Bastian Kaltenböck: Und noch ein Erfinderschicksal

Bastian Kaltenböck war ein mittelmäßiger Skispringer, ist aber der Erfinder der Stabbindung, mit der andere Gold und viel Geld gewinnen. Ihm bleibt nur die Genugtuung.

Bastian Kaltenboeck noch Erfinderschicksal
Bastian Kaltenboeck noch Erfinderschicksal
Bastian Kaltenboeck – (c) EPA (Arno Balzarini)

Thomas Morgenstern schwört darauf. Simon Amann liebt sie, und auch viele andere Skispringer sind vom Effekt der Stabbindung begeistert. Sie erleichtert den Sprung, mit ihr werden größere Weiten erzielt. Dass der gebogene Stab O-Beine in der Flugphase erzeugt, ist nur ein kleiner Schönheitsfehler. Dass diese Innovation allein den Erfolg nicht garantiert, beweist Gregor Schlierenzauer. Er verlässt die Nordische WM in Oslo als dreifacher Weltmeister, springt aber weiterhin mit dem zarten Band, das durch die Materialrevolution verdrängt wurde.

Mit einem breiten Grinsen verfolgte Bastian Kaltenböck den letzten WM-Bewerb der Skispringer. Zwar saß der 27-jährige Salzburger nur in Innsbruck vor dem Fernseher und jubelte im Stillen über den Sieg im Teamspringen von der Großschanze, dafür verspürte er tief in seinem Innersten Genugtuung. Selbst war er ein mittelmäßiger Skispringer gewesen, aber die Erfolge der Kollegen imponieren ihm. „Auch, weil ich einen gewissen Anteil an ihren Siegen habe.“ Denn Bastian Kaltenböck ist der Erfinder der Stabbindung.


Innauer sagte Nein. 2007 hatte der Salzburger einen Einfall. Eine Idee, mit der das verflixte Skispringen leichter werden könnte. Die Skiführung müsste verbessert werden. Mit einem befreundeten Techniker machte er sich ans Werk. Schnell war die Lösung in Form eines Stabes gefunden. Der Ski klappt nach dem Absprung um, der Luftpolster wird größer – ein Meilenstein.

Der Durchbruch wurde ihm aber von Skisprung-Guru Toni Innauer verwehrt. Beim Weltcupauftakt in Kuusamo 2009 wollte Kaltenböck sein Fluggerät erstmals zum Einsatz bringen. In Absprache mit der Teamführung aber wurde beschlossen, dass es noch nicht fertig, eventuell sogar zu gefährlich sei. Auch die Angst einer Disqualifikation durch die FIS-Inspektoren trieb den ÖSV um. Der Erfinder nahm das Urteil zur Kenntnis, aber er ahnte Böses. Denn er hatte die Schweizer auf dem Bergisel trainieren und filmen sehen, und sein Freund, Gerhard Hofer, hatte mit großen Augen lange und neugierig auf das ungewöhnliche Bindungsteil geschielt.

Bei den Winterspielen in Vancouver 2010 wusste Bastian Kaltenböck, was Hofer so gierig beobachtet hatte. Der Servicemann der Schweizer hatte seine Erfindung, wenngleich modifiziert, an die Skier von Simon Ammann geschraubt. Ammann segelte zu zwei Goldmedaillen. Kaltenböck verabschiedete sich als Vorspringer unbemerkt aus dem Zirkus.

Das typische Schicksal österreichischer Erfinder hatte sich wiederholt. Der Einfallsreichtum bleibt unbelohnt, andere streifen Ruhm und Reichtum ein. Der einzige Trost, der Bastian Kaltenböck in diesem Augenblick blieb, war die Tatsache, dass er nicht der Einzige ist. Auch Josef Ressel, dem Erfinder der Schiffsschraube, Josef Madersperger (Nähmaschine), Johann Kravogl (elektrisches Kraftrad), Otto Nußbaumer (Radiodetektor), Peter Mitterhofer (Schreibmaschine) oder Siegfried Marcus (Automobil) werden in der Wissenschaft als gescheiterte Erfinder geführt. Sie hatten den Geistesblitz, andere das Geld, die Kontakte und Netzwerke.

Innauer bat um Hilfe. Die Enttäuschung hat Kaltenböck längst bewältigt. Immerhin hatte die Teamführung nach den Winterspielen ihren Fehler eingestanden und ihn um Hilfe gebeten. „Innauer kam zu mir“, sagt der Salzburger stolz, „und hat mich um Unterstützung auf dem Bindungssektor gebeten. Ich war dann als Servicetechniker dabei und habe unseren Burschen meine Idee erklärt.“ Ihm blieb wenigstens eine „kleine finanzielle Entschädigung“, mehr aber nicht. Denn auf die Patentierung hatte er damals verzichtet, auch aufgrund der Ungewissheit, ob denn der Stab tatsächlich halten würde. Zudem ist die Wissenschaft grenzenlos, sagt Kaltenböck, jede Form der Veränderung stellt ein neues Ideal, ein Produkt mit anderem Namen dar. „Das ist mir heute alles ziemlich egal, ich bin trotzdem stolz auf mich. Denn Morgensterns Siege zeigen mir, dass ich kein Depp bin.“

Mit dem Sport ist Bastian Kaltenböck weiterhin eng verbunden. Für PR-Zwecke war er bei der Ski-WM in Garmisch und diente im „Tirol-Berg“. Dieser Tage schließt er seine Trainerausbildung ab. „Ich will etwas zurückgeben“, sagt er. Das mutet skurril an, hat er doch schon mit seiner Erfindung mehr gegeben, als er sich hätte je erträumen können. Um sich abzusichern, hat er auch ein Masterstudium für die Tourismusbranche gemacht. Damit könnte er dem typischen österreichischen Erfinderschicksal doch noch entrinnen. Josef Madersperger starb einsam und verlassen in einem Wiener Versorgungshaus, während sich Schneider weltweit seiner Nähmaschine erfreuten. Er hatte den richtigen Zeitpunkt verpasst, sich von seiner Idee – im Guten – zu trennen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2011)

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