Gebhard Gritsch: "Novak ist ein extremer Perfektionist"

Mit Konditionstrainer Gebhard Gritsch ist ein Tiroler seit sechs Jahren mitverantwortlich für Aufstieg und Erfolge des besten Tennisspielers der Welt. Gritsch, 58, über das Phänomen Novak Djoković.

Djokovic of Serbia serves as his fitness coach Phil-Gritsch watches during a practice session at the Australian Open tennis tournament in Melbourne
Djokovic of Serbia serves as his fitness coach Phil-Gritsch watches during a practice session at the Australian Open tennis tournament in Melbourne
Gebhard Gritsch – REUTERS

Das Cafe Frey in Klosterneuburg, ein Spätsommertag. Etwas Autolärm im Hintergrund und aufkommender Wind können das Idyll nicht stören, Gebhard Gritsch genießt die Ruhe. Der Tiroler ist ein Weltenbummler, 40 Wochen im Jahr ist er unterwegs. Stille Momente sind rar, sein Beruf ist fordernd. Erst vor wenigen Tagen ist der 58-Jährige aus New York heimgekehrt, der nächste Trip, nach Asien, steht bevor. Wer als Konditionstrainer vom besten Tennisspieler der Welt beschäftigt wird, der beklagt weder Flugstunden noch fehlende Freizeit.

Seit 2009 arbeitet Gritsch mit dem Serben Novak Djoković an dessen Physis. Empfohlen hatte ihn Günter Bresnik, nachdem sich die beiden am Wiener Naschmarkt zufällig in die Arme gelaufen waren und über den Sport zu sprechen kamen. „Günter kannte mich und meine Arbeit. Für ihn war es kein Risiko, mich zu empfehlen“, sagt Gritsch, der zu einem wichtigen Puzzleteil im Erfolgssystem Djoković wurde. Ein Österreicher formte den heute 28-Jährigen zu einem Modellathleten. Ein Gespräch über Ehrgeiz, Popularität und Kritikfähigkeit. Und die Antwort auf die Frage nach dem besten Tennisspieler aller Zeiten.


Als Sie 2009 bei Novak Djoković vorstellig wurden, war er da sofort Feuer und Flamme für Ihre Arbeit?

Gebhard Gritsch: Zu Beginn war es eher ein gegenseitiges Abtasten. Es ging nicht nur um die Arbeit, auch um das Zwischenmenschliche. Wer so viel Zeit miteinander verbringt, muss sich gut verstehen. Mitentscheidend für den gemeinsamen Erfolg war die Tatsache, dass ich genügend Know-how hatte, um die wichtigen Entscheidungen zu treffen. Wie soll der Trainingsplan aussehen? Mit wem wollen wir zusammenarbeiten, mit wem nicht? Wenn du im Team Djoković arbeitest, treten irrsinnig viele Leute mit diversen Ideen an dich heran. Da gilt es, zu sondieren.

In welchem physischen Zustand haben Sie ihn übernommen, wo haben Sie angesetzt?

Als ich zum Team gestoßen bin, war Novak die Nummer drei der Weltrangliste und eigentlich am absteigenden Ast. Jeder wusste, dass er im physischen Bereich Mängel hatte. Novak hatte nicht verstanden, warum er bei so viel investierter Energie in einem Match so ineffizient ist. Er hatte Roger Federer zum Vergleich herangezogen, gesehen, dass bei ihm eigentlich jeder Schritt ein Ergebnis bringt. Davon war Novak sehr weit entfernt. Es ging nebst dem Konditionstraining also zunächst um Verletzungsprävention und die Verbesserung der Biomechanik. Heute ist alles in seinem Spiel besser als vor sechs Jahren. Er bewegt sich effizienter, seine Schläge sind optimiert.

Und er legt großen Wert auf die Ernährung.

Novak war für einen Sportler nie übergewichtig, hatte auch keinen erhöhten Fettanteil oder war unfit. Nur war er nicht spezifisch auf Tennis trainiert. Novak wurde im Ernährungsbereich sensibilisiert, ernährt sich seit Längerem glutenfrei. Bei größeren Turnieren hat er meistens sogar einen eigenen Koch mit.

Man wird ihn also niemals einen Burger essen sehen?

Das kann man ausschließen. Mittlerweile kann sich keiner der Topspieler mehr solche Laster leisten. Was in den letzten Jahren im physischen Bereich passiert ist, ist ein Wahnsinn. Das sind alles Maschinen. Jeder hat einen Sixpack, jeder das optimale Gewicht.

Wie erleben Sie Djoković im täglichen Training?

Novak ist wahrscheinlich der weltweit professionellste Sportler, wenn es darum geht, motiviert und konzentriert auf dem Trainingsplatz zu stehen. Aber natürlich gibt es auch bei ihm Unterschiede, wenngleich auf hohem Niveau. Nach seinem Turniersieg in Wimbledon etwa ist viel an Spannung abgefallen, er war nicht so motiviert, das ist nachvollziehbar. Nur: Mit ein bisschen weniger Motivation lässt sich nicht auf höchstem Niveau trainieren.

