Vierschanzentournee: Gegen den Abwärtstrend

ÖSV-Adler versuchen, ihren Sturzflug in Innsbruck mit neuen Anzügen zu stoppen. Kulm-Chef Hubert Neuper versteht die Kritik, wundert sich aber über „Zwischenrufer“.

Hubert Neuper.
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Hubert Neuper. – (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Hans Oberlaender)

Innsbruck/Wien. Skispringen ist eine extrem filigrane Sportart. Nuancen genügen, um zuvor stabil anmutende Systeme durcheinanderzuwirbeln. Dann passt nichts mehr, stimmen Koordination, Ablauf und Gefühl nicht mehr überein, auch das nötige Selbstvertrauen springt ab. Zurück bleibt ein Athlet bzw. ein beinahe komplettes Team, das nach Antworten sucht, um jeden Zentimeter ringt und neben seinem Trainer fast verloren wirkt.

Auch vor dem Bergiselspringen im Rahmen der 66. Vierschanzentournee (heute ab 14 Uhr live in ORF eins, sofern es der angekündigte Wind zulässt) blieb der Sturzflug der ÖSV-Adler Gesprächsthema. Die Ursachenforschung wurde zur Chefsache erklärt, Ernst Vettori und Trainer Heinz Kuttin beraten und informieren das aufgeschreckte Präsidium. Schließlich war man jahrelang erfolgsverwöhnt, und der plötzliche Strömungsabriss irritiert nicht nur die Fans, ganz besonders in einer Olympiasaison.

Entgegen allen Beteuerungen, dass im Materialbereich nichts verschlafen worden sei, kommen in Innsbruck neue Anzüge und ein neuer Skischliff zum Einsatz – offiziell aus „psychologischen Motiven“. . . In der Qualifikation aber patzte nur einer, elf ÖSV-Adler (inklusive nationalen Kontingents) sind für das Bergiselspringen qualifiziert. Und Stefan Kraft? Er wurde mit 127 Metern Fünfter – es geht weiter. Damit herrschte für wenige Stunden vorerst Ruhe.

 

„Nicht alles sofort verteufeln!“

„Was soll das Theater? Es gibt eine enge Dichte, unsere Burschen haben es drauf. Und wenn einer wie Stefan Kraft den Finaleinzug verpasst, weil ein sehr guter Sprung zu wenig war, darf man nicht alles verteufeln!“ Hubert Neuper, einst selbst Skispringer, zweifacher Tourneesieger und nun als Kulm-Veranstalter um positive Schlagzeilen bemüht, ist verwundert. „Hupo“, 57, stößt die „harte, mitunter jedoch gerechte Kritik“ an den ÖSV-Adlern auf. Man könne doch nicht immer nur Erfolg haben, dürfe im Tief aber nicht den Kopf hängen lassen. Neuper fordert: „Sie sollen ihre breite Adlerbrust zeigen.“

Skispringen sei kein Wunschkonzert, sagt Neuper, der weiß, wie viel „Sportler wirklich aushalten“ und was sie alles dafür unternehmen würden, um zu gewinnen. Diese Handlungen infrage zu stellen sei kühn, doch Kritik decke das wahre Potenzial dessen auf, was möglich sei. Nur, man dürfe „niemanden dabei so an den Pranger stellen“, schon gar nicht dann, wenn man „aus der gleichen Zunft kommt. Dass da einer (Anm. Extrainer Alexander Pointner) so derart draufhaut, finde ich wirklich nicht richtig.“

Sein Sport habe sich verändert, in der Gegenwart spielen Locker- und Sicherheit wohl eine tragendere Rolle, das psychologische Moment sei keineswegs zu unterschätzen, sagt Neuper. Dass gegen Athleten wie Kamil Stoch, die ihre Vormachtstellung derart souverän ausspielen und absichern können, im Auslauf kaum ein Kraut gewachsen sei, wollte Neuper nicht noch gesondert betonen. Am eigenen Auftritt, dem aufrechten Gang mit erhobenem Kopf, dürfe es aber selbst in der tiefsten Krise keinen Makel geben. Sich zu verstecken wäre der falsche Weg.

 

Natürlich, ein Spektakel

Neuper glaubt, dass die ÖSV-Adler auf dem Bergisel, in Bischofshofen, spätestens aber auf dem Kulm wieder an Weite gewinnen werden. In Bad Mitterndorf sei die Schanze bereit, wurden 8000Tickets im Vorverkauf abgesetzt, Neuper verspricht „ein Spektakel“. Sein Credo gelte auch für Sportler: „Wer gut gearbeitet hat, zeigt es irgendwann. Ohne Wenn und Aber.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2018)

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