Die Südkoreanerin aus dem Erzgebirge

Südkorea begab sich vor Beginn der Spiele kurzerhand auf Athleteneinkaufstour ins Ausland. Wie eine deutsche Rodlerin nach Pyeongchang kam – und als Lim Il Wi sesshaft wurde.

Aileen Frisch, die jetzt auch Lim Il Wi („Die Erstplatzierte“) heißt.
Aileen Frisch, die jetzt auch Lim Il Wi („Die Erstplatzierte“) heißt.
Aileen Frisch, die jetzt auch Lim Il Wi („Die Erstplatzierte“) heißt. – (c) APA/AFP/MARK RALSTON (MARK RALSTON)

Als Pyeongchang im Juli 2011 beim IOC-Kongress in Durban im dritten Anlauf den Zuschlag für die Winterspiele bekam, herrschte da zuerst nur pure Freude. Weil Südkorea aber außerhalb von Eisschnelllaufhallen keinerlei ernsthafte Wintersporttradition vorweisen kann, machte sich relativ bald doch ein wenig Panik breit. Also begann man mit der Suche nach talentierten Ausländern, die sich auf Pisten, Loipen oder im Eiskanal heimischer als die Einheimischen fühlen. Die Politik öffnete alle Türen, Seoul änderte seine bis dahin sehr restriktiven Einwanderungsgesetze.

Bis 2011 war es durchaus kompliziert, die südkoreanische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Einen Pass bekam nur, wer mindestens fünf Jahre ohne Unterbrechung im Land lebte, die Sprache fließend sprach. Für einbürgerungswillige Sportler eine gewaltige Erschwernis, immerhin drängte die Zeit bis zur Eröffnung der Winterspiele im Februar 2018. Seit 2011 heißt es per Gesetz also: Wer eine „außergewöhnliche Fähigkeit“ besitzt und „einen Beitrag zum nationalen Interesse“ leistet, kann die Staatsangehörigkeit erhalten, ohne seine alte abzugeben. Auch eine koreanische Urgroßmutter, also koreanische Wurzeln, sind nicht vonnöten. Einzig ein kleiner Test muss bestanden werden: Fragen zu Kultur und Geschichte gilt es zu beantworten – und, die wohl größere Hürde, die Hymne muss gesungen werden.

 

Aus Frau Frisch wird Lim Il Wi

Also begab sich Südkorea auf Shoppingtour, erkundigte sich allerorts, fragte nach, blieb hartnäckig. Ganz bestimmt hagelte es etliche Absagen, aber immerhin 19 ausländische Athleten wurden kurzerhand zu Südkoreanern. Die neuen Lokalmatadore in Langlauf, Biathlon, Rodeln, Eishockey und Eiskunstlauf kommen aus den USA, Kanada, Norwegen, Russland und Deutschland.

Der Olympia-Gastgeber hat mit dieser Sportpolitik natürlich kein Neuland betreten, es ist längst eine tief verwurzelte Form der Entwicklungshilfe. Nur ein Beispiel: Weil Katar über keinen einzigen Handballer auf Weltklasseniveau verfügte, wurde für die Heimweltmeisterschaft 2015 praktisch die gesamte Mannschaft eingekauft. Und auch für die Fußball-WM 2022 werden sich die Kataris im Ausland bedienen, so viel ist gewiss. Bei zig Leichtathleten haben sie es schon getan.

Doch welche Sportler konnte Südkorea davon überzeugen, in Pyeongchang unter neuer Flagge zu starten? Es sind keine Athleten allerhöchster Güte, Südkorea aber bot nebst gutem Geld die einmalige Gelegenheit, sich den Traum von Olympia zu erfüllen. Die Geschichte der Rodlerin Aileen Frisch, die jetzt auch Lim Il Wi („Die Erstplatzierte“) heißt, ist eine ganz besondere. Frisch hatte ihre Karriere 2015 wegen Perspektivlosigkeit schon beendet, die nationale Konkurrenz in der Rodelnation Deutschland wurde der Juniorenweltmeisterin von 2013 irgendwann zu stark. Doch dann erreichte sie ein Anruf aus Südkorea.

 

Neuer Nationalstolz

Mit der ersten Anfrage blitzte Steffen Sartor, deutscher Cheftrainer der Asiaten, noch ab. Beim zweiten Versuch sah Frau Frisch die fünf Ringe schon deutlicher vor ihrem geistigen Auge – und sagte zu. Allein auf die Chance, unverhofft doch noch einen olympischen Eiskanal hinunterzurasen, wollte die 25-Jährige ihre Entscheidung aber nie reduziert wissen. „Ich habe das Angebot angenommen, weil mir das Rodeln gefehlt hat“, beteuerte die Südkoreanerin aus dem Erzgebirge, die sich für diesen Schritt in Deutschland mit Kritik konfrontiert sah. Demnach sei ihr Karriereende kalkuliert gewesen, um 2018 für Südkorea starten zu können. Frisch konterte: „Das ergibt keinen Sinn. Dann hätte ich während der eineinhalb Jahre besser weitertrainiert. Diese Aussagen haben an meiner Ehre gekratzt.“

Im Dezember 2016 hatte Frisch schließlich den Einbürgerungstest bestanden, die Hymne sang sie weitestgehend unfallfrei und sagte später: „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen.“ Mittlerweile fühlt sich Frisch bzw. Lim auch mit ihrer zweiten Heimat verbunden: „Wenn ich in Nachrichten sehe, dass andere Koreaner erfolgreich waren, freue ich mich. So wie das früher bei den Deutschen war. Da ist schon ein bisschen Stolz dabei.“

Stolz war sie auch, als sie auf Platz acht gerodelt war und auf den Tribünen im Sliding Center ein paar koreanische Fähnchen wehen sah. Dass alle drei deutschen Damen vor ihr zu finden landeten, war ihr an diesem Abend herzlich egal, sie war beste Südkoreanerin. Wer denkt, dass Frisch mit dem Ende der Spiele die Flucht nach Europa ergreift, den belehrt sie eines Besseren. Sie bleibt. Ob sie weiter rodelt oder nicht, ist offen, jedenfalls möchte sie ein Studium beginnen. Und ihr Koreanisch verbessern. Koreanerinnen müssen doch Koreanisch sprechen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2018)

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