Harter Aufschlag, grimmige Miene

Kevin Anderson wird für seine Spielweise keinen Schönheitspreis gewinnen, aus seinen Möglichkeiten macht der Aufschlagriese aber erstaunlich viel - reicht es für das Wimbledon-Finale?

Kevin Anderson holt aus: Dem Südafrikaner, 32, winkt heute der Einzug ins Finale von Wimbledon.
Kevin Anderson holt aus: Dem Südafrikaner, 32, winkt heute der Einzug ins Finale von Wimbledon.
Kevin Anderson holt aus: Dem Südafrikaner, 32, winkt heute der Einzug ins Finale von Wimbledon. – (c) APA/AFP/OLI SCARFF

London/Wien. Vielleicht hatte der Schein getrügt, vielleicht war doch alles ein bisschen zu einfach gegangen. Ohne Satzverlust war Roger Federer ins Viertelfinale von Wimbledon spaziert, auch gegen Kevin Anderson war der Schweizer mit 2:0-Sätzen in Führung gelegen, ehe sich Anderson aufbäumte und nach Abwehr eines Matchballs noch mit 11:9 im fünften Satz gewann. Damit greift nicht Federer nach seinem neunten Wimbledontitel, sondern Anderson nach seinem allerersten Finaleinzug an der Londoner Church Road.

Der Südafrikaner gehört zu jener Spezies, deren Spiel nicht sonderlich ansehnlich ist. Ein krachender Aufschlag, ein überschaubares Maß an Spielwitz – es gibt unterhaltsamere Typen auf der Tour. Im heutigen Halbfinale (ab 14 Uhr, live in Sky) bekommt es Anderson mit einem Artverwandten zu tun, auch der US-Amerikaner John Isner ist für seine Aufschläge gefürchtet. Alles andere als mindestens 50 Asse in diesem Spiel kämen einer mittleren Sensation gleich. Das zweite Halbfinale ist eher etwas für den gemeinen Genussfan. French-Open-Champion Rafael Nadal und der wiedererstarkte Novak Djoković treffen zum 52. Mal aufeinander, im Head-to-Head führt der Serbe mit 26:25-Siegen.

Der Mann der Stunde in Wimbledon ist aber zweifelsohne Anderson. Ein groß gewachsener, grimmig dreinschauender Typ, der auf dem Platz ziemlich kompromisslos zur Sache geht. Sein Ex-Coach Neville Godwin verbesserte nicht nur sein Spiel, sondern auch seine Körpersprache. Einen zu freundlichen Eindruck habe er, Anderson, auf dem Platz oftmals vermittelt, dabei ist Tennis mitunter auch ein wenig psychologische Kriegsführung.

Deshalb ist selbst der netteste und schüchternste Tennisprofi gut beraten, auf dem Platz gelegentlich Emotionen zu zeigen und die Faust zu ballen, um Präsenz und Stärke zu demonstrieren. Anderson hat diesen Zugang mittlerweile verinnerlicht, gegen Federer stimmte die Körpersprache selbst in der schier aussichtslosen Situation des 0:2-Satzrückstands.

Verglichen mit dem nur fünf Zentimeter größeren Isner bewegt sich der 2,03 Meter große Anderson nahezu graziös. Seine erstaunlich gute Koordination ist mit Sicherheit auch der Tatsache geschuldet, dass Anderson in der Leichtathletik verwurzelt ist. An der Highschool lief er 800-Meter-Rennen, eine professionelle Tenniskarriere hielt er lange Zeit nicht für realisierbar. Erst 21-jährig wagte er als erfolgreicher Spieler an der University of Illinois das Abenteuer, drei Jahre später hatte er sich in den Top 100 festgesetzt. Abseits des Platzes setzt sich Anderson für Umweltschutz ein. Eine auf Netflix gesehene Dokumentation über den Plastikmüll in den Ozeanen habe ihm die Augen geöffnet, erzählte der 32-Jährige, der auch seine Position als Vizepräsident des ATP-Spielerrats nutzen möchte, um Turniere und Kollegen dazu zu veranlassen, weniger Plastikflaschen zu verwenden.

Zu seinem Geburtsland, Südafrika, hat der in Florida lebende und mit einer US-Amerikanerin verheiratete Anderson nur noch bedingt Bezug. Seit geraumer Zeit bemüht er sich um den Erhalt der US-Staatsbürgerschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2018)

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