Das Tennistabu feiert ein Comeback

Vor 30 Jahren wurde in Paris der wohl berühmteste „Underarm Serve“ geschlagen. Heuer erfreut sich der umstrittene Aufschlag immer größerer Beliebtheit. Nicht allen gefällt das.

Nick Kyrgios machte den „Underarm Serve“ wieder salonfähig.
Nick Kyrgios machte den „Underarm Serve“ wieder salonfähig.
Nick Kyrgios machte den „Underarm Serve“ wieder salonfähig. – imago images / ZUMA Press

Paris/Wien. Was sie in Roland Garros für gewöhnlich davon halten, musste Martina Hingis einst am eigenen Leib erfahren. Die damals 18-jährige Schweizerin wurde 1999 gnadenlos ausgepfiffen, weil sie bei ihrer Finalniederlage gegen Steffi Graf zwei „Underarm Serves“, also überraschende und kurz gespielte Aufschläge von unten, eingestreut hatte.

Diese Finte galt längst als verpönt. Obwohl zehn Jahre zuvor ebenfalls ein Teenager in Paris den wohl berühmtesten Aufschlag von unten der Tennisgeschichte geschlagen hatte: Der 17-jährige Michael Chang stand im fünften Satz des Achtelfinales Ivan Lendl, damals Nummer eins der Welt, gegenüber. Bei 4:3, 15:30 servierte Chang plötzlich von unten, überrumpelte Lendl damit und gewann Punkt, Game und Partie.

30 Jahre später erlebt der Underarm Serve ein Revival auf der Tour. Allen voran der Australier Nick Kyrgios, dessen erste Aufschläge sonst gern über 220 km/h erreichen, schickt sich an, diesen Kunstgriff salonfähig zu machen. Seine Ausbeute kann sich sehen lassen. Gegen den völlig verwirrten Dušan Lajović etwa gewann er in Miami bei zwei Versuchen zwei Mal den Punkt, darunter ein Ass.

 

Thiem wird ausgetrickst

Nicht nur Kyrgios hat heuer zum unorthodoxen Aufschlag gegriffen. Pierre-Hugues Herbert versuchte es in Monte Carlo gegen Borna Ćorić, Robin Haase machte in Budapest ebenfalls gegen Ćorić so zweimal den Punkt. Kyrgios ist der Konkurrenz aber stets einen Schritt voraus: In Madrid täuschte er einen Underarm Serve nur an, um einen krachenden Service Winner folgen zu lassen. Und in Rom servierte er gegen Daniil Medwedew gleich beim allerersten Punkt von unten – mit Erfolg.

Bei den French Open kam nun auch Dominic Thiem als Rückschläger in den Genuss. Sein Zweitrundengegner Alexander Bublik schlug dreimal von unten auf, gewann dabei zwei Mal den Punkt (Thiem siegte 6:3, 6:7, 6:3, 7:5). Auch sein heutiger Gegner, Pablo Cuevas, beherrscht diese Variante – allerdings nur als Notlösung: 2017 servierte er im Finale von São Paulo von unten und wehrte so einen Matchball ab. Zuvor hatte sich Cuevas 13 Doppelfehler geleistet. Am Ende gewann er das Turnier.

Thiem, der wie Rafael Nadal mit seiner defensiven Return-Position anfällig für kurz gespielte Aufschläge ist, kann der Variante etwas abgewinnen. „Um ehrlich zu sein, ist es eine gute Wahl gegen Spieler wie uns, die weit hinter der Grundlinie stehen. Es gibt nichts Schlimmes daran“, meinte er nach seinem Sieg über Bublik.

Nadal hätte das wohl anders gesehen. Im Februar unterlag er Kyrgios in Acapulco, der Australier hatte auch seinen Underarm Serve eingestreut. Nadal war erbost, der Handschlag fiel unterkühlt aus, danach unterstellte er seinem Gegner mangelnden Respekt. Seither beschäftigt die Tenniswelt eine Debatte: Ist der Aufschlag von unten hinterhältig und Ausdruck mangelnder Sportlichkeit, wie die Puristen meinen? Oder ist er schlichtweg ein zulässiges taktisches Mittel? Schließlich ist es im Tennis Ziel eines jeden Schlages, den Gegner aus seiner Komfortzone zu locken. Warum also sollte das beim Aufschlag anders sein?

 

Federers Sicht der Dinge

Roger Federer sieht die Sache relativ emotionslos. „Man sollte sich nicht schämen, wenn man es versucht“, meinte der Schweizer. Nachsatz: „Nur sieht es blöd aus, wenn es nicht gelingt.“

Beim 17-jährigen Michael Chang waren es 1989 die Krämpfe, die den US-Amerikaner zu dieser Variante verleiteten. Am Ende besiegte er nicht nur Lendl, sondern gewann auch die French Open – als jüngster Grand-Slam-Champion der Geschichte. Danach schlug Chang nie wieder von unten auf. Lendl war ihm nie böse, im Gegenteil. Der gebürtige Tscheche lupfte selbst den Aufschlag hin und wieder von unten ins Feld.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2019)

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