Streif-Abfahrt: "Teufelskerl" Defago schlägt Österreicher

Der Schweizer gewinnt mit einer Fahrt am absoluten Limit den Ski-Klassiker vor den ÖSV-Läufern Michael Walchhofer und Klaus Kröll. Österreich leistet mit einem guten Ergebnis Wiedergutmachung für Wengen.

Didier Defago
Didier Defago
(c) AP (GIOVANNI AULETTA)

Die Abfahrt auf der Streif ist gemeinhin als Mutprobe bekannt. Auch am Samstag siegte bei der ersten Hahnenkamm-Abfahrt vom Originalstart seit 2004 vor über 40.000 Zuschauern der Läufer mit dem größtem Maß an Selbstvertrauen und Risikofreude: Der Schweizer Didier Defago überraschte mit einer so direkten Linie, wie sie vor ihm noch die wenigsten gewagt haben. Der Lohn für die Fahrt am Limit: Bestzeit mit 1:56,09 Minuten. Der 31-Jährige durfte damit in Kitzbühel seinen dritten Weltcup-Sieg feiern. Vor genau einer Woche gewann Defago auch die Abfahrt in Wengen und ist nun einer der heißesten Kandidaten für WM-Gold in Val d'Isere.

Ganz freiwillig war der Husarenritt des Schweizers allerdings nicht. Defago "versprang" sich an der Hausbergkante, machte aber aus der Not eine Tugend und zog die direkte und enge Linie perfekt durch wie zuletzt Stephan Eberharter bei dessen "Traumfahrt" vor vier Jahren. Im Ziel strahlte der 31-Jährige über seinen dritten Weltcupsieg fast noch mehr als über seinen Wengen-Triumph eine Woche davor. Das lag auch am 70.000 Euro-Scheck, womit er gleich dreimal so viel kassierte wie in Wengen. "Das ist einfach sensationell. Die ganze Woche war ein Wahnsinn. Ich genieße es, denn hier zu gewinnen, war immer ein Traum von mir", sagte der Sieger.

Defago sieht sich nicht als WM-Favorit

Der Schweizer gestand, zwar an die "Eberharter-Linie" gedacht zu haben, die direkte Linie nach dem Sprung sei ihm aber wider Willen passiert. "Ich wollte Druck wegnehmen und fand mich plötzlich ganz wo anders wieder, ich war total verwirrt." Wenn man nicht in Form sei, könne so etwas auch schlecht ausgehen. "Aber Wengen hat mir Kraft gegeben", gestand Defago. Als WM-Favorit sieht er sich jetzt dennoch nicht. "Ich muss erst mal zwei Wochen diese Form behalten. Außerdem ist die Strecke dort ganz anders."

ÖSV-Team schafft Wiedergutmachung für Wengen

Leidtragende des Defagoschen "Teufelsritts" waren die Österreicher, die im Gegensatz zum Debakel von Wengen diesmal aber mit erhobenem Haupt von der Piste gehen konnten. Michael Walchhofer wurde mit 0,17 Sekunden Rückstand Zweiter, Klaus Kröll, der Super-G-Sieger von gestern, belegte Platz drei (Rückstand 0,29 Hunderstel). Hermann Maier unterstrich mit Rang zehn ein gutes Abfahrtsergebnis für das ÖSV-Team.

Walchhofer zunächst sauer

Walchhofer war nach dem Abschwingen kurz sauer: "Ich war voll auf Sieg programmiert. Als der Zweier aufleuchtete, war ich gar nicht zufrieden", gestand der Salzburger. "Am Hausberg hat die letzte Konsequenz gefehlt, da wäre es drin gewesen", meinte der Salzburger und lobte Defago. "Didier ist dort sensationell gefahren. Er hat eine risikoreiche Linie genommen."

