Auf dem Centre Court regiert die Stille

Siegen, ohne zu hören: Als erster Gehörloser überhaupt hat der 21-jährige Südkoreaner Lee Duck-hee eine Partie auf der ATP-Tour gewonnen.

Einzigartiges Gespür: Tennisprofi Lee Duck-hee.
Einzigartiges Gespür: Tennisprofi Lee Duck-hee.
Einzigartiges Gespür: Tennisprofi Lee Duck-hee. – (c) REUTERS (Edgar Su)

Winston-Salem. Wie gut kann man Tennis spielen, ohne dabei das geringste Geräusch zu hören? Ein Hobbyspieler würde auch mit Kopfhörern den ein oder anderen Ball treffen. Was aber, wenn es darum geht, 200 km/h schnelle Aufschläge zu retournieren, Topspin-Bälle eines Profis zu vollieren oder aus vollem Lauf einen Passierball zu schlagen?

Der Südkoreaner Lee Duck-hee vollführt dieses Kunststück Woche für Woche, er spielte sich auf Platz 130 der Weltrangliste vor und ging schon gegen Top-100-Profis als Sieger vom Platz. Nun gelang dem 21-Jährigen ein Meilenstein: Als erster Gehörloser gewann Lee ein Match in einem Hauptbewerb eines ATP-Turniers. In Winston-Salem besiegte er den Schweizer Henri Laaksonen (ATP 120) 7:6 (4), 6:1. Den Jubel danach hörte er nicht, Lee ist seit seiner Geburt gehörlos.

Dass er es auf der erbarmungslosen Männertour dennoch zum Profi geschafft hat, ist eine Sensation. Der Schlagklang allein verrät geübten Spielern so gut wie alles über den Ball, der auf sie zukommen wird, vom Spin über das Tempo bis hin zur Flugrichtung. Das Gehör ist nicht nur für das eigene Timing unerlässlich, es dient auch als Gleichgewichtsorgan, ist also in einer der koordinativ anspruchsvollsten Sportarten eigentlich unverzichtbar. Hinzu kommt, dass Matches auf diesem Niveau von Kleinigkeiten entschieden werden. Fazit: Lee ist praktisch in jeder Situation im Nachteil.

Aber nicht nur in den Ballwechseln gibt es Hindernisse. Lee kann weder den Schiedsrichter noch die Linienrichter hören. Nicht selten spielt er bei knappen Outbällen einfach weiter oder steht ahnungslos auf dem Platz, weil er nicht mitbekommen hat, dass der Schiedsrichter einen Linienrichter korrigiert hat. Den Spielstand hat er immer im Kopf, erst bei größeren Turnieren helfen Anzeigetafeln. Spielen diese aber verrückt, wie auch gegen Laaksonen bei 5:1 im zweiten Satz, kommt es zu merkwürdigen Situationen. Als er sich als Teenager noch auf der Future-Tour nach oben spielte, wurde Lee mitunter von Zuschauern verspottet, die gar nicht wussten, dass er gehörlos ist.

Aktuell liegt Lee auf Platz 212 der Welt und ist eine Fixgröße auf der Challenger-Tour. Sein erklärtes Ziel ist es, der Beste der Welt zu werden. „Tennis ist meine beste Möglichkeit, in der normalen Welt zu bestehen“, erklärte er im Tennis Channel. Seine Schläge sind solide, der Aufschlag ist bei seinen 1,75 m eine Schwachstelle, Return und Beinarbeit sind dafür umso besser. Lees größte Waffe aber ist die mentale Stärke. Wer so viele schwierige Situationen gemeistert hat, verliert auch auf dem Tennisplatz nicht die Ruhe. „Weil ich nichts höre, kann ich mich komplett auf das Match konzentrieren. Ich werde nicht so leicht abgelenkt wie andere Spieler“, sagt der Profi aus Jecheon. Außerdem hat Lee die Bewegungen seiner Gegner wohl besser im Blick als jeder andere. „Ich kann den Ball nicht hören, aber dafür spüre ich ihn“, sagte er der „New York Times“.

Gecoacht wird Lee von seinem Cousin, der zugleich der Grund dafür ist, dass er als Siebenjähriger begonnen hat, Tennis zu spielen. Bei Interviews – Lee verwendet keine Gebärdensprache, sondern liest Lippen – hilft seine Verlobte. So fanden in Winston-Salem auch folgende Worte des 21-Jährigen in die Welt: „Ich wollte allen beweisen, dass ich es schaffen kann.“ (joe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2019)

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