Nordische WM: Vom Ramsau-Wunder blieben nur Wunden

Am 26. Februar 1999 erfüllte sich in Ramsau mit Staffel-Gold Österreichs größter Langlauf-Traum. In Liberec 2009 schafft es das ÖSV-Team nicht einmal mehr, überhaupt zwei Läufer für den Team-Sprint zu stellen.

(c) APA (Pfarrhofer Herbert)

WIEN/LIBEREC. „Jetzt san's Weltmeister, die Trotteln.“ Walter Mayers erste Aussage nach dem Gewinn von Staffel-Gold bei der Heim-WM in Ramsau 1999 ist ebenso unvergessen wie der eigentliche Ablauf des ganzen Rennens. Am 26. Februar 1999 schrieben Markus Gandler, Alois Stadlober, Michail Botwinow (trotz Sturzes!) und Christian Hoffmann Langlaufgeschichte. Auf der Ziellinie wurde Norwegen geschlagen, die Nation stand kopf. Plötzlich war dieser Sport nicht mehr nur ausschließlich für Skandinavier reserviert, auch Exoten wie Österreicher hatten endgültig ihren Loipenanspruch angemeldet. Die Langläufer waren in aller Munde, sie wurden gefeiert wie Alpinstars. Heute, zehn Jahre danach, ist aber von Glanz keine Rede mehr. Medaillen und Urkunden sind verstaubt, vergessen oder von Dopingskandalen überstrahlt.

 

Nur Hoffmann ist noch aktiv

In der Loipe ist Österreich am absoluten Tiefpunkt angelangt. Cheftrainer Bernd Raupbach schafft es bei der Nordischen WM in Liberec nicht einmal, zwei Läufer für den Team-Sprint (Gold gewann bei den Herren Norwegen, bei den Damen Finnland) aufzustellen. Das vorhandene Personal, es sind Manuel Hirner, Martin Stockinger und Harald Wurm, wäre weder in Form noch körperlich auf der Höhe. Ihre Einzelergebnisse fallen unter die Rubrik „ferner liefen“. Mehr Langläufer aber gibt es nicht, der Rest wurde nach Turin gesperrt oder hat aufgehört. Verschärft wird die Lage durch den Auftritt von Katerina Smutna. Zuerst gab sie in der WM-Verfolgung auf – das machte sie bereits in Sapporo 2007 – danach wurde sie krank und reiste ab.

ÖSV-Medaillen erwartet ohnehin kaum noch jemand. Zu tief sind die Wunden seit der Blutbeutel-Causa (2002) oder der Turin-Razzia (2006), zu lange ist kein Erfolg mehr verbucht worden. Michail Botwinow gewann 2006 noch Bronze über 50 Kilometer, seitdem setzt es nur noch Rückschläge, Entlassungen und Sperren.

Vom Gold-Quartett ist heute nur noch Christian Hoffmann (34) aktiv, er nimmt am Sonntag die 50-Kilometer-Strecke unter die Skier. Über Erwartungen verliert er kaum ein Wort, dafür ist die Dichte an der Spitze zu groß geworden. Den Ramsau-Auftritt aber wird er niemals vergessen, der bleibe für immer einzigartig. Auch deshalb, weil er als Schlussläufer die Kohlen aus dem Feuer holen musste nach dem Sturz von Botwinow. Er setzte sich um wenige Zentimeter gegen Thomas Alsgaard durch, es war ein „Jahrhundertsieg. Ich habe den Rennverlauf von 1999 tausend Mal erzählt. Es war das Rennen meines Lebens.“

 

„Jetzt ist es nur deprimierend“

Während Markus Gandler mit den Biathleten weiterhin respektive wieder auf der Erfolgswelle schwimmt, werkt Alois Stadlober als Nordischer Sportkoordinator des Landes Steiermark noch immer in der Ramsau. Von seinem Schreibtisch blickt er genau auf diese Ziellinie, einen rot-weiß-roten Siegertyp aber sah er dort schon lange nicht mehr. „Das war damals irre, verrückt. Ich gewann Silber und dann Gold, das war echte Befriedigung. Was aber bei der WM 2009 im Langlauf passiert, ist nur noch deprimierend!“, schildert der Experte seine Eindrücke. „Wir stehen am Abgrund. Das ist sogar noch schlechter, als wir damals angefangen haben. Einfach nur noch furchtbar.“

Das jetzige ÖSV-Aufgebot wirke zerzaust, sagt Stadlober. Und hinter der schwachen Spitze klaffe ein großes Loch. Biathlon stelle bereits einen größeren Anreiz für Jugendliche dar, der Jahrgang '88/'89 sei zwar aussichtsreich, aber noch nicht bereit. Das Loch mit ambitionierten und aussichtsreichen Talenten zu stopfen dauert also noch Jahre. Aber, und diese Fragen kann sich Stadlober nicht beantworten: „Geben die Läufer jetzt bei der WM wirklich alles? Und, in aller Deutlichkeit: Ich muss mit den Athleten auch den Trainer infrage stellen!“ Das Großereignis sei ja schließlich nicht über Nacht auf dem Programm gestanden. In Liberec funktioniere so gut wie gar nichts bei seinen Nachfolgern. „So weiterzumachen bringt nichts!“

 

Ein kleiner Funken Hoffnung

In Ramsau, beteuert der Steirer, treffe sich jedoch weiterhin die Loipenszene aus aller Welt zum Training. In der Pension „Erzherzog Johann“, die – gepachtet von Walter Mayer – lange das Hauptquartier war, wohnen heute nur noch Touristen. In Stams, Schladming und Saalfelden gebe es ebenfalls Leistungszentren, auch in Hochfilzen wachse neben den Biathleten wieder langsam das Interesse an den Langläufern.

Wenn in Liberec das Staffel-Rennen über 4x10-Kilometer stattfindet, wird Österreich nur zuschauen. Nicht nur Stadlober muss tief schlucken, schließlich benötige die Jugend doch Vorbilder, vorzugsweise Sieger. Gelingt es aber, die Junioren-WM 2013 in die Ramsau zu holen, hätte er Hoffnung, dass eines Tages wieder ein Österreicher auch in der internationalen Spitze (Sotschi 2014?) auftauchen könnte. Ob der ÖSV sich dafür aber bewirbt, ist noch offen. Angesichts der Erlebnisse der vergangenen zehn Jahre und des aktuellen Schauspiels erscheint es als sehr fraglich.

AUF EINEN BLICK

Am 26. Februar 1999 gewann
Österreichs Herren-Staffel erstmals WM-Gold. Markus Gandler, Christian Hoffmann, Michail Botwinow und Alois Stadlober distanzierten Norwegen in der Ramsau um wenige Zentimeter.

Am 26. Februar 2009 plagt sich Österreichs Langlauf mit zahlreichen Problemen. Bei der WM in Liberec ist keine Staffel am Start, sogar für den Team-Sprint musste die ÖSV-Auswahl passen. Nicht nur für Alois Stadlober ist der „absolute Tiefpunkt erreicht!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2009)

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