Kröll mit zu wenig Risiko

Auch Kröll musste eingestehen, einen Tag nach seinem Premierensieg zu wenig Risiko genommen zu haben. "Ich bin schon den Steilhang nicht wirklich souverän gefahren und habe unten nicht ganz so viel riskiert wie Defago. Seine war heute eindeutig die schnellere Linie. So wie er fuhr, hat er viel mehr Tempo in den Zielschuss mitgenommen", sagte der Steirer, der zu seinen 50.000 Euro im Super-G weitere 16.000 Euro Preisgeld kassierte.

Walchhofer ist dennoch überzeugt, dass Kröll wie Defago nun der berühmte "Knopf" aufgegangen ist. "Die beiden werden sicher noch ein Wörtchen mitreden in dieser Saison", ist sich der im Abfahrtsweltcup weiterhin vor Defago führende Salzburger sicher.

Raich mit beherzter Fahrt

Benjamin Raich sorgte mit Startnummer 32 für eine Überraschung: Er schaffte mit einem beherzten Lauf Platz zwölf, beim Zielsprung war der Technikspezialist mit über 140 km/h sogar schneller als die meisten "Abfahrer". "Jetzt muss ich am Sonntag einen guten Slalom machen. Aber Miller ist sechs Zehntel voraus", erklärte Raich vor dem abschließenden Kampf um den Hahnenkamm-Titel des Kombi-Siegers.

Romed Baumann, der sich mit Startnummer eins als erster die Streif hinunterstürzte, verpasste als Achtzehnter knapp die Top-15.

Nach einem Sturz des Amerikaners T.J. Lanning (Startnummer 3) musste das Rennen längere Zeit unterbrochen werden. Lanning war nach dem Sprung in die Traverse von der Strecke abgekommen. Er wurde mit Verdacht auf Kreuzbandriss ins Krankenhaus geflogen.

Herren Abfahrt in Kitzbühel, Endstand

1. Didier Defago SUI 1:56,09 Min.
2. Michael Walchhofer AUT 1:56,26 +0,17 Sek.
3. Klaus Kröll AUT 1:56,38 +0,29
4. Bode Miller USA 1:56,59 +0,50
. Didier Cuche SUI 1:56,59 +0,50
6. Christof Innerhofer ITA 1:56,61 +0,52
7. Andrej Jerman SLO 1:56,81 +0,72
8. Stefan Thanei ITA 1:56,85 +0,76
9. David Poisson FRA 1:56,99 +0,90
10. Hermann Maier AUT 1:57,12 +1,03

11. Erik Fisher USA 1:57,16 +1,07
12. Benjamin Raich AUT 1:57,21 +1,12
. Marco Büchel LIE 1:57,21 +1,12
14. Ambrosi Hoffmann SUI 1:57,26 +1,17
15. Erik Guay CAN 1:57,33 +1,24
16. Silvan Zurbriggen SUI 1:57,63 +1,54
17. Patrik Järbyn SWE 1:57,66 +1,57
18. Romed Baumann AUT 1:57,75 +1,66
19. Aksel Lund Svindal NOR 1:57,80 +1,71
20. Carlo Janka SUI 1:57,82 +1,73

21. John Kucera CAN 1:57,83 +1,74
22. Andrew Weibrecht USA 1:57,87 +1,78
23. Natko Zrncic-Dim CRO 1:57,93 +1,84
24. Marco Sullivan USA 1:57,96 +1,87
25. Andrej Sporn SLO 1:57,97 +1,88
26. Manuel Osborne-Paradis CAN 1:58,18 +2,09
27. Patrick Staudacher ITA 1:58,44 +2,35
28. Stephan Keppler GER 1:58,51 +2,42
29. Ivica Kostelic CRO 1:58,59 +2,50
30. Tobias Grünenfelder SUI 1:58,81 +2,72

Weiter:

31. Georg Streitberger AUT 1:58,83 +2,74
35. Peter Struger AUT 1:59,16 +3,07
39. Joachim Puchner AUT 1:59,46 +3,37

Ausgeschieden u.a.: Christoph Alster (AUT), Christoph Gruber (AUT), Thomas Lanning (USA), Werner Heel (ITA)

(APA/Red.)

Kommentar zu Artikel:

Streif-Abfahrt: "Teufelskerl" Defago schlägt Österreicher

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen