Zu Besuch bei Südkoreas Eisheiligen

Nicht bei allen Bewerben dieser Winterspiele herrscht frostige Stimmung. Shorttrack, Südkoreas Nationalsport, lässt bis zu 12.000 Fans beinahe hyperventilieren. Ein Lokalaugenschein.

Shorttrack ist ein Spektakel auf Eis und der Publikumsmagnet in Pyeongchang.
Shorttrack ist ein Spektakel auf Eis und der Publikumsmagnet in Pyeongchang.
Shorttrack ist ein Spektakel auf Eis und der Publikumsmagnet in Pyeongchang. – (c) REUTERS (LUCY NICHOLSON)

Ski alpin, Skispringen, Biathlon, Langlaufen – es gibt etliche Sportarten, mit denen der Südkoreaner bei den ersten Olympischen Winterspielen in der Heimat wenig bis gar nichts anzufangen weiß. Die Kulisse bei Marcel Hirschers Slalom zu Kombinationsgold war trist, doch Pyeongchang 2018 hat auch ein anderes, zweites Gesicht. In der Gangneung Ice Arena werden die meisten Zuschauer den Namen Hirscher noch nie gehört haben, der beste Skifahrer der Welt dürfte ihnen auch ziemlich egal sein. Dieses Publikum hat ganz andere Interessen.

Olympia: Eisern oder Eiskalt

Dienstagabend findet in besagter Arena der 500-Meter-Bewerb der Damen im Shorttrack statt, und Shorttrack ist in Südkorea eine ziemlich große Nummer. Die Wintersportart Nummer eins der Gastgeber bewegt Massen, die Besten des Landes sind echte Superstars, sie genießen einen ähnlichen Status wie Hirscher in Österreich. Die Begeisterungsfähigkeit für das Rundenrennen auf Eis hat natürlich ihre Gründe. Asiaten dominieren im Shorttrack, aber keine Nation ist erfolgreicher als Südkorea.

 

Medaillenlieferanten

Von 50 möglichen Goldmedaillen seit der Aufnahme in das olympische Wettkampfprogramm durch das IOC in Albertville 1992 wanderten stolze 22 nach Südkorea, also beinahe jede zweite. In keiner anderen der 15 olympischen Wintersportarten führt Südkorea den Medaillenspiegel an. Übertroffen werden die Shorttracker nur von den Bogenschützen im Sommer, sie holten schon 23 Mal Gold. Ein Rekord, den die südkoreanischen Shorttracker verbessern wollen.

In Gangneung, dort, wo die Shorttrack-Bewerbe während dieser Winterspiele ausgetragen werden, haben die Südkoreaner nicht weniger als acht Medaillen in acht Bewerben als Ziel ausgegeben. Allein dieses Vorhaben zeigt den Stellenwert des Sports.

12.000 Menschen fasst die Gangneung Ice Arena, und auch Dienstagabend ist sie wieder bestens besucht, es gibt nur wenige freie Plätze. Bevor die Viertelfinals starten, versucht sich DJ Bagagee Viphex13 als Einheizer. Der Herr ist ein koreanischer Produzent und Techno Power DJ, so nennt man das heutzutage. Auf der Facebook-Fanseite des Herrn haben immerhin 10.727 User auf „Gefällt mir“ geklickt, es dürfte sich also um keinen Superstar handeln, nicht einmal für südkoreanische Verhältnisse.

DJ Bagagee Viphex13 aus Seoul gibt sich wirklich Mühe, die Stimmung vermag er aber nicht entscheidend zu verbessern. Noch sind die zu einem großen Teil südkoreanischen Besucher mucksmäuschenstill, dabei soll es bei den Shorttrack-Bewerben doch angeblich richtig laut werden. Ein Irrtum? Von wegen.

 

Zuerst Jubel, dann Schockstarre

Als im letzten Viertelfinale endlich Lokalmatadorin Choi Minjeong aufgerufen wird, ertönt kollektives Geschrei. „Choi Minjeong, Choi Minjeong.“ Die Fans skandieren den Namen der 19-Jährigen, immer und immer wieder. Die junge Dame ist in der Szene keine Unbekannte. Sie ist immerhin siebenfache Weltmeisterin, außerdem die Nummer eins der Weltrangliste. Für Pyeongchang ist der Auftrag klar: Gold, nicht weniger.

Die Mission der Choi Minjeong scheint allerdings schon im Viertelfinale arg gefährdet, sie liegt unter vier Läuferinnen bis zur letzten Kurve nicht unter den Top zwei, die ins Halbfinale aufsteigen. Mit einem finalen Kraftakt aber erzwingt die Teenagerin ein Fotofinish – und tatsächlich, als Zweite steigt sie doch noch auf. Erleichterung bei Choi, unbändiger Jubel in der Arena. Das Halbfinale stellt für Choi kein Problem dar, und als vor dem Endlauf der koreanische Charthit „Gangnam Style“ durch die Boxen dröhnt, hellt sich sogar die ernste Miene von DJ Bagagee Viphex13 auf.

Der Abend hätte so schön enden können, doch als Choi, eigentlich zu Silber flitzend, wegen Behinderung einer Konkurrentin disqualifiziert wird, ist die südkoreanische Welt urplötzlich ganz und gar nicht mehr in Ordnung. Dass Marcel Hirscher wenig später im Österreich-Haus für Gold bejubelt wird, ist für die hier Anwesenden keinerlei Trost.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2018)

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