Sagt er also auch einmal ein Training ab, einfach der Laune wegen?

Ja, klar, das passiert immer wieder. Es macht ja keinen Sinn zu trainieren, wenn er mental oder physisch nicht ganz auf der Höhe ist. Manchmal sage ich ihm, er soll nach Hause gehen und sich ausschlafen, etwas Zeit in der Natur verbringen. Einfach etwas tun, was ihm Spaß macht. Und morgen sehen wir uns wieder.

Djoković gilt als großes Bewegungstalent. Bringt er die Anlagen mit, um auch in anderen Sportarten sehr gut, vielleicht sogar Weltklasse zu sein?

Das glaube ich schon, ja. Aber nicht nur seiner Gene wegen, auch aufgrund seiner mentalen Einstellung. Er besitzt die Fähigkeit, Dinge analytisch zu betrachten, herauszufiltern, in welchen Bereichen er sich verbessern kann. Um beim Tennis zu bleiben: Er ist kein geborener Aufschläger, kein Isner oder Karlović. Das war nie seine natürliche Stärke. Er hat viel an seinem Aufschlag gefeilscht, der beste Aufschläger ist er natürlich trotzdem nicht geworden. Umso mehr hat er in seinen Return investiert, getreu dem Motto: Wenn ich schon nicht der beste Aufschläger werden kann, dann muss ich der beste Returnspieler sein.

Spitzensportler versuchen sich gern in anderen Disziplinen. Welche Marathon-Zeit würden Sie ihm zutrauen?

Keine absolute Spitzenzeit, weil es einfach keine tennisspezifische Distanz ist. Aber wenn er mit Usain Bolt 100 Mal 20 Meter laufen würde, würde ich gern wissen, wer nach dem 100. Mal öfter gewinnt.

Beneiden Sie Djoković für sein Leben?

Überhaupt nicht. Nahezu jeder seiner Tage ist durchgeplant. Training, Matches, Sponsoren, Presse. Novak hat sehr, sehr wenig Freizeit. Und dann ist da noch sein Bekanntheitsgrad . . .

Kann er sich in Städten noch frei bewegen?

In seiner Heimat Monaco geht es ganz gut, dort ist er einer von vielen Prominenten, die Menschen respektieren seine Privatsphäre. In anderen Städten ist es sehr schwierig. Deshalb versuchen wir viel Zeit in der Natur zu verbringen, den Menschenmassen zu entkommen. In einem Kanu erkennt ihn niemand, laufen durch den New Yorker Central Park geht nur mit Kappe.

Leidet er unter diesem Verlust der Privatsphäre?

Nicht wirklich leiden, aber sehr viele Leute haben keinerlei Hemmungen. Da gibt es kein „Bitte“ für ein Foto, um welches während des Essens gefragt wird. Das ist schon anstrengend. Aber grundsätzlich kann er seine Popularität auch genießen. Wäre sie nicht da, er würde sie vermissen.

Kann Ihr Vorgesetzter auch laut werden?

Absolut. Wenn er selber nicht perfekt funktioniert oder etwas in seinem Umfeld nicht perfekt ist, dann wird er das. Novak ist ein extremer Perfektionist. Das muss man wahrscheinlich sein, um dort hinzukommen, wo er ist.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wenn ein Training arrangiert ist und der Trainingspartner noch nicht auf dem Platz steht, wenn er kommt, dann ist dies das Ärgste für ihn. Aber auch wenn bei ihm ein Muskeltonus mal nicht passt, kann er richtig angefressen sein. Dann ist eben nicht alles perfekt.

Und wie kritikfähig ist er?

Nicht sonderlich. Jemand mit seinem Status, mit einer solchen Popularität wird sehr selten kritisiert, auch nicht von seinen Leuten im Umfeld. Da verhält es sich ähnlich wie mit einem König. Aber wenn ich davon überzeugt bin, dass die Kritik wichtig ist, konfrontiere ich ihn damit jederzeit.

Djoković hat über 89 Millionen Dollar allein an Preisgeldern verdient, dazu kommen hoch dotierte Werbeverträge. Welche Rolle spielt Geld für ihn?

Für Topspieler wird Geld zunehmend sekundär. Erfolg verändert dein Umfeld, Novak hat mit vielen erfolgreichen Leuten aus allen möglichen Bereichen zu tun. Da wird Reichtum rasch relativ.

Welche Persönlichkeiten durften Sie in seinem Sog denn schon kennenlernen?

Extrem viele. In Wimbledon habe ich bei einem Barbecue Alex Ferguson (Ex-Fußballtrainer, Anm.) kennengelernt, mich zwei Stunden mit ihm über Trainingsformen unterhalten. Menschen mit Sportbezug sind für mich natürlich interessant. Mittlerweile kenne ich auch viele Fußballer, Zlatan Ibrahimović ist zum Beispiel ein Freund von Novak. Ein cooler Typ, aber ich brauche keine Selfies mit diesen Stars. Sie sind ja auch nur Menschen.

