vertrauten. So laut er gepoltert hatte, so leise trat er ab. Als Boss einer goldenen Ära und Generation bleibt er in Erinnerung.
Gedenkminute für Sekanina s. Seite 6

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2008)

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