Es reißt keine Lücke, es entsteht ein Krater beim ÖSV

Das alpine Leben nach Marcel Hirschers Abschied könnte für Österreich und den Skiverband (ÖSV) schmerzhaft werden, nicht nur, weil „Nachahmungstäter“ ausgeschlossen sind. Wer gewinnt jetzt die Rennen?

++ ARCHIVBILD ++ SKI ALPIN: MARCEL HIRSCHER
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Marcel Hirscher (Archivbild) – APA/HANS KLAUS TECHT

Wann immer in den vergangenen Jahren Erfolgsdruck, Reisestress, öffentliche Aufmerksamkeit oder die geradezu manische Suche nach dem richtigen Set-up überhandnahmen, packte einer aus Marcel Hirschers engstem Kreis die Durchhalteparole aus: „Durchbeißen, 2019 ist eh Schluss.“ Es war ein Masterplan, der zwischendurch schon fast ad acta gelegt worden wäre. Eine Prophezeiung, die sich jedoch schließlich erfüllte, weil Hirschers Körper aufzubegehren begann, weil eine Bandscheibe als Spielverderberin hervortat und das eine oder andere Organ nicht ganz so reibungslos funktionierte, wie es sollte.

Nun, da der zweifache Olympiasieger, fünffache Weltmeister, achtfache Gesamt- und zwölffache Disziplinen-Weltcupsieger Geschichte ist, rückt die lang verdrängte Frage in den Mittelpunkt: Was kommt nach Hirscher? Und: Was hinterlässt er?

(c) Die Presse

Aus Sicht des österreichischen Skiverbandes liegt die Antwort auf der Hand: Es klafft keine Lücke, sondern ein Krater. Das offenbart jedes Zahlenspiel, das darauf fußt, Hirscher aus den Ergebnislisten der vergangenen acht Jahre zu streichen – und damit alle Konkurrenten nachrücken zu lassen.

Den Nationencup etwa hätten Österreichs Skiherren seit vier Jahren nicht mehr gewonnen. 2015/16 wäre Rot-weiß-rot sogar auf Platz vier hinter Norwegen, der Schweiz und Frankreich durchgereicht worden. Immerhin: Tendenz steigend. Im vergangenen Winter wäre man den Eidgenossen auf 35 Punkte nahegekommen. Was der Skination seit 2012 sonst noch entgangen wäre? Alle 20 Kristallkugeln, acht WM-Medaillen (zweimal Gold, fünfmal Silber, einmal Bronze – dafür dürften sich Michael Matt, Manuel Feller und Roland Leitinger statt Welt- bzw. Ex-Weltmeister nur Vize- nennen) sowie 58 von 94 Weltcupsiegen.

Es blüht eine Radikaldiät auf der Piste

Statistisch betrachtet kann sich die Alpinfraktion nach acht erfolgreichen Jahren auf eine Radikaldiät einstellen: 61,7 Prozent weniger Siege, 38,2 Prozent weniger Podestplätze. Richtungsweisend: Während Hirscher seine 67 Weltcuptriumphe mit in die Skipension nimmt, warten die fünf verbliebenen Siegläufer (Reichelt, Mayer, Franz, Schwarz, Matt) gemeinsam mit nur 28 ersten Plätzen auf. 13 davon gehen auf die Kappe von Hannes Reichelt, und dieser wird nächsten Sommer 40.

Auch international wird Hirscher vermutlich auf Jahrzehnte unerreicht bleiben. Obwohl er sein letztes Rennen am 17. März mit 30 Jahren und 15 Tagen bestritten hat – früher als jeder andere Topläufer seit 1990. Der erfolgreichste derzeit aktive Skifahrer (Ted Ligety) liegt mit 35 Jahren 42 Rennsiege hinter dem Salzburger, Alexis Pinturault (28) fehlen 44. Henrik Kristoffersen (25) hingegen, der das Zeug zum Seriensieger hätte, hielte bei 33 Weltcupsiegen – wäre er nicht hinter Hirscher 15-mal Zweiter geworden.

Der Meister tritt ab, aber wenigstens bleibt ein Teil des Know-how erhalten. Während sich Ferdl Hirscher, der Vater des Erfolges, wieder seiner Skischule widmen wird, übernehmen Individualcoach Mike Pircher und Physiotherapeut Josef Percht-Iurlov innerhalb des ÖSV und Servicemann Thomas Graggaber bei Atomic neue Aufgaben. Vielleicht öffnet sich Raum für Neues oder bleibt nur die Erkenntnis, dass nichts mehr so wird, wie es einmal war. Weil man Hirschers Körperbau, die perfekt darauf abgestimmte Skitechnik, seine Akribie, seine Genese und vor allem seine Unfähigkeit, Zufriedenheit zu empfinden, nicht nachahmen kann.

Der Meister tritt ab, die Führungsriege des ÖSV mit Präsident Schröcksnadel, Generalsekretär Leistner, Pressechef Schmid, sollte es ihm – wie angekündigt – 2020 gleichtun. Und damit Weitblick beweisen. Wer Zeitpunkt und Art seines Abschieds selbstbestimmt gestalten, das Heft des Handelns bis zum Schluss in der Hand behalten will, tut gut daran, die Zeichen der Zeit nicht zu ignorieren. Marcel Hirscher taugt auch in dieser Hinsicht als leuchtendes Vorbild.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2019)

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