Geht das gemeinsame Abendessen immer auf Djoković?

Nein, er lässt sich auch einladen. Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis. Es wäre doch idiotisch, wenn immer er zahlen würde. Wir wechseln uns schon ab.

Das Turnier in Wien hat heuer den Aufstieg zu einem ATP 500 erlebt, das Verlangen nach absoluten Superstars ist noch größer geworden . . .

Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, aber ich würde Novak bei keinem Turnier der Welt zu einem Antreten überreden wollen. Es muss einfach Sinn machen, das ist alles.

Djoković spielt eine überragende Saison, einzig die French Open blieben bislang ein unerfüllter Wunsch. Wie lange beschäftigen ihn Niederlagen wie jene gegen Stan Wawrinka im Paris-Finale?

Sehr, sehr lange. Paris war heuer sein größtes Ziel, er wollte dort unbedingt gewinnen. Wahrscheinlich beschäftigt ihn dieses Thema das ganze Jahr. Das lässt sich nicht einfach so abschütteln.

Reden Sie mit ihm auch über Themen abseits des Tennis?

Immer wieder. Wir plaudern über Familie und Fußball. Er weiß, dass unser Fußball-Nationalteam viel besser ist als jenes der Serben. Solche Neuigkeiten muss ich ihm natürlich sofort erzählen (lacht). Der Schmäh rennt immer.

Was bewirkt das Coaching von Boris Becker?

An der früheren Zusammenarbeit zwischen Andy Murray und Ivan Lendl hat man gesehen, dass ein Ex-Spieler in einem bestimmten Bereich etwas auslösen kann. Speziell, wenn es darum geht, wie man sich auf die größten und wichtigsten Spiele vorbereitet, was es mental braucht. Lendl oder Becker haben das alles schon mitgemacht, sie kennen diese Situationen. Kein Psychologe hat diese Erfahrung, die Ex-Spieler mitbringen. Boris war und ist extrem wettbewerbsstark, die Gespräche mit ihm helfen Novak enorm weiter. Er kennt alle Spielchen, auf und abseits des Platzes.

Djoković scheint unantastbar. Sehen Sie jemanden, der ihn mittelfristig fordern kann?

Auf diesem Level spielen Kleinigkeiten eine große Rolle. Die Luft ist so dünn, es gibt dermaßen viele gute Spieler. Auch junge, und die werden kommen. Wenn er die nächsten Jahre annähernd so erfolgreich sein will wie zuletzt, müssen er und sein Umfeld zu 100 Prozent funktionieren. Das ist ein schmaler Grat.

Tennis-Österreich hofft auf die Fortsetzung des Aufstiegs von Dominic Thiem. Djoković hält, wie man hört, viel von ihm.

Deshalb trainieren wir auch sehr viel gemeinsam. Dominic ist immer voll motiviert, hat fantastische Schläge. Jedes Training mit ihm findet auf allerhöchstem Niveau statt.

Wohin führt Thiems Weg?

Alles ist möglich. Dominic hat sich heuer in der Weltspitze etabliert, ich sehe ein offenes Spielfeld. Was mir bei ihm imponiert, ist die Fähigkeit zu wissen, wo er steht und woran er noch zu arbeiten hat. Er hat den Willen und die Veranlagung für noch größere Aufgaben, aber für ein Halbfinale oder Finale bei einem Grand-Slam-Turnier muss einfach alles passen.

Djoković steht bei zehn Grand-Slam-Titeln, Roger Federer bei 17. Ist diese Zahl, ist dieser Rekord das ultimative Ziel?

17, das ist extrem viel, eigentlich unglaublich. Bei Federer spielt das Alter scheinbar keine Rolle, ihn darf man nie abschreiben. Natürlich will Novak seinen Rekord brechen. Ob es machbar ist? Ich weiß es nicht.

Eine gemeine Frage: Wer ist der beste Tennisspieler aller Zeiten?

Ich bin eine resultatorientierte Person. Federer hat die meisten Grand Slams gewonnen. Also ist er der beste Spieler der Welt.

Steckbrief

Gebhard Gritsch wurde am 21. 12. 1956 in Silz, Tirol, geboren. Seit 2009 ist er als Konditionstrainer von Novak Djoković tätig und 40 Wochen im Jahr mit dem Serben unterwegs.

Schon zuvor war Gritsch ein echter Weltenbummler. Er arbeitete etwa in Neuseeland, auf den Philippinen und in Indonesien. Ein Angebot des neuseeländischen Rugby-Nationalteams lehnte der Doktor der Sportwissenschaften einst ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2015)

Kommentar zu Artikel:

Gebhard Gritsch: "Novak ist ein extremer Perfektionist"

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen